Stufen des Lebens – ästhetisch dargeboten

Von Dietrich Schneider, Dezember 2014

Ich habe ein kleines Büchlein in der Hand. Äußerlich fällt es auf durch ein Format, das von den üblichen Buchformaten abweicht: es ist fast quadratisch. Auf der Umschlagseite – zwei schneebedeckte Gipfel aus einem Bild von Ferdinand Hodler ragen aus dem dunklen Grund hinauf in den blauen Himmel. Und unterhalb der Gipfel in der dunklen Welt der Titel: »Und mancher noch ist auf dem Weg. Stufen des Lebens – von Dichtern gesehen«.

Wenn ich das Buch aufschlage und schnell mal die Seiten an mir vorbeiblättern lasse, dann habe ich gleich einen wunderbaren ästhetischen Eindruck: schöne breite Ränder, viel weißes Papier, und die Texte sind harmonisch in die Buchseite eingefügt.

Was ist das für ein Buch? Ich schlage nun Seite um Seite um und finde Gedichte und Prosatexte. Und ganz schnell lese ich mich fest; da ist Bekanntes und Unbekanntes in einer schönen Mischung vertreten. Es handelt sich um eine Anthologie von Texten, die uns durch die Stufen des Lebens begleiten, so wie sie Dichter und Schriftsteller durch alle Zeiten hindurch bis in die Gegenwart gesehen, befragt und in Worte gefasst haben.

Da wird der Blick gelenkt auf den Beginn des Lebens, es folgen »Zeichen und Bilder am Weg«, »Arbeit: Auf der Suche nach Lebensaufgaben«, »Ideale: Dem Leben Sinn und Inhalt geben«, »Zwischen Ich und Du«, »Mit Augenzwinkern betrachtet«, »In fortgeschrittenem Lebensalter«.

So werden wir in vielfältigen Gedanken durch die Stufen des Lebens geführt, meistens in der Sprache der Lyrik. Diese Sprache verdichtet, bringt in eine knappe Form, was oft undeutlich in unseren Empfindungen lebt. Es ist aber auch die Sprache, die über den Alltag hinaushebt, uns öffnet für größere Dimensionen. Und so ist es auch folgerichtig für das ganze Buch, wenn das letzte Kapitel »Am Lebensende« nicht so sehr den Tod als Ende in unseren Blick stellt, sondern vielmehr der Frage nachgeht, inwiefern der Tod auch nur ein Schritt auf dem Weg ist, den unsere Individualität geht. Dabei ist es erstaunlich, welche Zeugnisse der Herausgeber bringt für ein Sein jenseits des Todes. Dieses Kapitel könnte in einem weiteren Buch fortgesetzt werden.

Wenn ich noch einmal auf die anfangs gemachte Bemerkung zurückkomme, dass viel weißes Papier ein charakteristisches Zeichen dieses Büchleins ist, dann möchte ich hier betonen, wie positiv ich das empfinde. Die Texte stehen meistens auf einer Seite für sich. Das Gedicht ist eine Individualität, mit der ich mich beschäftigen, verbinden kann, in die ich eintauchen kann. Es kann uns zum Nachdenken, auch zum Meditieren anregen. Das ist das weiße Papier, der leere Raum, der gehört jetzt mir.

Das Buch kann nur jedem Menschen in jedem Alter empfohlen sein. Es kann zu einem Begleiter durch das Leben werden. Es ist sicherlich auch schon ein Geschenk für die Konfirmation – auch wenn die meisten Lebensstufen noch vor den Jugendlichen liegen.

Und mancher noch ist auf dem Weg. Stufen des Lebens – von Dichtern gesehen. Herausgegeben von Olaf Daecke,128 Seiten, farbig illustriert, gebunden, Verlag Urachhaus, 12,90 Euro