Zum Teufel mit den Anforderungen

Februar 2017

Warum sich Eltern selbst im Weg stehen: Antworten des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul, Gründer und Leiter des Kempler Instituts und Autor zahlreicher Erziehungsratgeber.

Foto: © Charlotte Fischer

Erziehungskunst | Schaut man auf die Unmenge von Literatur zur Erziehung von Kindern und Jugendlichen, könnte man meinen, Elternsein sei der schwierigste Beruf auf der Welt. War das schon immer so oder ist das ein neues Phänomen?

Jesper Juul | Ich glaube nicht, dass es die schwierigste, wohl aber die wichtigste Aufgabe der Zukunft ist. Bis in die 1970er Jahre verlief die Entwicklung der Erziehung wesentlich langsamer und natürlicher. Jede neue Generation modernisierte die Regeln ein wenig, aber die Grundwerte, das heißt die herrschenden Paradigmen, waren unverrückbar wie ein Fels. Infolge der antiautoritären Bewegung wurde die Erziehung demokratisiert, was zu einer Verunsicherung und Verwirrung der Eltern und Kinder führte. Die Frage, warum Eltern auch Führungsqualitäten haben müssen, wurde nicht diskutiert – und mehr noch: Unser Wissen über die Entwicklung und das Wesen von Kindern explodierte geradezu. Langsam etablierte sich ein neues Paradigma, nämlich vom Kinde aus zu denken. Erziehung musste von Grund auf neu gedacht werden.

Die Angehörigen meiner Generation, die in den 1970/80er Jahren Kinder bekamen, waren hauptsächlich damit beschäftigt, das Gegenteil dessen zu tun, was ihre eigenen Eltern getan hatten – aber das funktionierte nicht. Seit Beginn des neuen Jahrtausends haben sich Millionen von Eltern und Lehrern darum bemüht, eine völlig neuartige Form von Erziehung zu finden. Eine ähnliche Entwicklung fand im Verhältnis von Mann und Frau statt. Es ging nicht nur darum, der Unterdrückung der Frau ein Ende zu setzen, sondern auch um die komplette Neuerfindung von Ehe und Partnerschaft. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Wir müssen noch viel lernen und wir bedürfen der Inspiration, um bessere Wege zu finden.

EK | Einerseits zahllose Ratgeber, andererseits kein inneres Wissen mehr wie Kinder erzogen werden müssen? Was ist zu tun?

JJ | Die Herausforderung liegt nicht darin, über unsere Kinder immer besser Bescheid zu wissen. Dieses Wissen können wir inzwischen online abrufen. Die wirkliche Herausforderung liegt darin, dass wir gewillt sein müssen, uns selbst zu erkennen und uns als menschliche Wesen zu entwickeln, damit wir in diesem Prozess zu unserem neuen Verständnis von Elternschaft finden. Noch immer ist uns eine Fülle an Weisheit zugänglich, wenn wir nicht davor zurückschrecken, sie aufzusuchen und dem zu vertrauen, was wir finden – aber die Mehrheit der Eltern fühlt sich schlecht, weil sich das Elternsein nicht mehr von selbst versteht. Die Gefahr besteht darin, dass Eltern versuchen, das, was ich und andere Experten sagen, einfach zu imitieren, ohne dass sie selbst über ihre Werte und ihr Verhalten nachdenken, und versuchen, ihre Kinder besser kennenzulernen. Am wichtigsten aber ist, dass Eltern heute bereit sein müssen, zusammen mit ihren Kindern zu lernen und anerkennen, dass jede Elternschaft ebenso wie jedes Kind einzigartig ist. Da helfen keine Ratgeber.

EK | Warum sind Eltern so ängstlich geworden und was macht sie zu Helikopter-Eltern?

JJ | Wenn Eltern unsicher sind, versuchen manche diese Unsicherheit durch Perfektion zu kompensieren. Sie sind weniger damit beschäftigt, Gutes zu tun, als damit, Fehler zu vermeiden. Helikoptereltern stellen eine Extremform dieses Perfektionismus dar. Sie sind so auf Sicherheit, Kontrolle und Vorbeugung fixiert, dass sie völlig vergessen, warum sie das alles tun. Schließlich schützen sie nur noch ihre eigene Vorstellung und ihr Selbstbild und vernachlässigen die Bedürfnisse ihrer Kinder, die befriedigt werden müssen, damit diese ihre emotionale und soziale Intelligenz entwickeln können. Perfektionismus ist der Tod aller zwischenmenschlichen Beziehungen.

EK | Nehme ich mir die sinnvollen Ratschläge aus Seminaren und Ratgebern zu Herzen, bin ich den ganzen Tag nur damit beschäftigt, mich selbst, die Kinder, unsere Eltern-Kind-Beziehung zu kontrollieren. Ich verliere den unmittelbar gelebten Bezug zu den Ereignissen. Wie kann ich dieser Selbstbeobachtungsfalle entgehen?

JJ | Erlaube dir selbst zwanzig Fehler am Tag und erforsche dein Gewissen nicht mehr als einmal im Monat. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sie brauchen Eltern, die Menschen sind wie sie selbst, damit sie sich in einer Realität und nicht einer Fiktion spiegeln können.

EK | Wie können wir uns von den Vorstellungen befreien, mein Kind muss sich gut entwickeln, es muss spielen, es muss dies, es muss das?

JJ | Ich kenne nur einen Trick: Wende dich deinem Kind zu, erfreue Dich an ihm und liebe es, und zwar so, wie es in jedem Augenblick gerade ist. Wenn das Kind dieses Lebenselixier aufnehmen kann, dann wird es sein ganzes Potenzial entwickeln, und zwar in einem Tempo, das ihm und nicht irgendeiner Statistik entspricht.

EK | Woran liegt es, dass junge Erwachsene nicht mehr flügge werden und noch mit 30 Jahren zu Hause wohnen.

JJ | Weil der eine oder andere Elternteil nicht zulässt, dass sie erwachsen werden und selbst Verantwortung übernehmen. Die Eltern schöpfen Befriedigung daraus, für sie zu sorgen und ihre Kinder – meistens Söhne – erfüllen bereitwillig und häufig, zumindest vordergründig, zu ihrem eigenen Vorteil dieses Bedürfnis ihrer Eltern. Viele dieser Eltern spielen das alte Spiel der Doppelbindung (double bind). Sie verwöhnen das Kind und gleichzeitig beklagen sie sich über dessen Unselbständigkeit.

EK | Laut Umfragen – zum Beispiel der Shell-Studie – wünschen sich junge Menschen Familie und Kinder. Sie bekommen aber keine Kinder und gründen auch keine Familie. Wie kommt es zu diesem widersprüchlichen Phänomen?

JJ | Ich bilde mir nicht ein, eine Antwort auf diese Frage zu haben. Die Umfrage entspricht anderen, in denen Eltern beteuern, sie wollten mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen, gleichzeitig arbeiten sie aber immer mehr. Die jungen Erwachsenen leben in einer äußerst komplizierten Gesellschaft, die hohe Anforderungen an sie stellt, und sie verlangen sich selbst Unmögliches ab: perfekte Partner zu sein, perfekten Sex zu haben, perfekte Köche zu sein, perfekte Fitness zu besitzen. All dies ist irreal und deswegen fürchten sie sich vor einer Partnerschaft mit realen, notgedrungen unvollkommenen Menschen.

EK | Was bedeutet für Sie Erziehung und was verdirbt die Lust aufs Elternsein?

JJ | In der Erziehung geht es darum, Werte und Verhaltensweisen weiterzugeben, die ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermitteln, und wenn du das Gefühl hast, dass du das nicht kannst, dann ist die Versuchung groß, dich auf andere Aspekte des Lebens zu konzentrieren, in denen du dich kompetent und wertgeschätzt fühlst.

EK | Gibt es Gründe, warum Eltern nicht mehr in der Lage sind, einerseits mit ihren Kindern mitzuwachsen und andererseits ihnen freundlich ihre Grenzen aufzuzeigen?

JJ | Vermutlich gibt es die, aber ich kenne sie nicht.

EK | Wie können wir unsere unmittelbare Freude, unser Glück, mit Kindern zusammen sein zu dürfen, erhalten – entgegen allem Stress durch Erziehungsmaßnahmen?

JJ | Der einzige Weg, den ich kenne, besteht darin, eine Liste mit all den Forderungen anzufertigen, die die Außenwelt an dich stellt und zu dir selbst und anderen zu sagen: »Zum Teufel damit! Ich will mein Leben und meine Familie genießen. Ich will mich diesem Wettbewerb nicht unter­werfen.«

Die Fragen stellten Ariane Eichenberg und Mathias Maurer. Übersetzung aus dem Englischen Lorenzo Ravagli.

Weitere Informationen: www.familylab.de; die familienwerkstatt Beratung für Familien, Schulen und Unternehmen.

Kommentare

Angela Huy-Vorrink, Eresing, 13.02.17 20:02

Ein wundervolles Interview. Ich hoffe, es macht Eltern Mut.

Ich habe (aus gutem Grund - sie haben mich verunsichert) nur sehr wenige Erziehungsratgeber gelesen.

Ein Stilbuch einer Hebamme hat mir jedoch Mut gemacht. Neben Tipps, die sicherlich dabei waren, mir jedoch entfallen sind, war der Tenor des Buches: Trau dir selbst. Es ist nur wichtig, dass es dir und deinem Kind gut geht. Lass die anderen reden und lass dich nicht durch sie verunsichern.
Dieses Buch hat mir Mut gemacht und so habe ich gehandelt.
Jedes An- und Auskleiden, jedes Wickeln, jedes Baden habe ich mit Zeit und Freude an meinem Kind gemacht. Haushalt war Nebensache. Perfekt war er sicher nicht.
Doch ich hatte Freude meine Tochter kennenzulernen, lernte dabei viel, bekam viel zurück all die Jahre.
Natürlich waren da Herausforderungen. Natürlich habe ich nicht alles perfekt gemacht.
Doch eines scheine ich wohl gekonnt zu haben: Sie hat sich immer angenommen und geliebt gefühlt. Sie zweifelt nicht daran ein geliebter und wertvoller Mensch zu sein.
Sie hat auch ihre Hochs und Tiefs, kennt Zweifel und hält sich nicht für den Nabel der Welt. Doch sie konnte einen stabilen Selbstwert aufbauen, der es auch zulässt, auch andere zu sehen und neben sich als gleichwertig anzuerkennen.
Was kann ich mir noch wünschen?

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