Christian Morgenstern und Rudolf Steiner

Von Dirk Wegner, September 2009

»Wie ist es möglich, dass die Prozesse zwischen Christian Morgenstern und Rudolf Steiner selbst in anthroposophischen Kreisen trotz einer ungebrochenen Verehrung für Morgensterns Dichtung … so wenig bewegt, aufgearbeitet und ans Licht gestellt wurden, wenn nicht zunehmend der Vergessenheit anheim fielen?« Diese Frage formuliert Peter Selg im Vorwort seines Buches. Es beschreibt, wie Christian Morgensterns innerer Lebensgang sich auf Rudolf Steiner zu bewegte, die Begegnung und gemeinsame Zeit selbst und, was sein nachtodliches Leben für Steiner bedeutete. Dazu wird eine Vielzahl von Dokumenten herangezogen, um möglichst umfassend die Qualität dieser verbundenen Wege Morgensterns und Steiners darzustellen. Selg zitiert aus Gedichten Morgensterns, aus Briefen, aus Vorträgen Steiners, um dem Leser erstehen zu lassen, was dessen Theosophie, Anthroposophie und Christologie für Morgenstern bedeuteten und welche größte Resonanz sie in ihm hervorriefen. Nicht nur äußere Daten, bspw. die Vortragsdaten Steiners und den jeweiligen Zustand des an Tuberkulose leidenden Morgensterns, werden referiert, sondern auch – und das ist wesentlich –, welche Inhalte Christian Morgenstern aufnahm, wie sie wiederum Ausdruck fanden in seinen Gedichten und auch Begegnungen mit anderen Menschen. So weit folgt das Buch dem, was zu erwarten ist.

Ungewöhnlich ist es dadurch, dass eben wesentliche Inhalte von Steiners Vorträgen auch ausführlich dargestellt werden und so eine höhere Einheit entsteht, in der die Leben Rudolf Steiners und Christian Morgensterns selbst einfließen. Denn Morgenstern war spirituell Suchender auf einem johanneisch-christlichen Weg, an seine künftige Frau schrieb er: »Ich denke, wenn Dir das vierte Evangelium irgendeinmal ganz aufgegangen sein wird, dann wird Dir auch an mir nichts mehr Rätsel sein.« Seinem Suchen gaben Steiners christologische Vorträge der Jahre 1909-1914 Klarheit, Richtung und Gewissheit. Das Christus-Mysterium erschloss sich ihm, und in der ihm noch zugemessenen Lebenszeit übte er sich in Liebe, Demut und dem Ertragen von Leiden.

»Ich hebe Dir mein Herz empor
als rechte Gralesschale,
das all sein Blut im Durst verlor
nach Deinem reinen Mahle,
o CHRIST!

O füll es neu bis an den Rand
mit Deines Blutes Rosenbrand,
dass: DEN fortan ich trage
durch Erdennächt' und -tage,
DU bist!«

schreibt Morgenstern 1910.

Überraschend und besonders berührend ist zu lesen, dass Rudolf Steiner nach dem Tode Christian Morgensterns im April 1914 erfährt, dass dessen eminent starke geistige Entwicklung auf dem Erdenplan ihn selbst zu neuen Wahrnehmungen in der geistigen Welt führt, ja dass sich für ihn Morgensterns wahre geistige Bedeutung erst nach dessen Tod in der Welt der Verstorbenen entfaltet. Steiner erwähnt seinen Freund des Öfteren in Ansprachen und Vorträgen, z.B. Ostern 1915 so: »Christian Morgenstern ist für uns der Sieg des Lebens über den Tod, Christian Morgenstern ist für uns der Repräsentant desjenigen Wesenhaften, das vor uns stehen soll besonders in dieser Festeszeit: dass da alles Tote aufersteht und lebendig lebt.«

Dem Leser bietet sich schließlich Folgendes dar: In der Gemeinschaft Morgensterns und Steiners findet sich die Essenz eines anthroposophisch-christologisch gegründeten Erkenntnis- und Lebensweges wieder. Jedem diesbezüglich Interessierten sei daher die Lektüre dieses Buches unbedingt empfohlen. »Der Christus, wie er in unserer Bewegung lebt, ist in seine Seele zugleich übergegangen.« So spricht Steiner zwei Monate nach Morgensterns Tod über ihn in Norköpping.

Zurück zur Anfangsfrage. Wenn sie tendenziell rhetorisch aufgefasst wird, lautet die Antwort: Es gab anscheinend anderes, Dringenderes; und dann ist es gut, dass dieses Buch von Peter Selg die Tatsachen aus der Vergessenheit hebt. Wenn sie in einer tieferen Schicht ernst beantwortet wird, könnte eine Antwort lauten: Nicht nur Morgenstern als Anthroposoph ist vergessen – als solcher wurde er schon zu Lebzeiten weitgehend ignoriert –, auch die innersten Qualitäten, welche Anthroposophie ausmachen, sind es weitgehend.

Zum Schluss ein Vorschlag für eine eventuelle Neuauflage. Sowohl die Quellenangaben als auch oft sehr erhellende Anmerkungen sind in einem gemeinsamen, etwa 700 Ziffern umfassenden Apparat untergebracht. Für den Leser wäre es angenehmer, wenn diese Kategorien schon im Text unterscheidbar wären, so dass häufiges, auf eine Anmerkung hoffendes Blättern unterbleiben könnte. 

Peter Selg: Christian Morgenstern. Sein Weg mit Rudolf Steiner. 392 S., 73 Abb., geb. EUR 29,90. Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2008.