Falsche Weichenstellungen

Von Reinald Eichholz, Januar 2016

Leserbrief zu »Inklusion – Möglichkeiten und Grenzen« von Karl-Reinhard Kummer, in: »Erziehungskunst«, November 2015.

Mit dem Blick des Kinderarztes hat Karl-Reinhard Kummer eine ganze Reihe von Problemen benannt, die bei der gegenwärtigen Inklusionspraxis bedrückende Realität sind. Entscheidend ist nur: Diese Kritikpunkte stellen den Inklusionsgedanken gar nicht in Frage. Inklusion hat eine viel weitere Dimension, als gegenwärtig gehandhabt und in dem Beitrag angesprochen. Es geht nicht um die Notwendigkeit, Inklusion zu begrenzen, sondern allein darum, einer grundlegend missverstandenen Umsetzung dieses Rechts in der Schule entgegenzutreten. Es führt zu falschen Weichenstellungen, wenn das Projekt Inklusion mit dem lehrplangebundenen gemeinsamen Unterricht in der »Regel(waldorf)schule« gleichgesetzt und auf die förderpädagogische Unterstützung der »Inklusionskinder« reduziert wird. Gemeinsames Leben und Lernen der Kinder mit und ohne Behinderung meint alle Kinder, und zwar im Unterricht wie im täglichen Umgang außerhalb des Unterrichts – in Freundschaften, in der Pause, im Spielen, klassenübergreifenden Unternehmungen, auf Wanderungen oder in künstlerischen Projekten. In diesem pädagogisch zu gestaltenden Gesamtzusammenhang entsteht das Gefühl der Zugehörigkeit, und je intensiver ungeteilte Gemeinschaft aller Kinder mit und ohne Behinderung im Alltag gelebt wird, desto eher kann ein reiches Szenarium vielfältigster Lernangebote – gemeinsam, aber auch in verschiedenen Leistungsgruppen und auch in geschützten Rückzugsräumen – geschaffen werden, ohne das Grundgefühl der Zugehörigkeit zu verletzen.

Zu einem großen Teil ist das noch Zukunftsmusik, vor allem wegen der unzureichenden Rahmenbedingungen. Der Weg ist noch lang und wird viel Zeit und Geld kosten. Da muss verhindert werden, dass heute Kinder in eine völlig ungeeignete »Regelschule« geschickt werden und gleichzeitig den Förderschulen durch die Vorgabe von Mindestschülerzahlen die Existenzgrundlage genommen wird. Für den bevorstehenden Entwicklungsprozess werden alle gebraucht, und je mehr Zusammenarbeit entsteht, desto besser für die Kinder.

Zum Autor: Dr. Reinald Eichholz ist Jurist und ehemaliger Kinderbeauftragter der Landesregierung Nordrhein-Westfalen.

Kommentare

Für diesen Artikel wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar hinzufügen


* Diese Felder müssen ausgefüllt werden.