Nicht entschuldigen – einander verstehen

Von Mariana Kretschmer, Dezember 2017

Leonard hat einer Mitschülerin das Kopftuch heruntergerissen. Sie war ein wenig erschrocken, da ihr das Tragen des Kopftuchs wichtig ist und sie ihr Haar nicht offen zeigen möchte. Leonard hatte sich kurz vorher mit seiner Lehrerin gestritten.

Foto: © anune / photocase.de

Die Lehrerin hat ihn dabei beobachtet. Sie schnappt sich Leonard und hält ihm eine Standpauke. Am Ende verlangt sie, er solle sich sofort bei der Schülerin entschuldigen. Er weigert sich, seine Eltern werden in die Schule zitiert und aufgefordert, dafür zu sorgen, dass Leonard sich entschuldigt. Jeden Tag geht die Lehrerin zu dem Mädchen, fragt, ob Leonard sich entschuldigt habe; sie verneint und die Lehrerin schreibt wieder die Eltern an. Die Eltern wirken auf Leonard ein, sich zu entschuldigen. Leonard aber besteht darauf, dass sich erst die Lehrerin bei ihm entschuldigen müsse, da sie ihn wütend gemacht habe. Als die Lehrerin die Eltern auffordert, sich an einen Kinderpsychiater zu wenden, werden die Eltern endlich wach.

Um was, bitte, geht es hier eigentlich? Welchen Preis muss ein Mensch zahlen, der sich der Norm widersetzt, einem Entschuldigungsritual zu folgen? »Entschuldigen« kommt aus einem uralten Herrschaftsdenken heraus, aus einer moralischen Mottenkiste. Wenn ich den anderen unterwürfig bitte, mich zu entschuldigen (zu entschulden), dann ist alles wieder gut? Es geht hier um Macht, nicht um das, was wirklich passiert ist.

Eine Aufklärung im Sinne von Verständnis finden und auf Augenhöhe sprechen wird so unmöglich gemacht. Der »Schuldige« soll reumütig sein, nur dann ist es moralisch korrekt, ihm zu verzeihen. Und derjenige, dem Unrecht getan wurde, darf die Rolle des Großzügigen und Gerechten spielen. Wie auf einer Wippe sitzt der »Schuldige« unten und der »Verzeihende« oben. Die Botschaft lautet: Fühle dich schlecht, denn du hast Schlechtes getan, du bist selbst schlecht: ein Tritt ins Kreuz des Selbstvertrauens.

Kinder wissen, wann etwas falsch ist

Ein Kind in Leonards Alter weiß, wann es etwas falsch gemacht hat. Es braucht Möglichkeiten zur Reflexion. Und es braucht verständnisvolle Erwachsene, die ihn darin begleiten. Gehen wir zurück zu der Situation mit dem Mädchen. Leonard war selbst gerade wütend und traurig, da er Ärger mit der Lehrerin hatte. Er wusste sich nicht zu helfen, da stand das Mädchen im Weg und er gab den Druck an den Nächstbesten weiter.

Er fühlte sich doch angegriffen, er hätte Schutz und Hilfe benötigt, keine Aufforderung, sich zu entschuldigen und noch kleiner zu machen. Seine Weigerung ist verständlich und gesund. Hier hätte sich die Lehrerin einschalten und dem Mädchen erklären können, dass Leonard nicht sie, sondern die vorausgegangene Situation meinte. Dass er kein schlechter Mensch ist, sondern – menschlich verständlich – aufgebracht war. War das Mädchen wirklich sauer und verärgert? Das hätte allen Kindern sehr geholfen. Vermutlich wären die Kinder nach zwei bis drei ähnlich begleiteten Situationen in der Lage, selbst so zu sprechen. Jedoch nach hunderten »Entschuldige-dich-sofort-Situationen« sind Kinder nur darauf dressiert, das Machtspiel der Erwachsenen zu spielen.

Wer eine Entschuldigung annimmt, der darf entscheiden, ob die Entschuldigung »gut«,»richtig« oder »ernstgemeint« ist. So lernen Kinder ein Muster und im besten Fall, gut zu lügen. Was sie wirklich denken, ob sie den Anderen verstehen und den Ärger nachempfinden können, danach fragt niemand.

Manipulieren führt zu nichts

Was also können wir tun? Hört den Kindern zu. Lasst sie sprechen und seid einfach mal still, wenn sie euch in ihr »Haus« einladen. Wir müssen nicht immer zu allem etwas sagen. Wir müssen nicht durch Strafen und Loben das Kind manipulieren.

Und was wurde nun aus Leonard? Seine Eltern haben aufgehört, nach Entschuldigungen zu fragen. Sie haben ihn völlig urteilsfrei gefragt, wie es ihm nun mit der Schule und allem so geht und er hat erzählt und erzählt. Sie haben ihm gezeigt, dass sie mit allen Ecken und Kanten für ihn einstehen, auch gegen die Ansage der Lehrerin.

Nach drei Tagen kam Leonard selbstständig auf die Idee, dem Mädchen aus der Schule ein Bild zu malen. Er gab es ihr heimlich, als niemand dabei war. Und sie ging zu ihrer Lehrerin und zeigte stolz das Bild.

Zur Autorin: Mariana Kretschmer ist Kommunikationstrainerin und Naturpädagogin, www.in-verbindung.com

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