Unsichtbare Wächter

Von Pierre Georges Pouthier, September 2009

Nach dem stimmungsvollen, dramatisch spannenden Theaterstück »Das Lied der weißen Delphine« (s. »Erziehungskunst« 9/2008) hat Winfried Paarmann ein weiteres Theaterstück veröffentlicht, das sich als Klassenspiel – in diesem Fall mehr für die Oberstufe – bestens eignet.

Drei Gestalten durchwandern die Straßen von Paris: ein junger verstorbener Musiker, der nachts für die schlafenden Menschen auf seiner Klarinette spielt, und seine gleichfalls jung verstorbene Schwester Serafine, die die besondere Gabe besitzt, sich gelegentlich sichtbar zu machen; der dritte ist ein Mann, der tragisch im Opiumrausch zu Tode gekommen ist. Er hat zwei inzwischen sechzehnjährige Kinder zurückgelassen, die Zwillinge Richard und Michelle, die nicht ahnen, dass sie Erbe eines riesigen Vermögens sind. Sie wachsen bei ihrem Onkel auf, der dies Erbe auch vertragsgemäß verwaltet, bis eine Frau in sein Leben tritt, eine Lebedame, die all seine moralischen Grundsätze hinfällig werden lässt. – So geraten die Geschwister, ohne es zu ahnen, in eine mehr und mehr lebensbedrohliche Situation, und Serafine, die die Rolle eines Schutzengels übernommen hat, sieht sich immer aufs Neue vor große Herausforderungen gestellt. Diese werden dadurch nicht leichter, dass sich Richard durch sie verzaubert fühlt und sich zwischen beiden Liebe einstellt. Serafine läuft so Gefahr, ihre ganz eigene kostbare Gabe, die Fähigkeit der Sichtbarwerdung, zu verlieren. – Einen wichtigen Platz im Spiel nimmt außerdem eine kleine Truppe von jungen Straßenschauspielern ein, die freche Revuenummern gegen die Obrigkeit und den engen Zeitgeist jener Epoche (Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert) vortragen.

Die bunte Mischung aus feinsinniger Poesie, derber Jahrmarktsstimmung und Kriminalkomödie gibt diesem Werk einen ganz eigenen Charme. Es umkreist das große Thema der Auseinandersetzung mit dem Bösen in einer leichten, man möchte sagen »französischen« Art. Die Synthese von szenischer und sprachlicher Poesie beeindruckt stark. Man möchte die »Wächter von Montmartre« jedem Pädagogen, der auf der Suche nach einem Klassenspiel ist, das weder zu schwer noch zu leicht daherkommt, wärmstens ans Herz legen. Der Anhang bietet noch eine Reihe von Alternativen zu den sehr bunten Revuenummern, die je nach Möglichkeit der Theatergruppe gespielt, gesprochen und auch mit Gesang vorgetragen werden können.

Winfried Paarmann: Die Wächter von Montmartre. Theaterstück mit Musik (von R. Bittmann). 136 S., kart. EUR 12,–. Goldwaage-Verlag 2008.