»Ich genieße mein Leben, so lange es dauert«

Von Annett Pöpplein, Dezember 2013

Leserbrief zu Paolo Bavastro »Der Hirntod – eine Erfindung der Transplantationsmedizin« in Erziehungskunst, Oktober 2013.

Ich möchte gerne an die Berichterstattung der Erziehungskunst zum Thema Organspende anknüpfen, in dem ich Ihnen ein Buch vorstelle. Es ist die Geschichte meines Sohnes, Waldorfschüler aus ganzem Herzen, fast 16 Jahre alt, gesund und glücklich. Herztransplantiert mit fünf Jahren. Darauf angesprochen, wie er mit dem Wissen umgeht, dass sein Spenderherz nicht ewig hält, sagt er: »Ich weiß nicht, wie lange ich lebe, aber ich genieße mein Leben so lange, wie es dauert, und bin den Eltern des verstorbenen Kindes sehr dankbar, dass sie mir dieses Leben ermöglicht haben!«

Müsste in der Diskussion nicht bedacht werden, dass es um einiges wahrscheinlicher ist, dass sich in unserer Schulgemeinschaft ein Mensch – ein Schüler oder Familienmitglied – befindet, der mit einem Spenderorgan lebt, als dass es Angehörige gibt, die mit der Dia­gnose­stellung »Hirntod« konfrontiert waren und potenziell die Organe ihres Verstorbenen hätten freigeben können?

Beide Seiten – Organempfänger und Organspender – verdienen es, mit Respekt und Würde behandelt zu werden. Daher meine große Bitte, beide Seiten anzuhören: Die Seite des Arztes Paolo Bavastro und die Seite betroffener Waldorfschüler, denen ein Spenderorgan nach langem Leidensweg eine neue Lebensperspektive eröffnet hat und die aus ihrem Leben und von ihren Träumen erzählen könnten. Für Angehörige ist eine Organspende zweifellos ein schwieriger und belastender Schritt, der von den betreuenden Ärzten hoffentlich einfühlsam begleitet wird. Durch meine Arbeit als Psychologin war ich mit vielen Angehörigen von

Organspendern im Gespräch, die ihre Lieben – kleine Kinder, Jugendliche, Erwachsene – oft unter tragischen Umständen verloren haben. Sie alle haben die Organe schweren, aber aufrichtigen Herzens gespendet, und es gibt für sie keine schönere Nachricht als die, dass es den Organempfängern gut geht! Artikel wie die von Herrn Bavastro machen sie traurig und manchmal auch sehr wütend. ‹›

Zur Autorin: Annett Pöpplein ist Übersetzerin, Autorin und Psychologin

Zum Artikel: »Der Hirntod - eine Erfindung des Transplanationsmedizin«

Buchtipp: Annett Pöpplein, Das halbe Herz. Eine Überlebensgeschichte, 254 S., EUR 14,90, dtv, München 2012

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