Neuer Hang zur alten Ordnung

Von Henning Köhler, Oktober 2017

Nostalgie (griech. nóstos = Rückkehr und álgos = Schmerz) ist eine Art Heimweh: Sehnsucht nach verschwundenen oder vom Verschwinden bedrohten Dingen, Orten, Traditionen, Gebräuchen oder Lebenszusammenhängen, die sich in der Rückschau verklären. Selten war das Zurückersehnte so ideal, wie es der nostalgisch umflorte Blick erscheinen lässt.

Trotzdem kann Nostalgie gute Gründe haben. Im Wandel der Zeiten geht ja wirklich manches Kostbare verloren. Man muss kein Ewiggestriger sein, um tief zu bedauern, dass immer mehr traditionsreiche Handwerksberufe aussterben; oder dass Mütter, die ganz für ihre kleinen Kinder da sein wollen, plötzlich als wandelnde Rollenklischees gelten. Der Fortschrittsbegriff hat längst seine Unschuld verloren. Inzwischen bekommen auch Leute, die von Konservatismus weit entfernt sind, Beklemmungen, wenn sie hören, man müsse »mit der Zeit gehen«. Im Klartext heißt das nämlich oft: Vorwärts ohne Rücksicht auf Verluste.

Nostalgie kann aber auch in eine unfassliche Borniertheit abirren. Welcher Teufel reitet gebildete Menschen, die sich angewidert zeigen von den liberalen, demokratischen und sozialen Errungenschaften der Moderne und das Heil darin sehen, »alte Ordnungen« wieder herzustellen? Sie nennen sich konservative Revolutionäre, wettern gegen einen vorgeblichen antiautoritären Mainstream und sind weltweit auf dem Vormarsch. Ihr Feindbild ist der »Gutmensch«. – Kurze Zwischenfrage: Was ist das Gegenteil von Gutmensch? – Und zu ihren natürlichen Verbündeten gehören gewisse christliche Kreise, die eine, mit Verlaub, gruselige Vorstellung vom »Bibel-treuen« Leben pflegen.

Auch über das pädagogische Gutmenschentum ereifern sich konservative Revolutionäre, ihre Sympathisanten in der so genannten bürgerlichen Mitte und christliche Fundamentalisten einträchtig. Propaganda für mehr Härte im Umgang mit Kindern hat Hochkonjunktur, und immer, wenn man denkt, jetzt sei die Grenze des Erträglichen erreicht, kommt jemand und setzt noch eins drauf. Gegenwärtig macht das Buch Kinder Herzen erziehen von Tedd Tripp Furore. Der Autor (Pastor einer evangelikalen Strömung und Schulleiter in den USA) gibt als Motto aus: »Die Rute ist per definitionem elterliche Pflicht.« Dafür führt er zahlreiche Bibelstellen an. Das Elaborat erschien zuerst unter einem anderen Titel, landete 2013 auf dem Index und ist nun wieder erhältlich. Mit geringfügigen Veränderungen. So wurde »Züchtigung« notgedrungen durch »Disziplinierung« ersetzt. Zitat: »Wenn du dein Kind diszipliniert hast, nimm es auf deinen Schoß und umarme es. Sag ihm, wie sehr du es liebst und wie sehr es dich schmerzt, dass du es disziplinieren musstest.«

»Die Kinderschutzorganisation Terre des Hommes beobachtet mit Sorge, wie in konservativ-evangelikalen Kreisen das Schlagen von Kindern propagiert wird« (Süddeutsche Zeitung, 12./13.08.17). Rückkehr zu christlich-abendländischen Werten? Tripps Buch als unbedeutende Randerscheinung abzutun, wäre naiv. Etwas Ungutes ist im Gang. Der neue Hang zu »alten Ordnungen« nimmt bedrohliche Formen an.

Kommentare

Mirû , 01.10.17 16:10

Vielleicht hilft's ja zum Verständnis weiter:
https://www.rubikon.news/artikel/traumatisierte-gesellschaft
(Interview mit Traumaforscher Prof. F. Ruppert, 1. Sept. 2017)

Kommentar hinzufügen


* Diese Felder müssen ausgefüllt werden.