Feinmotorik und feinsinnige Gedanken. Befunde aus dem Kindergarten und der Grundschule

Von Sebastian Suggate, Oktober 2014

Sowohl die Reformpädagogin Maria Montessori als auch der deutsche Philosoph Martin Heidegger betrachteten die Hand als ein Instrument der Intelligenz. Dieser Gedanke, dass Bewegung wesentlich für das Denken ist, spielt auch eine bedeutende Rolle in der Pädagogik Rudolf Steiners. In letzter Zeit sprechen auch zahlreiche empirische Befunde für diese faszinierende Idee.

Foto: © Charlotte Fischer

Eine der ersten Errungenschaften des Kleinkindes betrifft die motorische Entwicklung. Sobald der Leib sich ein wenig ausgestaltet und an Kraft gewonnen hat, bemerken erwartende Mütter kleine Bewegungen, manchmal schon im fünften Schwangerschaftsmonat, die oft wie Schmetterlinge im Bauch empfunden werden.

Schon bei der Geburt haben Neugeborene sogenannte Primärreflexe, die im Lauf der Entwicklung zurückgedrängt werden müssen. Zum Beispiel können Neugeborene aus eigener Kraft ihr Körpergewicht beim Greifen mit beiden Händen halten. Oder direkt nach der Geburt scheint es so, als könnten sie im Wasser schwimmen (Schwimmreflex). Diese Primär- oder Überlebensreflexe gehen aber bald nach der Geburt verloren.

Obwohl die Entstehung dieser Primärreflexe durchaus bedeutsam ist: die erste wahre Errungenschaft scheint aber zu sein, dass diese Reflexe im Lauf der Entwicklung zurückgedrängt werden. Kleinkinder, die beim Abendessen den eigenen Löffel und die Speise auf den Boden fallen

lassen, tun dies ja nicht, um die Eltern zu ärgern, sondern aus einem anderen Grund: sie lernen dabei, ihren Greif-­reflex zu inhibieren. Von Anfang an sind also kognitive Steuerungsprozesse mit der motorischen Entwicklung eng verbunden.

Es ist vielleicht deshalb keine Überraschung, dass Forschungsbefunde sowohl aus der empirischen und experimentellen Psychologie als auch aus der Hirnforschung der Finger- und Handgeschicklichkeit (d.h. Feinmotorik) und den Handlungen beim Denken eine bedeutende Rolle zusprechen.

Resonanz zwischen Denken und Handeln

Bei Erwachsenen gibt es eine sogenannte Motorresonanz. Bei diesem Effekt gelingt das Denken mit höherer Geschwindigkeit, wenn gleichzeitig eine dazu passende Handlung durchgeführt wird. Spricht man zu Erwachsenen beispielsweise den Satz: »Johannes macht die Tür auf« und lässt sie dann beurteilen, ob es sich um einen sinnvollen Satz handelt oder nicht, dann gelingt die Beurteilung vergleichsweise schnell, wenn sie beim Hören des Satzes einen Drehknopf gegen den Uhrzeigersinn betätigen. Drehen die Probanden jedoch beim Hören des Satzes den Knopf im Uhrzeigersinn, so ist der Denkprozess langsamer. Da man gewöhnlich den Deckel einer Flasche im Gegenuhrzeigersinn aufmacht, gibt es in diesem Experiment eine Resonanz zwischen der Handlung und dem Verstehen der Satzbedeutung. Mit anderen Worten: Eine Resonanz zwischen dem Gedanken und einer Handlung beschleunigt das Denken. Aus der entwicklungspsychologischen Forschung, vor allem der Vereinigten Staaten, gibt es interessante Befunde aus Langzeitstudien. Diese zeigen in der Regel, dass Kindergartenkinder mit fortgeschrittenen feinmotorischen Fertigkeiten in Mathematik- und Intelligenztests der Grund- schule besser abschneiden.

Dabei stieß man auf ein interessantes Kulturphänomen. Kinder aus asiatischen Ländern, die in den USA leben, haben einen Vorteil gegenüber den aus Europa stammenden Kindern, wenn es um die Lösung mathematischer Aufgaben geht. Sie verfügen in der Regel auch über eine geschicktere Feinmotorik. In einer Studie konnte ermittelt werden, dass diese ausdifferenziertere Feinmotorik ein bedeutsamer Faktor für die höhere Leistung im mathematischen Bereich war.

Aber die Vorteile für eine bessere frühkindliche Feinmotorik liegen nicht nur im mathematischen Bereich, sondern auch in der allgemeinen Intelligenz. Philipp Martzog, Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart, hat in seiner Dissertation feststellen können, dass eine bessere Feinmotorik in den ersten Kindergartenjahren zu einem höheren Intelligenzniveau bei Vorschulkindern führen kann. Dieser Vorsprung betraf allerdings das schlussfolgende Denken und nicht den Wissenserwerb. Der Befund deutet zunächst darauf hin, dass Bewegung und feinmotorische Handlungen entscheidend für die Denkflexibilität sind, aber nicht relevant für das bloße Erlernen von Tatsachen.

In Folgestudien an der Universität Regensburg und an der Alanus Hochschule in Alfter werden Zusammenhänge zwischen der Feinmotorik und weiteren Aspekten der frühkindlichen Entwicklung untersucht. Kindergartenkinder, die in der Feinmotorik fortgeschrittener waren, schnitten bei der Leseentwicklung in der ersten Klasse besser ab. Eine weitere experimentelle Studie ergab, dass Kinder, die motorische Schwierigkeiten hatten, dank einer experimentellen Bedingung, wobei sie einen schweren Stift betätigen mussten, die Buchstaben und Laute beim ersten Schreiben langsamer erlernten.

Die Welt wird mit den Händen erforscht

Kinder mit linkischen Händen sind bei ihrem Erkunden der Welt benachteiligt. Man kann vermuten, dass rapide und verhältnismäßig verarmte Bewegungen – wie zum Beispiel beim Computerspielen – die kognitive Entwicklung weniger unterstützen. Dabei haben die Forschungen von Martzog u.a. gezeigt, dass es eher die komplizierteren feinmotorischen Aufgaben (z.B. Perlen auffädeln) waren, die eng mit dem Intelligenzniveau zu verknüpfen sind  – während Feinmotorik in der Art  wiederholender und monotoner Fingerbewegungen (»tapping«), das Intelligenzniveau nicht beeinflussten. Ein weiterer Bereich, der von hoher Bedeutung sowohl für die Entwicklung des Denkens als auch für die Sozialisation ist, ist die Wortschatzentwicklung. In einigen Studien wurde die Rolle der Feinmotorik bei der Wortschatzentwicklung untersucht. Hier wird die Komplexität der Sache deutlich. Es sieht so aus, dass Feinmotorik wohl wichtig für die Wortschatzentwicklung ist, aber vor allem für diejenigen Worte, die im sinnlichen Erlebnis verankert sind. So wird die Bedeutung abstrakter Worte wie »Vertrauen« von Kindern mit einer fortgeschrittenen Feinmotorik nicht schneller erkannt. Jedoch können Worte, die auf etwas verweisen, das mit den Händen greifbar ist, wie »Gürtel« oder »Hocker«, von Kindern mit einer gut ausgeprägten Feinmotorik schneller erfasst werden.

Wie fördert man die Feinmotorik?

Leider gibt es nur wenige fundierte Forschungsstudien zu dieser Frage. Allerdings gibt es in der Heilpädagogik seit langem praktizierte Fördermaßnahmen. Aus dem Dargestellten dürfte es plausibel sein, dass der Musik und der handwerklichen Betätigung eine herausragende Rolle zukommt. In einer ersten Studie wurden Eltern über das Spielverhalten ihrer Kinder befragt und anschließend deren Feinmotorik im Kindergarten untersucht. Kinder, die viel zuhause basteln (malen, zeichnen, kleben), verfügten über eine messbar bessere Feinmotorik.

Die schwierigste Frage, die es in diesem Zusammenhang zu beantworten gilt, lautet: Warum sollen Denkprozesse und Wortschatzentwicklung eigentlich von der Feinmotorik abhängen? Die Befunde der hier genannten Studien sprechen nicht dafür, dass Kinder allein aufgrund eines privilegierteren sozialen Umfeldes (mehr Anregung und Angebote zum aktiven Tun) besser in den Bereichen Feinmotorik und Intelligenz sind.

Motorischer Homunculus

Eine zweite Möglichkeit, die oft als Erklärung angeführt wird, ist eine Art »brain training«. In der Abbildung ist eine fast dämonisch aussehende Gestalt zu erkennen (Foto oben). Diese Skulptur wurde so geformt, dass jeder Körperteil von seiner Größe her anteilig an die entsprechenden Hirnareale angepasst wurde. Sie stellt also dar, wie ein Mensch aussehen würde, wenn seine Körperteile in der gleichen Größe wie die entsprechenden Hirnareale wachsen würden. Daraus ist zu schließen, dass beim Sprechen im Vergleich zum Laufen sehr viel Aktivität im Gehirn stattfindet – die Beine der Figur sind deshalb klein im Vergleich zum Mund. Also bildlich umgesetzt ist die Hand wohl ein Instrument des Gehirns!

Nimmt man die Forschungen Rudolf Steiners zum Zusammenhang von Gehirn, Denken und Händen dazu, so konkretisiert sich dieses Bild sofort: Die Hände sind beim Menschen keine reinen Nützlichkeitsorgane wie beim Tier, sie sind frei. Erst durch die Hände kann alles, was der Geist erringen kann zum Ausdruck kommen – jegliche Kultur und Kunst ist durch Hände geschaffen. Für zukünftige Entwicklungen hieße das dann schließlich, dass die Hände selbst zu einer Art Denkorgan würden (Vorträge vom 8. Juni 1912 und 12. März 1918).

Jedoch ist der Beweis dafür, dass ein Brain Training sich positiv auf das Denken auswirkt, weil das Gehirn dadurch wie ein Muskel trainiert wird, eher schwach. Laut aktuellen Theorien und Befunden ist das Gehirn im Gegenteil hoch differenziert, bestimmte Handlungen (z.B. Laufen) sind sehr genau mit bestimmten Arealen und neuronalen Netzwerken verbunden. Es ist daher fraglich, ob Fingerbewegungen das Gehirn so trainieren können, dass bei Bewegung andere nicht-motorische Aspekte wie die allgemeine Intelligenz automatisch mitentwickelt werden.

Es gibt auch Theorien der »Embodied Cognition«. Laut diesen Theorien ist das Denken auf den Körper stark angewiesen. Extreme Ausformulierungen dieser Theorien behaupten, es gebe keine Gedanken, die nicht irgendwie im Körper verankert seien. Ganz elementar gedacht: Die Hand wird zum Ausdruck des Wortes, sie bedient sich der Gebärde, die sehr viel von dem inneren Charakter des Menschen ausdrückt. Von daher ermögliche eine geschickte Feinmotorik auch feinsinnigere Gedanken.

Man muss zugestehen, dass es aktuell keine anerkannte und wissenschaftlich überzeugende Erklärung gibt, warum die Feinmotorik mit der Intelligenz, dem Wortschatz und der Mathematik zusammenhängt. Viele Pädagogen – neben Rudolf Steiner u.a. der renommierte russische Psychologe Lev Wygotsky – haben die kindliche Entwicklung so geschildert: Laufen – Sprechen – Denken. In diesem Sinne ist auch die Feinmotorik sicherlich ein wichtiger Baustein zunächst für das Sprechen und im Weiteren für das Denken.

Ich bin davon überzeugt, dass die Frage, aus welchem Grund und inwiefern die (Fein)Motorik bedeutsam für das Denken ist, nur befriedigend beantwortet werden kann, wenn diverse Forschungsfelder zusammenkommen, etwa die Pädagogik, die Neurologie, die Entwicklungspsychologie, Philosophie und nicht zuletzt auch die anthroposophische Geisteswissenschaft. Denn die Problematik berührt uralte Fragen, vor allem wie Denken, Welt und menschliche Aktivität in einen Zusammenhang zu bringen sind.

Zum Autor: Sebastian Suggate ist Professor für Entwicklungspsychologie und Kindheitspädagogik an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft.