Beruf als Projekt

Von Knut Rennert, Oktober 2015

Leserbrief zu dem Beitrag »Vom Beruf zum Projekt« von Lars Grünewald in »Erziehungskunst«, Juni 2015.

Sehr geehrter Herr Grünewald!

Der Beginn des postindustriellen Zeitalters stellt uns vor große Herausforderungen, die die Arbeitswelt, das menschliche Miteinander und die Pädagogik verändern. Dabei stellt sich die Frage: Sind wir Gestalter oder Erleidende dieser Wandlung?

Die Frage der Individualisierung sehe ich ähnlich, möchte aber betonen, dass diese mit den Geburtswehen der Bewusstseinsseele verknüpft ist und damit, dass die heute geborenen Kinder eine immer größere Diskrepanz zwischen der vorgeburtlichen Welt und der Welt, in die sie hineingeboren werden, erleben.

Die »Entlastung« der Menschen von mechanischer Arbeit durch zunehmende Automation wirft die Frage auf: Wie können alle Menschen von dieser Entlastung profitieren? Es geht nicht an, dass Menschen entlastet werden, dann aber nichts mehr zum Beißen haben. Das kann nicht der Initiative des Einzelnen überlassen bleiben, denn die vielen Menschen, die aus der Arbeitswelt herausfallen, haben diese Entwicklung überhaupt erst ermöglicht. Das Kapital für die Automatisierung wurde eben nur teilweise durch die Unternehmer, sondern in Großteilen durch die Arbeiter gebildet. Wir stehen vor einem gesellschaftlichen Wandel, der erfordert, dass der Gesichtspunkt der Brüderlichkeit zum Motor des Wirtschaftens wird. Die Konsequenz, ohne welche dieser Wandel nicht friedlich bewältigt werden kann, ist ein wirtschaftlich (nicht staatlich) generiertes bedingungsloses Grundeinkommen. Was ja nicht heißen muss, dass Unternehmer nicht viel verdienen dürfen.

Doch auch auf Verbraucherseite ist ein Bewusstseinswandel dringend nötig. Die Alles-billiger-Mentalität, welche im Internet darin gipfelt, dass kostenlose Dienstleistungen und Programme bevorzugt werden, muss dahin verändert werden, dass wir jeder Leistung einen Wert zusprechen, der ohne Frage zu einer Preisbildung führt. So produzieren viele Menschen und vor allem diejenigen, die schon projektartig arbeiten, ein »Paar erste Schuhe« (»Nationalökonomischer Kurs«) nach dem anderen, bezahlen also ständig Lehrgeld, ohne jemals ein Einkommen zu erzielen (auch dieser Leserbrief entsteht auf diese Weise). Wie angemessene Preise für solche Leistungen zu ermitteln sind, wird eine weitere Herausforderung sein. Das berührt natürlich die »individualisierten Bedürfnisse« beider Seiten, ist aber ohne Sinneswandel nicht zu schaffen. Auch stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, wessen Einkommen erziele ich im Sinne des Sozialen Hauptgesetzes durch meine Arbeit?

Zur Projektarbeit selbst ist anzumerken: Künstler arbeiten seit jeher so. Ich denke, dass Joseph Beuys genau dies meint, wenn er sagt: Jeder Mensch ist ein Künstler. Vielleicht noch nicht jetzt, aber potenziell bzw. zukünftig. – Das wirft aber weitere Fragen auf: Bislang haben sich Künstler wenig um die Bedürfnisse ihrer Mitmenschen gekümmert, sondern sind vielmehr dem gefolgt, was sich ihnen als Werden-Wollendes zeigte. Ohne diese (asoziale, antisoziale …???) Haltung gäbe es die meisten großen Kunstwerke nicht! Bestimmten Bedürfnissen folgende Kunst wurde als Gebrauchskunst oder Kunsthandwerk abgetan, besonders in Bezug auf autoritäre Staaten. Zwar meine ich, dass sich auch diese Haltung ändern muss, dass es heute für den Künstler darauf ankommt: Was ist das Richtige für bestimmte Menschen, Gelegenheiten, Orte, Jahreszeiten usw. Aber trotzdem sieht sich der Künstler (im erweiterten Sinne) immer wieder in der Situation, dass er etwas zu tun hat, was momentan keine Resonanz in seinem Umfeld findet. Es stellt sich also die Frage, ob wir es schaffen, uns gegenseitig so zu tragen, dass diese Freiräume entstehen, bei gleichzeitiger Verantwortung des Einzelnen (auch des jeweiligen Künstlers) für das Ganze.

Das bedeutet für die Schule, dass endlich ernst gemacht wird mit Erziehungskunst, denn was Steiner als solche beschreibt, ist nichts anderes als Projektarbeit. Jeder Schüler, jede Klasse, jeder Unterricht, jeder Schulorganismus usw. ist ein Projekt, selbst wenn dieses nach überstandener Gründungsphase gern vergessen wird. Wir müssen Schule als Initiativ-Organismus denken und nicht als Arbeitsplatz mit Rentenberechtigung. Und das hat weitreichende Folgen. Was mache ich, wenn ich feststelle, ein Schüler oder eine Klasse braucht einen Unterricht, den es noch nie an dieser Schule gab oder kommt mit einem Unterricht nicht zurecht, den es schon immer gab? Ein Mensch, der immer wieder als Fremdsprachenkorrespondent oder Stewardess arbeitet und nur zeitweise unterrichtet, bringt andere Fähigkeiten und einen anderen Wind mit als jemand, der 50 Jahre den gleichen Englischunterricht macht und sich um seine Rente sorgt. Beide müssen etwas und zwar deutlich Verschiedenes dafür tun, um lebendig unterrichten zu können. Brauchen wir nicht eine »Erweiterung des Schulbegriffes«, weit über das Waldorfübliche hinaus?

Es geht also nicht nur darum, Projektfähigkeit zu unterrichten, sondern vielmehr sie zu leben. Das bedeutet aber, von gewachsenen Institutionen zu offenen Organismen überzugehen. Offene Formen zu schaffen ist das Eine, die Offenheit einer Form und die sich darin verwirklichenden Individualitäten zu ertragen, ist das Andere und vielleicht schwerere. »Ihr müsset von neuem geboren werden. Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist auch jeder, der aus dem Geist geboren ist« (Johannes 3). Ich glaube, das ist es, was jetzt erscheinende Seelen brauchen, um auch hier auf Erden eine geistige Heimat finden zu können.

Zum Autor: Knut Johannes Rennert ist freier Musiker und Instrumentenbauer, war 16 Jahre Waldorf-Musiklehrer in Gladbeck und Bremen-Nord.

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