Professor Binns oder Können wir uns an die Geschichte erinnern?

Von Andre Bartoniczek, November 2010

Wie gewinnen wir einen Zugang zur Geschichte? Muss sie die langweilige Faktenmasse, als die viele Schüler sie kennen, oder bloße Fiktion bleiben? Andre Bartoniczek, Deutsch- und Geschichtslehrer an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart, beschreibt einen ungewöhnlichen Ansatz.

Foto: Charlotte Fischer

Im zweiten Harry Potter-Band müssen die Schüler von Hogwarts ein Fach belegen, das sie unsäglich langweilt: Geschichte der Zauberei. Der Unterricht ist so öde, dass »fast alle in der Klasse in einen Wachschlaf verfallen«. Faktenmassen, abgestandenes Wissen, Auswendiglernen, bleierne Langeweile – viele Generationen von Schülern haben sich so durch den Geschichtsunterricht gequält.

Warum eine Geschichte der Zauberei, wenn man viel lieber selber zaubern möchte? Die Pointe der Szene liegt darin, dass der Lehrer – Professor Binns – ein Gespenst ist: »Viele Leute sagten, er habe nicht bemerkt, dass er tot sei. Er war eines Tages einfach aufgestanden, um zum Unterricht zu gehen, und hatte seinen Körper in einem Sessel vor dem Kamin im Lehrerzimmer zurückgelassen; sein Tagesablauf hatte sich seither nicht im Mindesten geändert.«

Joanne K. Rowling bringt mit diesem Bild ein Phänomen auf den Punkt: Die vergangenen Zeiten sind uns nur noch als totes Wissen verfügbar, das keine Realität besitzt. Wir können nicht unmittelbar wahrnehmen, was damals in Ägypten passiert ist, und so kann die Geschichtsbetrachtung auch keinen realen Lebensbezug herstellen. Nicht nur für den Schüler, sondern gesamtgesellschaftlich steht damit aber der Sinn der Geschichtserkenntnis in Frage. Auf der anderen Seite boomt eine Industrie von Romanen, Comics, Computerspielen, Kino- und Fernsehfilmen, die unterhaltende, »lebendige« Geschichte anbieten. Sie sind immer ein Stück weit Fiktion und spiegeln in den meisten Fällen »der Herren eignen Geist« wider anstatt historische Realitäten: In Hollywood geborene Filmgriechen gehören dazu, ebenso Dan Browns Grals- und Logenromane oder Kinderbücher, in denen man mit Tom und seinen Gefährten über den nächs­ten Vulkanausbruch diskutiert und dann wieder zur Mammutjagd übergeht.

Die Macht der Erinnerung

Wie aber können wir die Vergangenheit unmittelbar erleben, statt uns auf inhaltslose Daten zu beschränken oder eine eigentlich gegenwärtige »Anschaulichkeit« zu erfinden? Erst wenn wir real Vergangenheit an uns selbst erfahren, erfassen wir uns als zeitliche Wesen, die eine Herkunft haben und einen Weg gehen. Dann können wir spüren, dass wir uns entwickeln und verwirklichen und die Welt nicht fertig ist, dass wir sie selbst gestalten können. In unserer Biographie ist es die Erinnerung, die diese Verbindung von gestern und heute herstellt und uns die Empfindung unserer Identität vermittelt. Menschen mit gravierenden Gedächtnisstörungen sind in ihrer Existenz tief verunsichert und unter Umständen gesundheitlich nachhaltig gefährdet. Wäre Erinnerung nicht auch eine Antwort auf unsere Frage nach einer realen und lebendigen Geschichtsbetrachtung? Leistet die Erinnerung nicht genau das, wonach wir auch bei der Geschichte suchen: unmittelbare Bildwahrnehmungen, die uns die vergangenen Zeiten empfinden, fühlen, ja sehen lassen? Wie soll man sich aber an Zeiten erinnern, in denen man gar nicht gelebt hat? An dieser Stelle verweigert sich die kultur­historische Forschung, weiter zu fragen.

Ist die Vergangenheit mehr als ein Gespenst?

Joanne K. Rowling weicht elegant aus, indem sie das »Denkarium« erfindet: eine Schale, in die man silbern glänzende Erinnerungsfäden, die mit einem Zauberstab aus dem Kopf eines Menschen gezogen werden, hineinlegt, um dann den eigenen Kopf in dieses Gefäß hineinzustecken und in eine ferne, aufregende Vergangenheit abzutauchen. Diese Lösung macht aus Erinnerungen Gegenstände und stellt sie zuletzt als eine räumliche Wirklichkeit dar, die man durchwandern kann. Was aber tun, wenn wir im realen Leben eine solche Schale nicht haben, sondern durch eigene innere Anstrengung Erinnerungen hervorbringen müssen? Muss das historische Erinnern eine Metapher bleiben und die Vergangenheit ein Gespenst?

Die Geschichte öffnet das Tor zur Erinnerung

Erinnerung ist die Fähigkeit, sich unabhängig von der momentanen sinnlichen Gegenwart innerlich durch die Zeit zu bewegen, also zum Beispiel eine Situation in der Kindheit zu erleben und nicht mein augenblickliches Sitzen am Schreibtisch. Das bedeutet, dass ich in der Lage bin, mich seelisch frei zu machen von den aktuellen Sinneseindrücken. Durch die Erinnerung tauche ich in eine Welt ein, die nicht »vor Augen« liegt und die ich auch nicht mehr als Raum bezeichnen oder darstellen kann. Insofern ist das Wort »Erinnerung« sehr präzise: Bewege ich mich in der Zeit, trete ich in mein Inneres ein und bemerke den tätigen, geistigen Kern meines eigenen Wesens. Die Frage ist nur: Wie stoße ich durch die materielle Außenseite der sinnlichen Wahrnehmung hindurch und komme wirklich in eine Zeiterfahrung hinein und verwechsle diese nicht mit Bildsequenzen meines gegenwärtigen Vorstellungslebens? Hier ist es nun gerade die Geschichte, die jenes »Tor« zur Erinnerung öffnen kann. Sie hält eine Fülle von äußeren, also sinnlichen Fakten bereit, die sich völlig widersprechen und selber gar keine Antworten geben, sondern auf eine Schicht aufmerksam machen, die sich geheimnisvoll hinter den Ereignissen verbirgt.

Sprünge und geheime Synchronizitäten

Wie sind die bis heute unerklärlichen Pyramiden Ägyptens entstanden, wenn die Menschen bis dahin Stroh- und Lehmhütten gebaut hatten und an keiner Stelle sich in solcher Architektur geübt haben konnten? Es finden sich empirisch keine Befunde, die die Entstehung dieser »Weltwunder« nachvollziehbar machen. Wie konnte es dazu kommen, dass sich 1967/68 zeitgleich an verschiedenen Stellen der Welt ein fundamentaler kultureller und politischer Umbruch ereignete, ohne dass die jeweiligen Orte äußerlich miteinander verbunden waren? Die Demonstrationen in Paris waren nicht die Folge der Studentenbewegung in Berkeley, jene in Berlin nicht die Folge der Vietnamproteste, Prag nicht die Wirkung oder Ursache von Berlin. Nicht das Wissen, nicht die »empirischen« Fakten, sondern das Nichtwissen, die Rätsel führen zu einer Begegnung mit der geschichtlichen Wirklichkeit und zu einem Erleben von Zeit: Wenn ich beobachte, wie gleichsam aus dem Nichts Lebensformen entstehen, oder wie an vielen Orten eine historische Bewegung ans Tageslicht tritt, ohne dass es einen äußeren Grund dafür gäbe, erlebe ich eine schöpferische Quelle menschheitlichen Handelns, aus der immer wieder neue Gestaltungen hervorgehen – also Zeit geschaffen wird.

Das chronologische Nacheinander wird in der Geschichtswissenschaft oft uneingestanden als ein räumliches Nebeneinander aufgefasst – man denke an die häufig in Klassenzimmern angebrachten historischen Plakate mit Zeit­strahlen – Zeitwahrnehmung entsteht so nicht. Man ver­steht insofern Rudolf Steiner, wenn er den ersten Waldorflehrern ins Bewusstsein rief, wie sehr es im Geschichts­unterricht darum gehe, Karl den Großen nicht wie den eigenen Onkel darzustellen, sondern ein »zeitliches Distanzgefühl« im Schüler hervorzurufen. Wenn ich das ganz Andere im früheren Menschen entdecke, wird die Geschichte interessant und ich spüre etwas von dem Geheimnis des geschichtlichen Werdens. Steiner hat selbst das Beispiel der Blaublindheit der Griechen dargestellt: Die Tatsache, dass einmal die Menschen die Welt mit ganz anderen Augen angesehen haben als wir heute, ist viel wichtiger und sprechender als manche Herrschernamen und politische Daten.

Die Vorfahren in ihrer Andersartigkeit entdecken

Einmal auf die Realität des Zeitlichen aufmerksam geworden, können wir den »Muskel«, mit dem wir uns durch die Zeit bewegen, immer weiter ausbilden und kräftigen. Wenn ich einmal die »seelische Beobachtung« (Steiner) auf den inneren Schauplatz meiner geschichtlichen Wahrnehmung gerichtet habe, werde ich nicht die ökonomischen Verhältnisse als Grund für die Französische Revolution ansehen. Ich werde mich fragen, was sich in den Menschen verändert hat, dass sie diese Verhältnisse nicht mehr hingenommen haben und statt dessen den Drang und den Mut hatten, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Ich werde mich und die Schüler nicht mit Daten überhäufen, sondern in den vielen Erscheinungen die charakteristischen Gebärden aufsuchen.  An ihnen scheint das Wesentliche, der verborgene Zusammenhang markant und signifikant auf. Sie verlangen mir eine energische seelische Tätigkeit ab, durch die ich in mir selbst den im Gehorsam glücklichen Ägypter, den kämpferischen Teutonen oder den mittelalterlichen Eremiten in seiner ganzen Andersartigkeit  beobachten kann.

Nur so kann ich sie in ihrem zeitlichen Verhältnis zu mir erfahren.

Geschichte ist in uns

Entdecke ich die Geschichte in meinem eigenen Seelen­leben, hört sie auf, ein Schatten zu sein – sie wird saftig und lebendig, denn sie wird real wahrgenommen. Wer sich dabei beobachtet, eine ferne Erinnerung ins Bewusstsein zu rufen, der weiß, wie anstrengend dieser Vorgang ist und wie sehr er einer geradezu »bildhauerischen« Arbeit gleichkommt: Man versucht immer wieder, einzelne erste Bildfragmente zu fassen, intensiv zu verstärken und so förmlich pressend oder »knetend« immer reicher und klarer zu machen, bis sich immer mehr Erinnerungsinhalte an sie anschließen. Das ist kein distanziert betrachtender Vorgang, sondern ein mit Willensanstrengung verbundenes Geschehen. Jenes charakteristisch-markante Nachschaffen und Beobachten der historischen Gebärdensprache scheint also eng verwandt mit den konkreten Prozessen des Er­innerns. So kann man hellhörig werden, wenn Rudolf Steiner hinsichtlich der Geschichtserzählung im Unterricht von einem plastischen Vorgang, von einem regelrechten »Nachmodellieren« spricht. Das sind Worte, die er fast identisch auch für Erinnerungsübungen verwendet – übrigens auch für die Schulung der Reinkarnationserinnerung.

Erinnerung beschränkt sich nicht auf das eigene Leben

Mir scheint, dass für die historische Erkenntnis und den Geschichtsunterricht ein elementares Umdenken ansteht. Erinnerung muss sich nicht auf das eigene Leben beschränken. Lessing hat in seiner »Erziehung des Menschengeschlechts« deutlich gemacht, dass die Geschichte einen Gedanken geradezu notwendig macht: die Idee der wiederholten Erdenleben. Wie lässt es sich sonst erklären – so Lessing –, dass Epochen aufeinander folgen, in denen Menschen völlig neue Fähigkeiten mitbringen, die vorher weit und breit nicht zu anzutreffen waren? Müsste nicht jeder Mensch jede historische Errungenschaft immer wieder neu erlernen und wiederholen, und müsste die Geschichte dann nicht immer auf dem Fleck stehen bleiben? Die Tatsache, dass Kinder mit Fähigkeiten auftreten, die sich früher ganze Kulturen über Jahrhunderte erringen mussten, lässt sich nur so verstehen, dass sie sie vor ihrer Geburt schon erworben haben. Vergegenwärtigt man sich, dass man im Erinnerungsvorgang bereits in eine geistige, sinnlichkeitsfreie Welt eintritt, so entsteht sofort die Frage, ob es dann nicht auch möglich ist, unsere Erinnerungsfähigkeit über die eigene Biographie, also über die Grenzen des an unseren Körper gebundenen Gedächtnisses hinaus auszudehnen. Wie kommt es, dass bestimmte Schüler oft ganz merkwürdige, besondere Affinitäten zu einer speziellen Epoche wie dem Keltentum, Rom oder dem alten China zeigen oder nicht wenige junge Menschen bestimmte Rückerinnerungserlebnisse haben?

Die moderne Erinnerungsforschung ist heute an einem bedeutenden Punkt angelangt. Sie beginnt, sich für die Vergangenheit als konkrete, bildhafte und erlebnisgesättigte Wahrnehmung zu interessieren und nicht als Gedanken oder empirischen »Beweis«. Es müssten jetzt nur die nötigen erkenntnismäßigen Konsequenzen aus den hierbei entstandenen Ergebnissen gezogen werden. Man stelle sich einmal vor, wie radikal anders unser Geschichtsunterricht würde, wenn die Lehrer mit der ernst gemeinten Einstellung vor den Schülern stünden, dass diese schon einmal in Afrika oder Persien, Rom oder dem frühindus­triellen England gelebt haben. Der Lehrer würde dem Schüler die Geschichte gar nicht »beibringen« wollen – schließlich könnte er ja einem Alexander, Luther oder Franklin gegenüberstehen. Er würde vielmehr Anstöße geben, die dem Schüler helfen, sich – wenn auch nicht vollbewusst – erinnern zu können und sich damit zu orientieren. Man braucht dafür gar kein »Denkarium«, sondern entdeckt die geheimnisvolle Fähigkeit des eigenen Innern, sich in der Zeit zu bewegen.

Literatur:

A. Assmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München 2009

A. Bartoniczek: Imaginative Geschichtserkenntnis. Rudolf Steiner und die Erweiterung der Geschichtswissenschaft, Stuttgart 2009

R. Steiner: Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung (GA 302), Dornach 1988