Mensch oder Maschine?

Von Andre Bartoniczek, August 2017

Das Leben zwischen Über- und Unternatur.

Foto: © Seleneos / photocase.de

»Ich bin ein Automat – die Seele ist mir genommen.« Mit diesen Worten formuliert bereits vor über 180 Jahren der 20-jährige Georg Büchner eine Stimmung, die heute von vielen Zeitgenossen genauso ausgedrückt werden könnte.

Schon im 18. Jahrhundert gab es eine Faszination für die Maschine (de La Mettrie 1748), bei Büchner kommt aber eine ganz neue Dimension hinzu. Für seine Dissertation 1835/36 hatte er intensiv das Nervensystem der Barbe untersucht und reihte sich damit in die immer größer werdende Schar der Naturwissenschaftler ein, die sich für die Nerven als Ausgangspunkt einer Erklärung des menschlichen Verhaltens interessierten. In seinem Drama Dantons Tod heißt es gleich zu Beginn: »Einander kennen? Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.« Wenn ich den Menschen in seinen materiellen Nervensträngen suche, muss mir sein Handeln wie das Resultat reiner Reiz-Reaktionsschemata erscheinen, in denen konsequenterweise keine Freiheit herrschen kann.

Es ist sicherlich nicht zufällig, dass Büchner in dem berühmten Brief an seine Braut von dem »grässlichen Fatalismus der Geschichte« spricht, der ihn tief resignieren lässt. Wenige Jahrzehnte zuvor hatte der Italiener Luigi Galvani – ebenso ein Anatom wie Büchner – durch einen kuriosen Zufall entdeckt, dass die von ihm präparierten Froschschenkel bei einer Berührung mit einem Skalpellmesser und einem elektrischen Funken zuckten, die Nerven also elektrisch verbunden sein mussten. Er nahm daraufhin eine »tierische Elektrizität« an, die er als »Lebenskraft« interpretierte (Basfeld 1992, Schlüter 2005). Auch wenn man Galvanis Deutungen korrigierte, war ein Zusammenhang von Nerven und Elektrizität in den Blick geraten und letztere nun zunehmend handhabbar gemacht.

Sowjetmacht plus Elektrifizierung

Ein rätselhaftes, aber entscheidendes Phänomen bestand darin, dass die nun immer stärker einsetzenden elektrischen Entdeckungen immer wieder durch Zufälle entstanden! Maxwell gelang es am Ende des 19. Jahrhunderts, die Elektrizität mathematisch zu beschreiben, erklären konnte er sie damit aber auch nicht. Wir nehmen immer nur ihre Resultate wahr, aber nie sie selbst. So fällt auch auf, dass unterschiedlichste Forscher regelmäßig erklärten, dass man zwar noch keine Erkenntnis über ihre Herkunft habe, dass das zunächst aber auch nicht so entscheidend sei, weil man sie trotzdem nutzen könne. Im 19. Jahrhundert wird also die Elektrizität zur Zivilisationskraft, ohne dass ihre Realität als solche je wahrnehmbar geworden wäre – erst die menschliche Willenstätigkeit lockt sie aus der Verborgenheit: Um 1900 liegt über Europa ein weitverzweigtes Stromversorgungsnetz. Seit 1901 gibt es die drahtlose Telegraphie. 1902 fährt die Berliner U-Bahn mit elektrischem Triebwagen. Sie wird zuletzt die Grundlage für alle Vorgänge der digitalen Welt. Ihre Wirksamkeit beschränkt sich dabei nicht nur auf technische Produkte, sondern betrifft weltweit gesellschaftliche Vorgänge. Berühmt ist Lenins Definition von Kommunismus: Er sei »Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes«. Handelt es sich beim Kommunismus nicht eigentlich um ein geistiges Ideal der »Gleichheit« im Sinne von Gerechtigkeit und Solidarität? Hier wird er zur Gleichschaltung, die durch politisch-ideologische Macht und Elektrizität hergestellt wird – mit den bekannten katastrophalen Folgen für Millionen von Menschen. Was wäre Kapitalismus? Mit Lenin würde man vielleicht sagen: Unternehmermacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes … Positiv gefasst ist Kapital aber nichts anderes als die Grundlage zur Freisetzung individueller Initiativkraft, weil ich mit angesammeltem, nicht sofort in unmittelbar lebensnotwendige Produkte umgesetztem Besitz die Möglichkeit schaffe, meine Anlagen zu entfalten.

Dieses Prinzip konnte sich besonders gut auf dem nordamerikanischen Kontinent durchsetzen, weil hier nicht die unendlich vielen staatlichen Regulierungen der alten europäischen Welt herrschten. In der Ausdehnung nach Westen entstand an der »wandernden Grenze« in der permanenten Auseinandersetzung mit der Wildnis Mut zur Initiative – allerdings stark ausgerichtet auf materiellen Erfolg und von Anfang an auf Kosten anderer, hier der Indianer. An der Westküste – vor allem in Kalifornien – gipfelte diese Entwicklung im Gold Rush nach Sacramento, später in der »dreamfactory« Hollywoods, in der bis heute industriell-technisch die Träume der Menschheit produziert werden, und zuletzt im »Silicon Valley«, dessen Firmen weltweit das Internet beherrschen.

Im »Social network« und dem über Apps und schnelle Daumenbewegungen vollzogenen Film- und Produktkonsum fließen die Zerrbilder der Sozialität und der individuellen Initiative und Bedürfnisbefriedigung zusammen – und somit die ganze ungelöste Spannung zwischen östlicher und westlicher Welt seit 1917.

Hellsichtig diagnostizierte schon 1956 Günther Anders in seiner Schrift »Die Antiquiertheit des Menschen«, dass der Mensch Produkte geschaffen habe, die er selber nicht mehr verstehe und die ihn beherrschten. An der Waffentechnik zeigt er, wie unsere seelische Entwicklung hinter der technischen zurückbleibt: Wir können emotional nicht mehr realisieren, was wir bei der Zündung einer Bombe tatsächlich bewirken.

Technik sei eben nicht ein neutrales Mittel zum Zweck, sondern sie verselbstständige sich am Ende und lege das Handeln ihres eigenen Schöpfers fest. Arbeit verliere ihre Zielhaftigkeit, Sachzwänge herrschten und die Medien verwischten Wirklichkeit und Abbild, verhinderten realitätsgemäße Urteile und die Wirklichkeit werde am Ende nach dem Abbild eingerichtet: »Die Lüge hat sich wahrgelogen«, schrieb Anders.

Das Wesen der Elektrizität

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung drängen sich Fragen auf: Was hat es zu bedeuten, dass die entscheidenden Entdeckungen der Elektrizität immer so eigentümlich zufällig waren? Kann eine Objektwelt selber zur Kraft werden, die die Objekte verändert? Wie kann es zu dieser Wirkung der Maschine auf den Menschen kommen, wenn diese doch sein Geschöpf ist? Wie kann ein Objekt zum Subjekt werden?

An dieser Stelle sei an eine biographische Situation erinnert, die das Leben Rudolf Steiners betrifft: Im Herbst 1924 war Steiner schwer erkrankt, musste so gut wie alle Tätigkeiten aufgeben und war ans Krankenlager gefesselt. Jeden Morgen ab fünf Uhr schrieb er nun ganz kurze, äußerst verdichtete Texte an die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft – die sogenannten »Leitsatzbriefe« –, in denen er noch einmal über die wichtigsten zivilisatorischen Fragen sprach. Als sich im März 1925 sein Zustand deutlich verschlechterte, verzichtete er zum ersten Mal auf den Nachsatz: »Fortsetzung in der nächsten Nummer« (Selg 2012). Am 30. März verstarb Steiner. Was waren die letzten Worte, die er wenige Tage zuvor noch an die Mitglieder richtete? Welches war das Motiv, auf das Steiner in dem letzten Moment, der ihm zum Schreiben noch blieb, hinweisen wollte? In diesem letzten Leitsatzbrief mit dem Titel »Von der Natur zur Unter-Natur« finden sich die Sätze: »Das weitaus meiste dessen, was heute durch die Technik in der Kultur wirkt und in das [der Mensch] mit seinem Leben im höchsten Grade versponnen ist, das ist nicht Natur, sondern Unter-Natur. Es ist eine Welt, die sich nach unten hin von der Natur emanzipiert. […] Die Unter-Natur muss als solche begriffen werden. Sie kann es nur, wenn der Mensch in der geistigen Erkenntnis mindestens gerade soweit hinaufsteigt zur außerirdischen Über-Natur, wie er in der Technik in die Unter-Natur heruntergestiegen ist.

Das Zeitalter braucht eine über die Natur gehende Erkenntnis, weil es innerlich mit einem gefährlich wirkenden Lebensinhalt fertig werden muss, der unter die Natur heruntergesunken ist. […] Die Elektrizität, die nach ihrer Entdeckung als die Seele des natürlichen Daseins gepriesen wurde, sie muss erkannt werden in ihrer Kraft, von der Natur in die Unter-Natur hinabzuleiten. Es darf der Mensch nur nicht mitgleiten.«

Bei einer Wassermühle habe ich durch die Wahrnehmung des Wassers und der Mechanik des Rades mit seiner Übertragung auf den Mühlvorgang alle relevanten Faktoren sinnlich vor Augen. Bei der Elektrizität und den durch sie möglich werdenden Vorgängen kommen die ursächlichen Kräfte aus einer unsichtbaren Schicht, die nicht in der Natur selber beobachtbar ist, die mich aber trotzdem beherrscht. Sie liegen nicht über, sondern unter der Natur, weil sie nicht aus deren Gesetzen und Intentionen heraus gestalten, sondern zerstörerisch wirken.

Wenn von diesen Mechanismen tatsächlich eine Kraft ausgeht und sie insofern ein Subjekt haben müssen, dann kann es sich hier nur um die Wirksamkeit eines Wesens handeln. Steiner benennt dieses Wesen mit einem Namen: Ahriman.

Er betont immer wieder, dass dies eine Gegebenheit sei, die man sich nicht wegwünschen könne – es komme aber darauf an, richtig mit ihr umzugehen. Das würde etwa heißen, das Internet nicht zu verteufeln, sondern sich zu fragen, auf welche geistige Entwicklungsaufgabe es den Menschen stößt.

Es bietet eine unendliche Möglichkeit der Wissenserkundung an – ist diese unbegrenzte »Vernetzung« und Masse von Inhalten aber identisch mit dem Zusammenhang, der aus den Daten erst Erkenntnis macht? Ist das Nebeneinander von Fakten schon die Sache? Ist es vielmehr nicht so, dass erst die eigenständige Tätigkeit des Denkens den Zusammenhang herstellt? Man kann sich für alle Zeiten in der Illusion des Zusammenhanges durch die elektronische Verfügbarkeit der Informationen in den Weiten des Netzes verlieren, man kann aber auch dazu aufwachen, sich zu fragen, wodurch die Verbindung von Begriffen eigentlich zustande kommt. Dann wiederum – mit der gewonnenen bewusstseinsmäßigen Klarheit, womit man es beim »Netz« tatsächlich zu tun hat und womit nicht – kann man sehr produktiv auf die vielfältigen Hilfestellungen der Internetinhalte zugreifen, statt »mitzugleiten«.

Das Lernen geschieht im Schlaf

Hier setzt die Aufgabe der Pädagogik an. Wie jene Kräfte der Unter-Natur aus der nichtsinnlichen Unsichtbarkeit agieren, muss auch die Pädagogik die Nachtseite des Daseins berücksichtigen. Unsere Seele verlässt ja jede Nacht ihre leiblichen Bindungen und kommt in die Sphäre hinein, in der sie befruchtet wird von den geistigen Zusammenhängen der Welt.

Wenn ich diesen Vorgang ausblende, schneide ich die Schülerinnen und Schüler von den Kräften ab, die aus dem Über- statt aus dem Untersinnlichen auf sie wirken – mit entsprechenden Folgen: »Wenn wir nämlich gar nicht Rücksicht nehmen darauf, dass der Mensch auch schläft […] und dass da im Menschen in irgendeiner Weise dasjenige fortarbeitet, was man im Unterricht tut, dann hat das eine ganz bestimmte Wirkung: man macht den Menschen dadurch, dass man nicht Rücksicht nimmt darauf, dass etwas in der Nacht aus ihm heraußen ist, zum Automaten« (R. Steiner im Lehrerkurs 1921). Wenn nach einer bewegenden Erzählung die Eindrücke nicht sofort »auf den Begriff« gebracht werden müssen, sondern in der Nacht weiterwirken und verarbeitet werden können, wird für einen Moment die Zeit gebremst und der Automatismus des Urteilens verhindert – angesichts der Zeit aufsaugenden Wirksamkeit des Computers und der oft viel zu schnellen Urteilsreaktionen ein heilsamer Vorgang, in dem die geistige Herkunft eines Gedankens allmählich spürbar wird und an die Stelle von Plan- und Berechenbarkeit die Frage, die Intuition tritt, also das Leben. Wenn der Lehrer dem Kind wirkliche Bilder mitgibt, an denen sich dessen Phantasie entzündet, dann können geistige Gestaltungskräfte diese inneren Bewegungen in der Nacht aufgreifen und festigen.

Diese Prozesse beleben die seelische Aktivität, die schließlich auch zu einem kräftigeren sinnlichen Wahrnehmen beiträgt. Ein solches Wahrnehmen wird in Zukunft maßgeblich sein für die Beantwortung einer Frage, von der heute bereits unzählige Filme und Bücher handeln: Habe ich Leben vor mir oder eine Maschine?

Zum Autor: Andre Bartoniczek war Oberstufenlehrer für Deutsch und Geschichte an der Waldorfschule Stuttgart-Uhlandshöhe und ist heute Dozent an der Akademie für Waldorfpädagogik in Mannheim.

Literatur: G. Büchner: März 1834, Brief an seine Braut; J. O. de La Mettrie: L’homme machine (1748); M. Basfeld: Erkenntnis des Geistes an der Materie. Der Entwicklungsursprung der Physik, Stuttgart 1992; M. Schlüter im »Rundbrief« der FWS Uhlandshöhe, Nr. 136, Juni 2005; R. Steiner: Anthroposophische Leitsätze, GA 26; R. Steiner: Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung 1921, GA 302; P. Selg: Rudolf Steiner 1861-1925. Lebens- und Werkgeschichte, Bd. 3, Arlesheim 2012

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