Täterstrategien. Das Motiv für Missbrauch ist nicht Sex, sondern Macht

Von Mathias Wais, Mai 2015

Vertrauen schützt nicht vor Missbrauch. Im Gegenteil: Missbrauchssituationen beruhen auf einem sorgfältig aufgebauten Vertrauensverhältnis zwischen Täter und Kind. Mathias Wais zeigt, wie manipulativ die Täter vorgehen, was mit ihren Opfern geschieht und was wir als Eltern zur Vorbeugung tun können.

Foto: © stille wasser/photocase.de

Ein zwölfjähriges Mädchen möchte Reitunterricht haben. Es ist eine Pferdenärrin und liegt den Eltern mit ihrem Wunsch schon lange in den Ohren. Der Reitlehrer ist nett und nimmt das Kind gerne in seine Gruppe auf. Nach einiger Zeit empfiehlt er Einzelstunden, denn das Mädchen sei sehr begabt, es mache große Fortschritte. Die Eltern des Mädchens verstehen sich gut mit dem Reitlehrer, sind öfters mit auf dem Reithof, ein freundschaftliches Verhältnis entsteht. Sie fühlen ihr Kind dort gut aufgehoben und der Einzelunterricht schmeichelt dem Mädchen. Das geht eine ganze Weile.

Der Reitlehrer nähert sich dem Mädchen mit harmlosen freundschaftlichen Gesten. Sie verspanne sich zu sehr, so dass er ihr den Rücken, die Beine und den Bauch massieren müsse. Auch er leide unter ähnlichen Beschwerden und wünsche sich eine Behandlung. Der Helferinstinkt des Kindes wird angesprochen, es fühlt sich durch die individuelle Zuwendung anerkannt und ernst genommen. Es kommt zu sexuellen Übergriffen. Der Reitlehrer lädt das Mädchen in die Dusche ein. Man würde sich nun ja schon so lange und gut kennen, was wäre da schon dabei. Er stellt dem Mädchen die Frage, ob es lieber Apfel- oder Kastanienshampoo wolle … Der Täter geht in einer typischen Weise vor: Er macht sein Opfer durch Scheinentscheidungsfragen zur Komplizin der folgenden Missbrauchs-Handlung. Daraus resultieren bei dem Opfer das Gefühl, aktiv am Missbrauch beteiligt zu sein, und unter Umständen lebenslange Schuldgefühle: »Was muss ich für ein schlechtes Kind gewesen sein.« Auf dieser »Grundlage« baut der Täter Stück für Stück das sexuelle Verhältnis aus.

Vertrauen und Geheimnis

Missbrauch findet immer in einer Vertrauensbeziehung und im sozialen Horizont des Kindes statt. Missbrauch ist etwas völlig anderes als Anwendung körperlicher Gewalt (Vergewaltigung). 95 Prozent der Täter sind männlich und nicht pädophil, sondern haben auch normale intime Beziehungen zu Erwachsenen. Das Missbrauchsopfer hat kein Opfergefühl – im Gegenteil: Es fühlt sich durch den Täter sozial aufgewertet. Der Täter hat ein Sensorium für das Zuwendungsbedürfnis des Kindes; er bietet sich als Helfer an und macht das Kind systematisch befangen, etwa durch »Einweihung« in Erwachsenenthemen wie zum Beispiel seine Eheprobleme. Es wird seine Erlebnisse nicht in der Peer Group kommunizieren und es isoliert sich zunehmend von den Gleichaltrigen. In den wenigsten Fällen verlangt der Täter das Geheimnis, sondern das Kind schützt von sich aus das Geheimnis einer besonderen, aus seiner Sicht privilegierten Beziehung.

Verzerrtes Wahrnehmen von Ich und Wir

Wo wird das Kind durch Missbrauch am meisten traumatisiert? Es wird weniger in physischer oder seelischer Hinsicht traumatisiert als in seiner sich gerade entwickelnden Ich-Funktion. Diese Störung zeigt sich darin, dass das Kind sich nicht abgrenzen, nicht Nein sagen kann. Es meint, allen anderen zur Verfügung stehen zu müssen. Das Kind wächst quasi in einem Haus ohne Türen auf. Dadurch kommt es zu einer kranken und verzerrten Wir-Einstellung, die zu einer chronischen Ausbeutbarkeit führt, die an seinen Kräften zehrt. In einer gesunden Wir-Einstellung verliert sich das Ich nicht, sondern fühlt sich im Wir als ein Eigenes aufgehoben. Ein gesundes Abgrenzen und Verbinden fördert die Ichfindung. Insofern schädigt Missbrauch den innersten Kern des Opfers.

Abspaltung und Derealisierung

Sexueller Missbrauch ist eine Eskalationshandlung, die sich zum Teil über viele Jahre hin erstreckt. Über eine weite Strecke wird der Missbrauch als solcher nicht erlebt. Das Kind hat kein Opfergefühl.

Die Täter beziehen in den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zum Kind die Eltern meist mit ein, oft sind sie mit ihnen sogar befreundet oder verwandt. Eltern leben in dem Glauben, dieser Mensch könne besonders gut mit Kindern umgehen. Da der Missbrauch in einen funktionierenden sozialen Kontext eingebettet ist, versucht das Kind, das

Geschehen zu »normalisieren«. Mit der Zeit tritt eine zunehmende Derealisierung ein. Das Opfer kann die Übergriffe nicht in das positive Bild des Täters einordnen, es kommt zu einer Abspaltung; der tatsächliche Übergriff wird zum »Albtraum« oder »Gespenst«. Diese Zweifel- und Verdrängungshaltung bleibt bis ins Erwachsenenalter: Ist es wirklich geschehen? Der Verdrängungsmechanismus wirkt bis in die öffentliche Diskussion hinein.

Klassische Situationen

Ein häufiges Beispiel ist das Babysitting. Das Kind schlägt selbst vor: Das kann doch der nette Nachbar machen, der manchmal über Jahre systematisch ein Vertrauens­verhältnis zum Kind aufgebaut hat (Grooming). Ein weiteres Beispiel ist der private Musikunterricht. Die Täter sind meist als besonders »engagiert« bekannt. Doch wenn das Kind nicht mehr Flöte spielen will, weil das Instrument »nach Pippi stinkt«, besteht dringender Handlungsbedarf. In diesem Fall handelte es sich um einen beliebten Lehrer, der seine Klasse »im Griff hatte«. Nicht selten sind Täter »gute« Pädagogen, die über ihre »besondere« pädagogische Qualifikation den Missbrauch kaschieren.

Geheime Manipulationen

Wie sich in vielen Gesprächen mit straffälligen Tätern immer wieder zeigt: Die Motivation für Missbrauch ist nicht Sex, sondern Machtausübung. Ein Vergewaltiger hat den Kick durch physische Gewaltausübung, der Missbrauchs­täter durch Manipulation.

Diesem »Motiv« entspricht die unauffällige, subtile Strategie des Täters. Das Kind und seine Umgebung sollen gar nicht merken, was er im Schilde führt. Der Täter fühlt sich als Herr des Geschehens, als Regisseur der Handlung, ohne sich als solchen zu erkennen zu geben. Es tritt ein, was er insgeheim vorbereitet hat, die Kinder handeln so, wie er es inszeniert hat.

Besonders die sprachliche Ausdrucksweise des Täters lässt Doppeldeutigkeiten und Auslegungsvarianten zu. Die Anspielungen irritieren das Kind, es kann sie nicht einordnen.

Deshalb besteht die beste Missbrauchsprävention darin, einen transparenten Umgang mit dem Kind zu pflegen, das heißt, die Motive des handelnden Erwachsenen für das Kind klar und nachvollziehbar zu machen; ebenso die Konsequenzen: Das Kind kann auf eine verlässliche Interaktion und Kommunikation vertrauen, sie ist nie manipulativ und immer direkt. Dieser klare, kindgerechte Dialog wird verzerrt, wenn Erwachsenenthemen, besonders Beziehungsthemen, vor dem Kind besprochen werden oder das Kind als Partnerersatz fungiert (Parentifizierung). Schon hier wird eine Grenze überschritten und es findet auf manipulative Weise ein emotionaler und verbaler Missbrauch statt.

Ein manipulatives Motiv zeigt sich darin, wenn ich eigentlich nur etwas für mich erreichen will, während ein erzieherisches Motiv sich darin zeigt, dass ich in selbstloser Weise etwas für das Kind will.

Verbale und emotionale Strategien, wie zum Beispiel »Mach es doch mir zuliebe …« oder »Dann bin ich aber traurig …« oder »Ich wusste doch, dass ich mich auf dich verlassen kann …« werden von Kindern nicht durchschaut. Das erzeugt unbewusst Gefühlsabhängigkeiten und Schuld­­gefühle.

Jungs müssen über Gefühle reden lernen

Nach meiner Erfahrung in Gespräch und Therapie gehört es zu den psychischen Voraussetzungen von Missbrauch, dass Männer in unserer gegenwärtigen Kultur nicht gelernt haben, Innerseelisches zu kommunizieren. Es gilt als unmännlich.

Die beste, weil ursächlich ansetzende Prävention ist, dass man ein Umfeld schafft, in dem Jungs lernen, über Gefühle zu reden. Vorbild dafür können nicht die Mütter, sondern nur die Väter sein!

Denn Mütter oder Mädchen reden und drücken ihre Gefühle auch anders aus als Männer oder Jungs. Bei Missbrauchstätern wird das Gefühl, seelisch nicht souverän zu sein, durch Machtausübung gegenüber Schwächeren und Abhängigen kompensiert.

Was tun bei einem Verdacht?

Jede Einrichtung braucht ein Präventionskonzept, und das fängt schon beim Bewerbungsgespräch an. Das Signal, dass in einer Einrichtung offen über Gewalt- und Missbrauchs­prävention gesprochen wird, schreckt potenzielle Täter ab: Wir sehen nicht weg und schweigen, sondern sprechen miteinander darüber.

Bei Verdacht sollte das Kind vorerst nicht einbezogen werden, wenn es sich nicht von sich aus zu Wort meldet, denn es besteht die Gefahr einer zweiten Traumatisierung. Die Lehrer sind nicht verpflichtet, Missbrauchsfälle zu lösen, dafür gibt es professionelle Hilfe in Beratungsstellen.

Eine aufdeckende Arbeit ohne Information der Eltern ist bei Verdacht auf innerfamiliären Missbrauch möglich und rechtlich zulässig. Zu einer Anzeige sollte es erst bei klaren Erkenntnissen kommen.

Zum Autor: Mathias Wais studierte Psychologie, Judaistik und Tibetologie in München, Tübingen und Haifa. Arbeitsschwerpunkt Biographik, Biographie- und Erziehungsberatung. Er war Mitarbeiter des Dortmunder Zentrums »Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene«.

Literatur:

M. Wais: Sexueller Missbrauch. Symptome, Prävention, Vorgehen bei Verdacht, Esslingen 2011 | M. Wais: Dialogisch erziehen. Beziehung und Methode in der  Erziehungspraxis, Esslingen 2011| M. Wais, I. Gallé: Der ganz alltägliche Missbrauch, Frankfurt 2014

Nach der Mitschrift eines Vortrags von und eines Seminars mit Mathias Wais auf dem Thementag »Trau Dich« am 16.1.2015 in Kassel.