Leserbrief zu »Kardinalfehler der Pädagogik« von Henning Köhler

März 2012

Sehr geehrter Herr Köhler! Mit Interesse habe ich ihren Artikel in der Erziehungskunst gelesen. Ich arbeite seit 10 Jahren als Erzieherin in einem Waldorfkindergarten und meine Kinder (20 bzw. 12 Jahre alt) gingen bzw. gehen auf die Waldorfschule. Dies nur zur Erklärung, weshalb ich mich in der Waldorfpädagogik sehr zu Hause fühle. Durch meine Arbeit habe ich auch viele Erfahrungen mit den Eltern. Ich erlebe Eltern heutzutage zunehmend verunsichert und sie spüren oft nicht mehr die richtige Intuition in sich.

Wenn ich nun Herrn Winterhoff lese, dann finde ich vieles dort bestätigt, was ich selbst beobachten kann. Er beschreibt zum Beispiel das »Problem« der Partnerschaftlichkeit. Meines Erachtens meint er damit, dass die Eltern ihre Kinder als Partner sehen, sie also quasi wie Erwachsene behandeln. Sie sollen Entscheidungen treffen,  die sie aber so noch nicht treffen sollten. Ihnen werden Probleme übergestülpt, die ihrer Entwicklung überhaupt noch nicht zuträglich sind. Damit hat er durchaus Recht.

Rudolf Steiner versteht die Kinder als in Ehrfurcht zu empfangene, in Liebe zu begleitende und in Freiheit zu entlassende Wesen, aber alles erst zu seiner Zeit. Partnerschaftlichkeit hat da erst viel später etwas zu suchen. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, das Kinder nicht Gefährten sein könnten.

Die Eltern, die mit ihrem Kindern in die Praxis des Herrn Winterhoff kommen, haben schon eine Menge erlebt und es schon viel Zeit vergangen. Die Kinder sind also nicht mehr im Kleinkindalter. Die Probleme sind dort aber entstanden. Ich verstehe nicht, warum sie von Konditionierungspädagogik sprechen, obwohl Herr Winterhoff doch ein Kinder – und Jugendpsychiater ist. Er hat eine völlig andere Herangehensweise an Erziehung bzw. deren möglicher Problematik.

Ich finde seine Ergebnisse sehr interessant und durchaus richtig, da ich ebenfalls viele Beispiele kenne. Eltern verstehen manche pädagogischen Grundsätze, auch von Steiner, nicht richtig oder deuten sie nicht richtig. Viele Eltern glauben zu Beispiel, bezogen auf den Freiheitsaspekt, dass sie ihre Kinder möglichst viel selbst entscheiden lassen sollten, damit sie später als Erwachsene dies besonders gut können und dadurch eine starke Persönlichkeit werden. Doch genau das Gegenteil kann der Fall sein. Die Kinder erleben ihre Eltern als unsicher, wenn sie den Kindern die Entscheidungen überlassen.

Wenn das Kind keine festen und entscheidungsfähigen Eltern als Vorbild hat, dann kann es auch nur diese Unsicherheit nachahmen. Rudolf Steiner sagte dies genauso wie heutzutage Herr Winterhoff, nur aus völlig verschiedenen  Blickwinkeln.

Ich vermute ganz stark, dass sie Herrn Winterhoff völlig missverstehen. Er mag natürlich keinen anthroposophischen Hintergrund haben, aber durch seine Praxiserfahrung spricht er mir teilweise aus der Seele.

Genauso ist es mit der Projektion. Er spricht von Beziehungsstörungen. Wieso ist es denn ihrer Meinung nach gesund, wenn die Eltern abhängig sind von der Zuneigung ihrer Kinder? Das hat doch nichts mit der Liebe zu tun, die Rudolf Steiner meinte.

Symbiose als Beziehungsstörung bedeutet doch, so wie ich Herrn Winterhoff verstehe, dass die Eltern die Kinder nicht als ihre Kinder sehen, sondern sie sehen sich selbst in ihrem Kind. Wird dem Kind etwas vorgeworfen, dann fühlen sich die Eltern angegriffen, und zwar weil sie sich symbiotisch, also eins mit dem Kind fühlen. Weshalb sollte dies eine gesunde Basis für eine Eltern/Kind Beziehung sein?

Rudolf Steiners Ansicht nach soll doch der Erwachsene das Vorbild sein, so das die Kinder sich an ihm erziehen können ( Selbsterziehung). Wie kann er ein echtes Vorbild sein, wenn er solchen psychologischen Fehleinstellungen aufgesessen ist?

Herr Winterhoff wird meines Erachtens oft fehlinterpretiert und ich frage mich dann, ob die Menschen das Gleiche gelesen haben wie ich. Wie kommen sie zu solchen Rückschlüssen? Herr Winterhoff hat doch nirgends etwas davon geschrieben, dass man Kinder als Untertanen behandeln soll, die gefälligst zu folgen haben. Vielleicht spricht er nicht von Ehrfurcht von dem Geiste des Kindes, aber mal ehrlich, wer von den anderen Nichtanthroposophen spricht heute noch von Geist? Das ist ein ganz anders geartetes Problem.

Wir Erzieherinnen können den Eltern, die womöglich noch nie von Anthroposophie oder Rudolf Steiner gehört haben, ja auch nicht sofort von Karma oder Geistselbst sprechen.

Ich verstehe ihr Anliegen, mehr an die »eigene Arbeit« der Kinder zu glauben und ihren Willen sich an uns zu erziehen zu erhalten, aber nichtsdestotrotz, muss ich mich hier für Herrn Winterhoff in die Bresche werfen, der meiner Ansicht nach völlig zu Unrecht missverstanden wird!

Mit freundlichen Grüßen

Dorina Varnhorn

Kommentare

Annegret Egger, 13.04.12 10:04

Liebe Frau Varnhorn, Sie sprechen mir aus der Seele. Danke. Es gibt ein interessantes Interview mit dem inzwischen verstorbenen Wolfgang Bergmann über Herrn Winterhoffs Buch.

Bergmann fällt über Herrn Winterhoff mit wüsten Worten her, als ob der gerade Äpfel aus seinem Garten geklaut hätte, - wer aber genau liest, wundert sich, denn beide vertreten ähnliche Thesen, aber umschreiben diese mit anderen Worten.

Es erstaunt mich immer wieder, wie auch Herr Köhler sich an einzelnen Begriffen Winterhoffs festbeisst (schon seit Jahren )ohne verstehen zu wollen, was gemeint ist ( so kommt es mir zumindest vor).

Es spricht übrigens sehr für Herrn Winterhoff, das er sich auf die polemische Auseinandersetzung von Bergmann nie herabgelassen hat.

Schade finde ich an den Äusserungen von Herrn Köhler, das er Winterhoff quasi vorwirft, kein Anthroposoph zu sein, - ideale Voraussetzung um sich jemanden zum Feind zu machen anstatt miteinander ins Gespräch zu kommen ... Warum kann man das , was in Jahrelanger Berufstätigkeit beobachtet und erarbeitet wurde nicht einfach als einen hervorragenden Beitrag würdigen, und meinetwegen bereichern um den anthroposophischen Standpunkt?

Das wäre konstruktiver und würde auch wesentlich souveräner erscheinen.

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