Andacht hilft gegen Zeitdiebe

Von Sara Koenen, November 2015

In der Gegenwart leben, sich gegen die eigenen und fremden Zeitdiebe zur Wehr zu setzen, ist notwendig, um ein menschliches Leben zu führen. Von unseren Kindern können wir lernen, was es heißt, gegenwärtig, aufmerksam und andächtig zu sein.

Foto: © epert/photocase.de

»Zieht euch die Schuhe an und geht schon mal ins Auto«, rufe ich den Kindern zu, während ich noch hastig meine Siebensachen zusammensuche. Ein ganz normaler Morgen. Es ist 7:20 Uhr. Wir sollten jetzt aus dem Haus sein. Als ich zwei Minuten später los möchte, sitzt Klara im Flur, immer noch ohne Schuhe, und streichelt seelenruhig die Katze. Diese schnurrt und Klara raunt ihr liebevolle Worte zu. Kind und Katze sind eine Insel, außerhalb aller Zeit, ganz Gegenwart, Hingabe und Zuwendung. Ein wunderschöner Moment, der mich als Mutter an den Rand des Wahnsinns bringt.

Der uralte Schulungsweg des Zen enthält viele Weisheiten, die den Übenden ermutigen, sich vollkommen auf das Hier und Jetzt einzulassen. Dazu ist es nicht unbedingt notwendig, sich in ein stilles Meditationskämmerchen zurückzuziehen, nein, es geht darum, sehr bewusst genau das zu tun, was man tut. Was immer es gerade ist. Wenn ich gehe, gehe ich. Wenn ich sitze, sitze ich. Oder hier: Wenn ich die Katze streichle, streichle ich die Katze. Aus dieser Wahrnehmung des Augenblicks entstehen Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und Konzentration. Prima! Klara ist also eigentlich eine kleine Zen-Übende? Nur, um das herauszufinden, haben wir heute Morgen keine Zeit! »Schuhe an und ab ins Auto, wir sind jetzt wirklich spät dran!« Mein Stresspegel steigt, noch ein geschwisterliches Gerangel beim Einsteigen und fünf Minuten später: tatsächlich Stau! Jetzt hilft nur noch eine Entspannung. Gelegenheit, den morgendlichen Ablauf noch mal miteinander zu besprechen, ein Morgenlied zu singen, zu gucken, wie die Sonne über der Stadt aufgeht und gemeinsam zu überlegen, was heute in der Schule ansteht und was am Nachmittag. Tatsächlich: Wir schaffen es noch gerade eben pünktlich. Fröhlich eilen alle in ihre Klassen und ich atme erst mal durch. Dann fahre ich zum See und laufe eine große Runde, mache mir Gedanken, wie es sich verhält, mit der Andacht und der Aufmerksamkeit bei uns in der Familie. Überhaupt sind Spaziergänge alleine und mit Kindern ja großartige Lehrer der Andacht und Aufmerksamkeit. Ob man seinen Körper spürt und seinen Atem, wenn es bergauf und bergab geht und über Stock und Stein oder ob man immer wieder inne hält zum Schauen, Staunen, Beobachten und Begreifen. Am Wegesrand blühen Blumen, reifen Beeren, Blätter fallen auf den Weg. Was ist das für ein Baum? Ein Mäuschen raschelt durchs Laub. Gib acht! Eine Schnecke! Es gehört dazu, das Leben zu schützen, da wird auch mal ein kleiner Regenwurm liebevoll vom Weg aufgehoben und in die Wiese gelegt und dem Käferchen auf die Beine geholfen. Schau mal, der Vogel, ist das eine Krähe oder gar ein Habicht oder Bussard? Ein totes Fröschlein bedecken wir mit einem Blatt. Zeit, miteinander ins Gespräch zu kommen, über das Werden und Vergehen, Blühen und Fruchten, Leben und Sterben.

Es hat sich ergeben, dass wir als Familie dem Jahreslauf folgend Spaziergänge auch mit Ritualen verbinden. Zu Allerheiligen beispielsweise gehen wir über den Friedhof, betrachten die geschmückten Gräber. Wir sind weit weg von den Gräbern unserer Ahnen, also erzähle ich Geschichten von meinen Großeltern. Wir erinnern uns an die Urgroß­eltern der Kinder und an Opas jüngeren Bruder, der leider schon gestorben ist und bei dessen Beerdigung wir waren. Wir halten uns an den Händen und es ist durchaus Andacht zu spüren im Angedenken. Ein Mahnmal für die Gefallenen der Weltkriege löst eine Diskussion über Kriege aus, damals hier und heute woanders und Pauline wird es langsam zu viel. Wir gehen Richtung Ausgang als ein besonders kitschig gestaltetes Grab Begeisterung bei meinen Kindern auslöst. »Mama, wenn du mal stirbst, machen wir dir auch so ein Grab, okay?« Da bin auch ich froh, dass unser Ausflug zu Ende geht. Zu Weihnachten gehen wir immer in den Wald und bringen den Vögeln Futter, damit auch sie es schön und festlich haben und auf den Neujahrsspaziergang nehmen wir große Mülltüten mit und sammeln neben Raketen und anderen Überresten des Feuerwerks mancherlei »Schätze« am Wegesrand ein.

Alles hat seine Zeit

Meine Füße rascheln durch das Herbstlaub. Die Natur zieht sich zurück. Voller Schönheit flammt sie noch einmal auf, bringt Farben und Früchte. Vergänglichkeit wird gegenwärtig. Ich lasse die Situation am Morgen noch einmal Revue passieren. Mit kommen die Bibelworte in den Sinn: »Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde ...« Ja, und auch die Katze streicheln und Schuhe anziehen hat seine Zeit.

Klara lernt erst noch, was zu welcher Zeit dran ist. Während sie noch ihrer eigenen »Meditation« nachging und dabei ihre Aufmerksamkeits- und Andachtskräfte schulte, mit der gleichen wunderbaren Ruhe und Zuwendung, die wir auf den Spaziergängen pflegen, hatte ich dagegen ein Problem mit der Zeit. Genauer: mit der getakteten Zeit. Denn eigentlich war keine Zeit, und schon gar nicht die Katze zu liebkosen! Der Zeittakt gehört zur Welt der Erwachsenen. Alles muss funktionieren, sonst werden wir gestresst und ungerecht gegeneinander, können Verabredungen nicht einhalten, wie zum Beispiel pünktlich in der Schule zu sein. Kinder spüren auf natürliche Weise, dass der Zeittakt sie abhalten will vom Eigentlichen: mit Muße und Konzentration ganz gegenwärtig zu sein, sich im Spiel zu entfalten und Beziehungen zu pflegen. Sie spüren genau, wenn sie eigentlich nur ein Teil im Mechanismus eines perfekten Zeitplans sein sollen. Und steuern unbewusst dagegen.

In dem Anfang der 1970er Jahre erschienenen Kinderbuchklassiker »Momo« von Michael Ende wird aus heutiger Sicht erschreckend aktuell erzählt, wie die grauen Herren den Menschen die Zeit stehlen. Momo ist ein besonderes Mädchen, das alleine in einem alten Amphitheater haust. Momo hat viele Freunde, denn ihre Gegenwart inspiriert Kinder zu dem schönsten Spiel und auch Erwachsene er­liegen ihrem Zauber, denn sie kann zuhören: »Sie saß nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und aller Anteilnahme (…) und der Betreffende fühlte, wie in ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, das sie in ihm steckten.« Momo ist Gegenwart. Und Momo hat Zeit. Die Zeitdiebe können ihr nichts anhaben.

Was in dieser Geschichte noch eine dunkle Vision war, ist heute vielfach Gegenwart. Die arbeitenden Eltern sind dem Zeittakt ganz unterworfen. Sie haben nicht die Muße, ihren Kindern zuzuhören, so, dass sie sich entfalten könnten.

Rhythmus statt Takt

Kürzlich verbrachte ich etwas Zeit mit dem kleinen Lukas, einem lieben, wissbegierigen Fünfjährigen. Es war auffällig, dass er lauter sprach als notwendig, vielleicht auch, um sich gegen seine beiden häufig streitenden großen Schwestern Gehör zu verschaffen. Wir gingen spazieren und ich versuchte, ihn hier und da aufmerksam zu machen auf die Besonderheiten am Wegesrand. Eine mächtige Eiche, einen Tierbau, ein Heilkraut. Dann stimmte ich ein Kinderlied an und er blieb stumm. Er schien kein einziges Lied zu kennen! Einzig »Alle meine Entchen« brachte er mehr schlecht als recht zu Stande. Ich sang ihm wieder und wieder ein kleines kurzes Kinderliedchen vor und zwischendurch sangen wir gemeinsam »Alle meine Entchen«. Es dauerte eine lange Weile, bis er zaghaft mein kleines Liedchen mitsang. Es schien eine ganz neue Erfahrung für ihn zu sein. »Wir sind unmusikalisch«, sagte die Mutter, »und in seinem Kindergarten wird auch nicht viel gesungen.« Es fehlte dem kleinen Lukas offensichtlich an Vorbildern. Doch gerade am Singen kann man ja so vieles lernen, zum Beispiel das Zuhören oder Umgang mit Rhythmus und Lautstärke. Man begegnet seinen Gefühlen und kann ihnen Ausdruck verleihen. Es ist kein Zufall, dass in den Waldorfkindergärten und -schulen so viel gesungen wird. Ein gemeinsam ge­sungenes Lied hat immer etwas Verbindendes, werden doch die meisten Menschen dabei von so etwas wie Andacht ergriffen. Verlieren wir die Lieder, verlieren wir einen Teil unserer Seele und unserer Kultur. Dabei eignen sich Lieder und kleine Sprüche ganz besonders gut, um schon die kleinsten Kinder im Alltag zu begleiten, und das wie nebenbei. Ein Tischspruch sorgt für einen schönen Beginn einer gemeinsam eingenommenen Mahlzeit und ein Abendlied, zusammen mit einem kleinen Gebet, rundet das Abendritual ab und entlässt das Kind erleichtert in die Nacht. Es entsteht Wärme in der menschlichen Nähe, und das ist die Zeit, die kein »grauer« Herr uns stehlen kann – die wir uns für einander nehmen. Zeit, die wir bewusst mit unseren Kindern verbringen, in der wir für sie da sind.

»Rhythmus ersetzt Kraft«, sagte Rudolf Steiner. Gute Gewohnheiten im Alltag sowie Rituale, die uns durch den Tag und übers Jahr begleiten, unterstützen uns Eltern und Erziehende in unserer Arbeit und erfüllen uns mit Freude, wenn es Zeit ist zu feiern, geben uns aber auch eine Stütze, wenn es sich eher um eine Zeit des Einsammelns der Steine handelt, die immer mal wieder in unserem Weg liegen. Der lebendige Rhythmus ersetzt den toten Takt. Dazu bedarf es einer Entscheidung des Erwachsenen. Selbsterziehung ist gefordert und die Frage, wie ich es eigentlich halte mit meiner Andacht und Aufmerksamkeit. Wann habe ich zuletzt ein Gedicht auswendig gelernt, aus tiefstem Herzen gebetet oder ein Herbstblatt ganz genau betrachtet? Wann habe ich gekocht, wenn ich gekocht habe, geputzt, wenn ich geputzt habe und meiner Tochter zugehört, wenn ich ihr zugehört habe?

Heute habe ich mir die Zeit für einen Spaziergang genommen. Jetzt gehe ich nach Hause, ziehe meine Schuhe aus und streichle die Katze.

Zur Autorin: Sara Koenen ist Schauspielerin, Autorin und Mutter dreier Töchter. Sie ist tätig als Coach für Schauspiel, Sprechen und Persönlichkeitsentwicklung.

Literatur: B. Glassman: Anweisungen für den Koch. Lebensentwurf eines Zen-Meisters, Hamburg 1997; Altes Testament, Prediger, 3, 1-8; M. Ende: Momo, Stuttgart 1973; R. Steiner: Vor dem Tore der Theosophie, Vortrag vom 2. September 1906, GA 95, S. 116