Miteinander arbeiten, statt übereinander reden. Selbstverwaltung als Chance für Eltern

Von Elke und Martin Böckstiegel, Juli 2012

Eltern an selbstverwalteten Waldorf-Einrichtungen beklagen oft deren Mangel an Transparenz und Veränderungsbereitschaft. Dabei ist diese Organisationsform offener als andere, auch für Impulse von Elternseite – wenn man es richtig anfängt. Bewährt hat sich der Weg der gemeinsamen Arbeit von Lehrern oder Erziehern und Eltern an zukunftsorientierten Sachthemen.

Junge Organisationen sind – egal ob selbstverwaltet oder nicht – leichter durchschaubar und leichter veränderbar als alte. In der Gründungs- und Aufbauphase kennt jeder jeden, alle sind mehr oder weniger Pioniere, die mit ihrem Handeln die entstehende Organisation und ihre Kultur prägen.

Bei reifen Organisationen ist das anders. Die Strukturen haben sich etabliert, die offiziellen ebenso wie die inoffiziellen, die – obwohl gern gescholten – für das Funktionieren des Ganzen unverzichtbar sind. Die Organisation hat als System ein Eigenleben entwickelt und entscheidet eigenständig, welche Einflüsse sie als hilfreich annimmt oder wegreguliert. Das gilt sowohl für hierarchisch geführte als auch für selbstverwaltete Einrichtungen.

Einen großen Unterschied gibt es aber: Selbstverwaltungen bleiben gegenüber Veränderungen von außen offener als klassische Organisationen. Das kann als Gefahr, als besondere Verletzlichkeit oder als Chance erlebt werden. Es hängt deshalb nicht nur von der Souveränität der Lehrer im Umgang mit den Eltern ab, ob letztere eine selbstverwaltete Schule als intransparent, verknöchert und ineffizient erleben oder im Gegenteil als offen, flexibel und bereichernd. Je mehr (auch kritische) Anliegen von Eltern auf eine helfende, verständnisvolle, statt fordernde Weise an die Schule herangetragen werden, desto eher können sie angenommen und aufgegriffen werden. Selbstverwaltung bietet Eltern die besondere Chance, Veränderung mitzugestalten und dabei Lehrer oder Erzieher kennen und schätzen zu lernen.

Die Mitarbeit an größeren Sachthemen eröffnet eine andere Ebene, als die gemeinsame Sorge um das Wohl eines konkreten Kindes. Themen zur Zukunft der Schule sind für diese Sacharbeit besonders geeignet, weil alle ein vitales Interesse daran haben und noch nichts in Stein gemeißelt ist. Anders als bei klassischen Organisationen wird über Zukunftsthemen nicht zentral »von oben« entschieden, bei Selbstverwaltungen muss und kann alles »von unten« entwickelt werden, auch unter Mitarbeit von Eltern.

Eine »reife« Organisation als Beispiel

Ein Beispiel: Die Schule, an der wir Eltern sind, ist eine der ältesten Waldorfschulen überhaupt und mit ihrer Zweizügigkeit vom Kindergarten bis zum Abitur relativ groß. Inhaltlich wird die Schule im wesentlichen vom Kollegium »getragen«, wirtschaftlich vom Schulverein samt Geschäftsführung – die formale Stellung der Eltern ist nicht gerade zentral. Eine typische reife Organisation mit den dafür typischen Symptomen. Vor etlichen Jahren erkannten die Schulgremien, dass gesellschaftliche Veränderungen und öffentliche Vorgaben eine Antwort der Schule erforderten, die dafür notwendige innere Veränderungsarbeit fiel aber überaus schwer.

Mithilfe eines Schulberaters wurde deshalb ein Prozess angestoßen, der mittlerweile erfreuliche Früchte trägt.

Schritt 1 fokussierte Verbesserungen der internen Organisation (Einführung des Delegationsprinzips), Schritt 2 begann mit einer großen Umfrage an Eltern, Schüler, Lehrer, Erzieher und sonstige Mitarbeiter der Schule, in der anonym die Zufriedenheit der Beteiligten mit den verschiedensten Aspekten des Schullebens abgefragt wurde. Die Auswertung wurde in einen Arbeitsprozess kanalisiert, der wiederum offen für alle war, auch wenn daran tatsächlich neben den Lehrern nur ein Dutzend interessierter Eltern teilnahm. Die aufgeworfenen Themen wurden in Arbeitsgruppen abgearbeitet, die von waldorfpädagogischer Grundlagenarbeit, über spezielle Probleme in Klassen, die Verschönerung der Räumlichkeiten bis zur Arbeit an den inneren Ängsten und Blockaden der Organisation mit Hilfe von Aufstellungen reichte. Schon dabei erlebten sich Eltern und Lehrer gegenseitig untereinander anders und intensiver als sonst. Eine kleine Steuerungsgruppe aus einem Lehrer, Elternteil und dem Geschäftsführer behielt den Gesamtprozess im Auge.

Vertrauen und Projektionen

Aus der Flut von Erfahrungen und Erkenntnissen dieser Arbeit sei ein Phänomen zur Haltung der Eltern gegenüber der Schule herausgegriffen, das sich von Anfang an und über den ganzen nachfolgenden Prozess immer wieder zeigte. Eltern vertrauen in aller Regel der Schule ihre Kinder problemlos an und lehnen sich wohlwollend zurück, sobald sie das (wie auch immer unbestimmte) Gefühl haben, dass »die wissen, was sie tun«. Solide gegründete Waldorfpädagogik wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Entspannung tritt aber erst ein, wenn auch deren Anwendung auf die heutigen Herausforderungen gesichert scheint. Sobald dieses Vertrauen bröckelt, intervenieren Eltern heftig, ja manchmal überschießend, wenn neben dem nachvollziehbaren Schutzreflex für ihre Kinder auch eigene Ängste und schlechte Erfahrungen auf die Schule projiziert und als unsachliche Forderung an diese formuliert werden.

In unserer Schule ist das Bedürfnis der Eltern und das Anliegen der Lehrer, nämlich die Ausrichtung der Schule im Heute auf das Morgen bei solidem Fundament, offenbar erstaunlich deckungsgleich. Aus dieser Erkenntnis entsprang dann auch der nächste Schritt durch eine Frage von Elternseite: »Jeder weiß, dass er sich in wirtschaftlichen Fragen an den Geschäftsführer, in Konfliktfällen an die Konfliktdelegation, in pädagogischen Fragen an den Klassenlehrer oder die Konferenz wenden kann. Aber wer kümmert sich eigentlich um die Zukunft der Schule, die Frage, wo die Schule hin will?« Es stellte sich heraus, dass die Schulleitungskonferenz bei aller operativen Belastung für längerfristige Überlegungen wenig Kapazität hatte.

Veränderung durch vertrauensvolles Miteinander

Als Antwort auf die Frage wurde vom Vereinsvorstand und der Schulleitungskonferenz gemeinsam eine Schulentwicklungsdelegation eingerichtet, in der auch Eltern vertreten sind. Wichtig war allen Beteiligten dabei, dass diese Delegation nicht vorgreifen und entscheiden sollte. Vielmehr sollte sie Themen wahrnehmen, abspüren und aufbereiten, um Impulse zu setzen, wie die jeweils zuständigen und geeigneten Gremien der Schule diese Themen aufgreifen und entwickeln könnten.

Der erste Impuls war die Anregung, gemeinsam zu Sachthemen zu arbeiten, die dem Kollegium im Hinblick auf die Zukunft der Schule am Herzen lagen. Als Arbeitsformat dienten sogenannte »Waben« aus vier bis acht Lehrern, zunächst für einige Monate fachübergreifend gemischt, dann nach Fachbereichen sortiert und durch einen »interessierten Nachfrager« aus der Elternschaft ergänzt. Für einige Fächer wurde sogar der ganze Bogen von der Eingangsstufe bis zum Abitur durchgearbeitet. Seine logische Umkehrung fand dies in Elternarbeitsgruppen mit »interessierten Nachfragern« aus der Lehrerschaft zu Sachthemen wie »Inklusion«, »Zukunft der Abschlüsse«, »Schule als Vollversorger?« und »Was erwarten Eltern von Waldorfpädagogik an dieser Schule?«

Parallel dazu wurde von der Schulentwicklungsdelegation und dem Kollegium ein Arbeitsprozess angeschoben und von einer dazu gegründeten »Frische Wind-Delegation« weiterbetrieben, zu folgenden zwei Themenkomplexen:

a) bessere Möglichkeiten zur Binnendifferenzierung (Fördern und Fordern) zum Beispiel mittels Co-Teachings und

b) Flexibilisierung des Unterrichts in Projektarbeit und Wahlkomponenten samt Veränderung von Rhythmus und Zeitstruktur der Schule.

Ferner wurde in den Schulgremien eine personelle Verschränkung dergestalt installiert, dass über den ohnehin paritätisch besetzten Vereinsvorstand und Findungskreis hinaus Elternvertreter volle Mitglieder der Schulleitungskonferenz wurden und Lehrer an den Elternkonferenzen teilnehmen.

Wie all das wirkte? Zum einen hat es eine Fülle an Ergebnissen, Anregungen und Pilotprojekten, das heißt, vielfältige Bewegung in der Schule ausgelöst, zum anderen für ein größeres Verständnis und besseres Miteinander bei den Pädagogen untereinander und zwischen Lehrern, Erziehern und Eltern gesorgt. Man könnte die Wirkung auf die Formel bringen: »Vielfältige Veränderung durch vertrauensvolles Miteinander«.

Dazu Stimmen aus dem Kollegium: »Uns geht es hier in den letzten Jahren so gut wie noch nie in meiner ganzen Zeit hier. All das, woran wir uns ewig die Zähne ausgebissen haben, ist in Bewegung gekommen und geht in eine gute Richtung.«

»Bei allen Schwierigkeiten bin ich sehr erfreut über die Richtung, die die Entwicklung genommen hat. Auch das Arbeitsverhältnis mit den Eltern hat eine Stabilität gewonnen, die sogar einige Rückschläge wegstecken kann.«

Und: »Die Schulentwicklungsdelegation hat so viel bewegt, weil sie nicht versucht hat zu setzen, sondern das Ferment geliefert hat, in dem die Themen wurzeln und aus sich heraus wachsen konnten, statt wie vorher immer wieder wegzurutschen.«

Und von Elternseite: »Ich bin begeistert zu erleben, mit wie viel Herzblut, Tiefgang und Mut die Lehrer an Ideen und Lösungsansätzen arbeiten und uns Eltern mit ins Boot nehmen. Das hätte ich früher nie für möglich gehalten!«.

Entscheidend für diese Entwicklung war neben dem großen Engagement aller Beteiligten dreierlei:

a) Arbeit an konkreten Sach- und Zukunftsthemen, keine Streiterei über Prinzipien (die Fundament der Arbeit sind, nicht ihr Gegenstand)

b) Freiwilligkeit samt Respekt für die abweichenden »Wahrheiten«, Bedürfnisse und Grenzen des Anderen

c) Niemals bestimmen, immer anregen; niemals ausgrenzen, immer mitnehmen.

Wie jedes System ist jedoch selbst die beste, offenste selbstverwaltete Organisation ein träges Gebilde, muss es sein, um die notwendige Stabilität und Kontinuität zu gewährleisten. Auch der konstruktivste Veränderungsimpuls von Elternseite kann eine solche Organisation nicht in kürzester Zeit umkrempeln. Es ist wie bei Michael Endes Drachen Mahlzahn, der sich in einen »Goldenen Drachen der Weisheit« verwandelt: Jeder Impuls wirkt auf die Organisation wie der Verwandlungsschauder auf den Körper des Drachen. Wenn der Impuls gut ist, wird er nicht verpuffen, sondern bleibt als kleiner goldener Schimmer hängen, der den Körper langsam aber sicher erglänzen lässt.

Zu den Autoren: Dr. Elke Böckstiegel und Dr. Martin Böckstiegel sind Eltern an der Rudolf-Steiner-Schule in Berlin-Dahlem. Er gehört der Schulentwicklungsdelegation an, sie vertritt die Schule bei Landes- und Bundeselternratstagungen. Beide arbeiten als Organisationsberater für unterschiedlichste Unternehmen und Institutionen, unter anderem Waldorfschulen.