Klassenlehrer sind keine Halbgötter

Von Birgit Dressel, Juni 2014

Leserbrief zum Themenheft »Klassenlehrer« in »Erziehungskunst«, Januar 2014.

Mir ist keine andere Pädagogik bekannt, die einem Außenstehenden einen derart großen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes zugesteht wie die Waldorfpädagogik den Klassenlehrern. Vielleicht aus gutem Grund? Eines steht jedenfalls fest: Ein solches Konzept birgt nicht nur große Chancen, sondern auch gravierende Risiken. Wenn es zwischen Kind und Lehrer nicht passt, wenn der Klassenlehrer gar einen Schüler über acht Jahre falsch einschätzt und behandelt, dann geht dieser mit einer schweren Hypothek belastet in sein Leben. Schließlich erheben Klassenlehrer den Anspruch, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern die Gesamtpersönlichkeit des Schülers zu prägen. Aus Absolventenstudien geht hervor, dass immerhin ein Drittel das Klassenlehrerprinzip kritisch sieht.

Dagegen hält die Waldorfpädagogik nach wie vor den Anspruch aufrecht, dass das Prinzip an sich schon positiv sei. Schwierigkeiten werden lediglich für die beiden letzten Klassenstufen eingeräumt. Für die Jahre davor aber gilt weiterhin: Es muss einfach passen!

Dass dies keineswegs automatisch der Fall ist, zeigt die wissenschaftliche Studie »Autorität und Schule« (Helsper et al., Wiesbaden 2007). In ihr werden am Beispiel von drei Klassenlehrern gelingende, aber auch misslingende Lehrer-Schüler-Konstellationen dargestellt. Das Misslingen ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen: Einzelne Schüler wurden über Jahre hinweg durch haarsträubende Fehleinschätzungen und Fehlbehandlung in ihrer Integrität verletzt. Was den Sozialwissenschaftlern innerhalb weniger Tage auffiel, blieb im Schulalltag unentdeckt und auch vor den Eltern verborgen. Besonders tragisch: Keiner der Lehrer brachte es fertig, eine Perspektive für den als problematisch etikettierten Schüler zu entwickeln. Nicht genug, dass sie die Betroffenen damit endgültig im Stich ließen, sie leugneten auch jeden Eigenanteil an dem gestörten Verhältnis.

Ich kann als Betroffene nicht behaupten, unter meinem Klassenlehrer explizit gelitten zu haben. Nach außen hin verlief meine Klassenlehrerzeit konfliktfrei. Es kam nie zu einer akuten Krise, die eine Kinderbesprechung erfordert hätte. Auch meine Eltern ahnten nichts. Und da ich meinen Eltern vertrauen konnte, schloss ich daraus, dass alles seine Ordnung hatte. So wuchs ich auf in der Gewissheit, eine bedeutungslose Randfigur zu sein, ohne wertvolle Eigenschaften und Fähigkeiten, die ich in die Gemeinschaft hätte einbringen können.

Fest steht, dass mein Klassenlehrer meinen Lernwillen und meine Fähigkeiten von Anfang an nicht zur Kenntnis nahm. In dem Maße wie er mir Herausforderungen und Anerkennung verweigerte, verweigerte ich ihm meine freudige Mitarbeit. In den Mittelstufenjahren wich seine Gleichgültigkeit einer zunehmenden Kälte und Ablehnung. Diese »stillen Konflikte« sind der blinde Fleck des Klassenlehrerprinzips. Und da sie offiziell nicht existieren, gibt es auch keine Maßnahmen für den Ernstfall. Welche Möglichkeiten hat ein Klassenlehrer überhaupt, wenn er zu einem bestimmten Schüler keinen Zugang findet? Die Antwort der Waldorfpädagogik lautet: Selbsterziehung. Was aber, wenn ein Lehrer dazu nicht in der Lage ist? Kann er sich Hilfe im Kollegium holen, ohne dass sein Eingeständnis von Schwierigkeiten als persönliches Scheitern wahrgenommen wird? In der Klassenlehrerstudie traten die Missstände erst durch die Beobachtungen von Außenstehenden zutage. Es sollte möglich sein, innerhalb einer Schule regelmäßig Hospitationen durchzuführen, damit problematische Konstellationen erkannt und Hilfe für alle Beteiligten geholt werden kann.

Ich könnte mir vorstellen, dass der Klassenlehrer bis in die achte Klasse als Ansprechpartner erhalten bleibt, jedoch schon in früheren Schuljahren zunehmend mehr Epochen von anderen Lehrern unterrichtet werden. Dies würde mehr Schülern die Chance auf eine ihnen gemäße Bezugsperson eröffnen. Auch würde es sich positiv auf die Unterrichtsqualität auswirken, wenn der Klassenlehrer sich auf bestimmte Fächer konzentrieren könnte. Es darf nicht sein, dass das Lernbedürfnis eines Schülers einen Großteil der Schulzeit hinter der Beziehung zum Klassenlehrer zurückstehen muss. Wenn diese Beziehung misslingt, steht nämlich die ganze Schulzeit auf der Kippe.

Es ist mir wichtig zu betonen, dass die oben dargestellten Konstellationen keinesfalls schicksalhaft sind, sondern systemimmanent. Es wird Zeit, dass die Waldorfpädagogik die übermenschlichen Ansprüche an ihre Klassenlehrer auf ein menschliches Maß herunterschraubt. Klassenlehrer sind keine Halbgötter.

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