Menetekel Fukushima

Von Mathias Maurer, Mai 2011

Liebe Leserin, lieber Leser,

»Was sind Strahlen?« Außer Atem kommt der neunjährige Lukas in den Frühlingsgarten gerannt. Er war wieder mal bei seinem geliebten Kiosk-Freund einkaufen und hat sein Taschengeld in Fussballer-Karten angelegt. Dort hat er wohl einem Gespräch zwischen Kunden gelauscht. Fukushima ist also auch bei ihm angekommen. – »Strahlen ...? Was für Strahlen meinst Du denn?«, ist meine wenig intelligente Rückfrage. »Ja, Strahlen vom explodierten Atomkraftwerk!«, antwortet er ungeduldig. »Weißt Du, Strahlen sind wie die Sonnenstrahlen, man sieht sie nicht und trotzdem ist es hell.« – »Aber das ist doch nicht schlimm! Die Leute können ja auch in den Schatten gehen.« – »Diese Strahlen kommen auch in den Schatten.« Meine Erklärungsnot nimmt zu. »Hä, das verstehe ich nicht.« – »Ich meine so, wie beim Handy.  Damit kannst Du von überall aus telefonieren – das geht über Funk.« – »Warum haben dann die Leute hier Angst vor den Strahlen, das ist doch weit weg? Außerdem habe ich ja kein Handy.« – »Ja, weißt Du, diese Strahlen gehen einfach überall hin, egal ob Du das Handy an hast oder nicht.« – »Warum machen die dann ihr Handy nicht einfach aus?« ...

Der Auswirkung von Radioaktivität kann sich der Mensch nicht entziehen, er merkt nichts, er sieht nichts, sie sabotiert regelrecht seine Wahrnehmungs- und Empfindungsfähigkeit und unterläuft seine individuelle physische Autonomie. Sie zerstört alle lebendigen Organismen bis in ihre vitalsten Untergründe, bis in ihre Zellen hinein. Krebs und Schäden am Erbgut sind die Folgen. Die Wirkungen heutigen radioaktiven Fallouts – Plutonium hat eine Halbwertszeit von 24.400 Jahren – zeigen sich noch in dreitausend Generationen – eine echte Erblast.

Das sind Probleme, auf die wir eine Antwort finden müssen. Angesichts der Möglichkeit, die Menschheit und die Erde auszulöschen, erhebt sich die Frage: Was ist der Sinn der Menschheit, was ist der Sinn der Erde, warum macht es Sinn, sie zu erhalten? Wollen wir eine schleichende globale Selbstvernichtung durch eine lebensfeindliche Technik, die wir nicht beherrschen? Keiner wird das wollen und trotzdem passiert es.

Das wird erst aufhören, wenn jeder einzelne Mensch jetzt und heute die Verantwortung für die gesamte Menschheit und das gesamte Leben auf der Erde fühlt, und nicht nur fühlt, sondern auch erkennt, und dieser Einsicht konsequent folgt – auch in seinem Handeln, seinem Alltagsleben. Wir können unsere Verantwortung nicht auf die kommenden dreitausend Generationen oder ferne Länder abschieben. Wir können nicht mehr resignativ die Menschheitsprobleme verdrängen, uns in die vier Wände der gemütlichen Privatheit zurückzuziehen. Im Angesicht unendlichen Leides erscheint jeder Versuch, rational und technokratisch spekulative Risikoabwägungen durchzuführen, als reiner Zynismus. Nehmen wir unsere Verantwortung für die Erde und die Menschheit als Ganze nicht an, werden wir unweigerlich durch Katas­trophen dazu gezwungen. – Und wie sage ich das Lukas? – Sicher nicht, indem ich mich über die verantwortlichen Strahlenverursacher aufrege, auch nicht, indem ich ihm irgend etwas zu erklären versuche, was seinen Verstand übersteigt. Ich muss durch mein Handeln zu ihm sprechen, durch ein Handeln, das das unermessliche Geschenk des Lebens würdigt. 

Aus der Redaktion grüßt 

Mathias Maurer