Präger oder Träger?

Von Achim Dewéth, Februar 2017

»Lehrerpersönlichkeiten prägen Schülerschicksale, tragen zu menschlichen Biographien bei, die ein Leben lang nachhallen«, so die Bildunterschrift auf Seite 6 der Dezember - Ausgabe »Erziehungskunst«, neben zwei Photographien einer Schülerin in der 1. und 12. Klasse.

Was für eine vertrackte Formulierung. Eher ein Wunsch vielleicht, der Lehrer möge eine Persönlichkeit sein und als solche die Schicksale seiner Schüler prägen? Ein versteckter Wunsch nach Einfluss mit den Mitteln der fürsorglichen Belagerung oder Übermächtigung gar?

Was sollte ein Lehrer zur Biographie seiner Schüler beitragen? Wer sich an Lehrer seiner Kindheit und Jugend erinnert und das im denkbar positivsten Sinne, der wird  gerade in der verwegenen Zurückhaltung ein begeisterndes Element finden. Wie es auch Begegnungen gibt, die namenlos bleiben, weil die Personen und Schauplätze aus der Erinnerung nicht mehr zu betiteln sind, doch bleibt ein Erlebnis, von niemandem absichtsvoll inszeniert, von tiefer Eindrücklichkeit.

Menschen, die von Rolle oder Status eines Lehrers ganz unabhängig sind, die freihändig zu handeln wissen, aus Liebe zum Augenblick, aus Begeisterung für ein Handeln aus Evidenz, aus Erkenntnis. Eine Erkenntnis aber ist hier gemeint, die nicht im Faktischen, Informativen sich erschöpft, sondern aus Erkenntnis, die Flamme ist. Niemals wollen solche Menschen, eines anderen Menschen Schicksal prägen, denn in jedem Augenblick bringen wir uns selbst hervor, ob Lehrer oder Schüler, Straßenfeger oder Dirigent. Und ein Geburtshelfer in gewissem Sinne mag der Pädagoge sein, jedoch kein Schicksalspräger. Ja, sagen kluge Kollegen, ist ein Geburtshelfer denn nicht auch ein Schicksalspräger? Nein, bestenfalls ein Schicksalsträger.

Prägen von Schicksalen, das klingt nach Bevormundung, wenn auch unter dem Vorwand der Entwicklungshilfe, ein immer noch weit verbreitetes Symptom des Lehrerberufs. Prägung als Einfluss, gut gemeint, aber schlecht verstanden? Schicksal als sichtbarer Teil des Lebensweges? Das Schicksal, ernst genommen, ist unsichtbar. Schicksal als Vita, mitgebrachte Fracht, Veranlagung und Talent und deren gesellschaftliche Verwendbarkeit?

Eine aberwitzige Vorstellung, dass es Kollegen geben könnte, die an dieser Stelle sagen: Ja genau das, wovon du sprichst, ist ja mit dem Satz unter den Photographien gemeint! Warum sagst du es dann nicht selbst? Und wenn es ein anderer sagt, so wie ich es jetzt tue, ist es das Ergebnis einer Prägung meines Schicksals durch deine Persönlichkeit, die in diesen Zeilen steckt? Siehst du nicht, wie aus dem engen Kreis deiner Zeilensicht kein Entrinnen ist? Also sprenge die Ketten und bilde dein eigenes Leben, präge dein eigenes Schicksal und lass alle Kinder frei.

Kommentare

henning köhler, Nürtingen, 12.03.17 18:03

Lieber Achim Dewéth, ich stimme Ihnen völlig zu.
Beste Grüße
Henning Köhler

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