Plädoyer für eine aussterbende Spezies

Von Susanne Lucas, September 2015

Leserbrief zu dem Beitrag »Die Mütter verschwinden« von Caroline Reiter in »Erziehungskunst«, Mai 2015.

Mir hat der Beitrag von Ute Hallaschka »Die Mütter werden abgeschafft« in der Erziehungs­kunst 03/15 ebenfalls aus der Seele gesprochen und ich kann die Ausführungen von Caroline Reiter in Ausgabe 05/15 »Die Mütter verschwinden« nur voll und ganz unterstreichen!

Ich gehöre wie sie zur aussterbenden Spezies der begeisterten Mutter, die längere Zeit ihre Kinder selbst versorgt hat und zu Hause war.

Über Langeweile konnte ich auch nie klagen. Einmal wurde ich gefragt, ob ich geistig nicht unterfordert sei. Unglaublich! Nein, ich habe mich in dieser Zeit in viele unterschiedliche Themengebiete eingearbeitet, die mir mein Außer-Haus-Beruf nicht hätte bieten können. Da ich meine Kinder nicht vor Medien geparkt habe und auch kein SUV mit dem Aufkleber »Mom’s Taxi« vor der Tür stand, war unsere wunderbare gemeinsame Zeit sehr ausgefüllt und ereignisreich mit viel Bewegung an frischer Luft. Für mich war das ein großes Glück, das nicht mit Geld aufzuwiegen war: ein kostbarer Abschnitt intensiver gemeinsamer Lebenszeit. Wir vergessen oft, dass es keine Garantie gibt, alt zu werden und das Leben doch auch jetzt und hier stattfindet.

Seit über acht Jahren arbeite ich wieder als qualifizierte Fachkraft in der Betreuung von Säuglingen und Kleinkindern in der Kindertagespflege und habe viel Erfahrung mit den Lebenswelten heutiger Kinder. Meine Berufskolleginnen und ich bedauern den zunehmenden Stress, dem bereits die Allerkleinsten (U1) ausgesetzt sind. Sie werden mitunter morgens schlafend aus dem Bett geholt und dann häufig acht Stunden, einen Arbeitstag lang, an fünf Tagen in der Woche fremdbetreut. Sicherlich sind die meisten U3-Kinder in der behüteten Kleingruppe einer liebevollen Tagesmutter nach Eingewöhnung gut aufgehoben. Aber warum wird es Eltern so schwer gemacht, ihre Kinder zumindest in den ersten zwei, drei Jahren zu Hause zu betreuen? Zwecks Kontaktaufnahme zu anderen Kindern gibt es in den meisten Städten diverse Angebote (Pekip, Spielgruppen, Kinderturnen, Schwimmen, Spielplätze …). Auch danach ist es nach meiner Erfahrung noch länger erforderlich, dass zumindest ein Elternteil nachmittags Zeit schenken und Ruhe ausstrahlen kann. Dies ist in Institutionen nur bedingt möglich; Rückzugsmöglichkeiten gibt es kaum. Die Kindheit heute ist oft alles andere als unbeschwert …

Die gesellschaftlichen Bedingungen müssen sich grundsätzlich ändern, so dass Eltern Kleinkinder nach Wunsch auch selbst betreuen können, ohne Nachteile im Job zu riskieren. Eine gleichberechtigte Arbeitsaufteilung Job / Kinderbetreuung / Hausarbeit darf keine Utopie mehr sein. In Männerjobs muss Teilzeitarbeit ebenfalls möglich sein. Qualifizierte und erfahrene Frauen, die länger im Beruf ausgesetzt haben, müssen bessere Chancen des Wiedereinstiegs erhalten und nicht nur noch in 450-Euro-Jobs ausgenutzt werden. Nach Trennungen dürfen sie nicht in die Altersarmut abrutschen. »Mama, toll, dass du zu Hause bist«, titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 10. Mai 2015.

Das Thema scheint doch präsenter, als man denkt und die Hausfrauen und Mütter lassen sich nicht länger die Abwertung ihrer wertvollen Tätigkeit gefallen! ‹›

Zu der Autorin: Susanne Lucas ist Mutter zweier Kinder und arbeitet in der Kindertagespflege.

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