Pokémon Go is gone

Von Uwe Buermann, August 2017

Letzten Sommer war es soweit: Überall in Deutschland tauchten Smartphonenutzer in der Öffentlichkeit auf, die man zum Teil schon lange nicht mehr im Freien erblickt hatte.

Foto: © Bengt Oberger. wikicommons

Den Blick starr auf das Gerät gerichtet, wandelten sie durch die Städte, Dörfer und Parks, vereinzelt, in kleinen Gruppen oder sogar im Rudel. Manchmal fingen sie plötzlich an zu laufen, manchmal jubelten sie unvermittelt. Und wie von unsichtbaren Fäden gezogen kamen sie aus allen Richtungen an bestimmte Orte, wo sie sich in großen Gruppen stundenlang versammelten, auf ihre Geräte starrten, tippten und wischten. In den folgenden Wochen trafen sie sich immer wieder an den gleichen Orten, wenn möglich tauchten dort Wagen auf und zum Ärgernis der Anwohner ließen sie immer wieder die Motoren der geparkten Fahrzeuge laufen. Was war geschehen?

Am 13. Juli 2016 war der Spielstart von Pokémon Go in Deutschland, eine Woche nach dem Spielstart in den USA, Neuseeland und Australien. Die spielfreudigen Smartphonenutzer waren durch die Berichte im Internet und vor allem in sozialen Netzwerken vorbereitet und hatten dem Tag entgegengefiebert. Zeitweise gab es Probleme beim Download der App wegen der hohen Nachfrage.

Für alle, die nicht wissen, was Pokémon Go ist, hier die Definition von Wikipedia: Pokémon Go (Eigenschreibweise: Pokémon GO) ist ein Spiel für Handheld-Mobilgeräte wie Smartphones und Tablets. In dem Spiel können die Spieler virtuelle Fantasiewesen (Pokémon) fangen, trainieren, entwickeln und in virtuelle Kämpfe gegen andere Pokémon schicken.

Pokémon Go wurde vom Softwareunternehmen Niantic für die Betriebssysteme iOS und Android entwickelt. Teile der Spielmechanik basieren auf dem Spiel Ingress desselben Herstellers. Es ist ein ortsbezogenes Spiel und nutzt eine Spielumgebung auf dem Prinzip der erweiterten Realität (augmented reality). Das Spiel ermittelt durch das Global Positioning System (GPS) und Echtzeit-Lokalisierung die Standortdaten des Spielers und positioniert ihn virtuell auf einer Landkarte, die auf dem Kartenmaterial von Google Maps basiert. Das Spiel wird im Empfangsbereich des GPS-Signals, also in der Regel im Freien, gespielt und nutzt Sehenswürdigkeiten, Wahrzeichen und auffällige Objekte der materiellen Welt zur Gestaltung einer virtuellen Spielwelt.

Das Free-to-play-Spiel finanziert sich über In-App-Käufe. Für echtes Geld erwirbt der Spieler virtuelles Spielgeld, sogenannte PokéMünzen. Diese können wiederum gegen »Premium«-Gegenstände eingetauscht werden.

Nach wenigen Tagen war das Phänomen omnipräsent in den gängigen Medien, wobei zunächst die positive Berichterstattung überwog. Immer wieder wurde betont, dass diese neue Art Spiel, das eine Verbindung zwischen virtuellen Spielwelten und der Realität schafft, jene computerspielaffinen, meist männlichen Nutzer, die bisher vereinzelt in abgedunkelten Zimmer lebten, an die frische Luft, ins Sonnenlicht und zu echten Begegnungen führt. Optimisten gingen davon aus, dass sie auf diese Weise Sozialphobien überwinden könnten und – nach dem Erlebnis, wie wohltuend Bewegung an der frischen Luft ist – in Zukunft auch unabhängig von dem Spiel Spazieren gehen und sogar Radfahren und Schwimmen werden.

Nach einem Monat wendete sich das Blatt, denn jetzt traten die Kollateralschäden auf. Spieleransammlungen führten zu Verkehrsbehinderungen, es kam zu Verkehrsunfällen, weil Spieler vor Autos und Fahrräder liefen. Pokémon Go-Spielern wurde an abgelegenen Orten aufgelauert und sie wurden ausgeraubt und – da Pokémons auch in Gebäuden sein können – kam es tatsächlich zu ungebetenen Hausbesuchen und in Einzelfällen sogar zu Wohnungseinbrüchen, wenn die Bewohner nicht anwesend waren. Da auch Autofahrer bei der Fahrt nach Pokémons Ausschau hielten, wurde am 8. August eine Funktion eingeführt, die ab einer Geschwindigkeit von 48 km/h eine Warnung anzeigte, die aber vom Spieler weggeklickt werden konnte. Seit dem 18./19. Oktober 2016 werden ab dieser Geschwindigkeit keine Pokémons mehr angezeigt, da die Anzahl der Unfälle immer weiter zugenommen hatte. Eine Aussage in dem Wikipedia Beitrag ist nicht ganz richtig, denn das Spiel wird nicht nur durch In-App-Käufe finanziert, sondern vor allem durch die Masse der Nutzerdaten. So dauerte es nicht lange, bis die Datenschützer flächendeckend Alarm schlugen. Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat am 20. Juli 2016 Niantic bereits abgemahnt, da nach seiner Ansicht 15 Klauseln der Nutzungsbedingungen gegen geltendes deutsches Recht verstoßen.

Und wie sieht es heute aus? Der Hype ist vorbei, die Daten sind gesammelt und gehen in den BigData Pool von Google und Niantic auf, eine entsprechende Nachfolge-App ist nicht Sicht. Und wo sind die Spieler? Wandern sie noch durch Parks und Wälder? Treffen sie sich noch auf Plätzen und Wiesen? Wohl die wenigsten, manchmal sieht man noch einzelne Exemplare nach Pokémons suchen, die meisten sind wieder in ihren abgedunkelten Zimmern verschwunden, denn sie haben nicht gelernt, dass ihnen die frische Luft und das Sonnenlicht gut tut, sondern dass das Sonnenlicht auf dem Display blendet und die Welt da draußen gefährlich ist, weil man von Autos und Fahrrädern überfahren, von anderen ausgeraubt werden oder von Klippen stürzen kann.

Pokémon Go hat unter Beweis gestellt, dass die augmented reality technisch ausgereift möglich ist. Die Sorge, dass dies zum allgemeinen Trend wird und für Millionen junger Menschen die Grenzen zwischen Realität und Virtualität verschwinden, scheint aber unbegründet. Bei aller kurzzeitigen Begeisterung wollen offenkundig gerade auch die Jugendlichen eine klare Trennung zwischen beiden Bereichen und parallel in beiden Welten leben.

Was bleibt, sind Abermillionen Daten und die Frage, was werden sich die Datenkraken als nächstes einfallen lassen, um noch mehr Informationen über uns alle zu bekommen?

Zum Autor: Uwe Buermann ist Dozent an verschiedenen Lehrerseminaren (Berlin, Kiel, Hamburg, Kassel, freier Vortragsredner und Autor. Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei IPSUM. Zuletzt erschienen »Aufrecht durch die Medien« im Flensburger Hefte Verlag, 2007.

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