Ort der Gelassenheit

Von Eckhard Schiffer, November 2017

Angst in ihren unterschiedlichen Verursachungs- und Erscheinungsweisen gehört mit zum menschlichen Leben. Gelassenheit – wie sie nachfolgend als Ausdruck eines starken Kohärenzgefühles dargestellt wird – kann helfen, dass Angst nicht die »Seele auffrisst« und andauernde psychosomatische Stressreaktionen nicht den Organismus beschädigen.

Foto: © Charlotte Fischer

Gelassenheit ist kein Zwangskorsett für überbordende Gefühle. Eher hat sie mit einem Ort zu tun, von dem aus mit freundlichem Abstand immer wieder das betrachtet werden kann, was innerlich heftig bewegt. Gelassenheit leitet sich aus dem mittelhochdeutschen gelazen ab, was »sichniederlassen« oder »niedergelassen sein« bedeutet. Gelaeze wiederum meint »Niederlassung« und auch »Nieder­­­­lassungsort«. Und das Gelass ist ein »Raum zum Aufbewahren«. Sich niederlassen hieße dann, angekommen sein, für sich einen (inneren) Ort gefunden zu haben. Zugleich auch zu wissen, dass das mir Bedeutsame an diesem Ort gut aufbewahrt ist.

Gelassen und ausgelassen

Gelassenheit als Aufbewahrtsein des mir Bedeutsamen an einem sicheren Ort erschließt sich für uns weiter, wenn wir an die Ausgelassenheit denken. Sie hat ursprünglich mit den hüpfenden Kälbchen zu tun, die nach dem langen Winter im sicheren Gelass, dem Stall, auf die grünende Wiese herausgelassen werden.

Aber nicht nur die Kälbchen sind ausgelassen. Auch Kinder sind es, wenn man sie nach längerer Zeit zum Beispiel nach verregneten Tagen aus dem »Stall« nach draußen lässt. Sogar traumatisierten Kindern ist das möglich, wie ich selbst in einem Kindergarten in Kabul erfahren habe. Im Schutz der hohen Außenmauer können die Kinder sich auf dem großen Hof einigermaßen frei bewegen. Ausgelassenheit kann anstecken. Gelassenheit in Verbindung mit Ausgelassenheit ist allerdings nur dann möglich, wenn auch meine Weise der Ausgelassenheit sich zeigen darf. Das heißt, dass ich aus dem »Gelaz« frei herausgehen und mich meinem Motiv folgend gehen lassen darf. Das klingt zunächst irritierend, denn sich gehen lassen hat in unseren Ohren einen negativen Beigeschmack. Aber ich meine damit nicht situationsinadäquate Verhaltensmuster, sondern Freiräume und zugleich befreiende Räume für Begeisterung und Freude und auch für Trauer – zum Tanzen, Toben, Springen, Singen und auch Weinen … Ausgelassenheitserfahrungen jeglicher Art stehen nicht im Widerspruch zur Gelassenheit. Vielmehr ermöglichen diese Erfahrungen eine innere Freiheit und Beweglichkeit, die sich mir über Empfindungen und Bilder vermitteln. Diese lassen mich dann auch unvermeidliche äußere, zum Beispiel körperliche Einschränkungen oder Pflichten und Zwänge eher gelassen ertragen.

Gesund und krank – eine Frage innerer und äußerer Ressourcen

Im Salutogenese-Modell, dem Modell zur Gesundheitsentstehung, schließen sich Gesundheit und Krankheit nicht aus. Kein Mensch, so Aaron Antonovsky, ist nur krank oder behindert und keiner nur gesund. Gesundheits- und krankheitsbedeutsame Momente existieren nebeneinander. Die eine Frage ist, welche Momente überwiegen. Die andere zielt darauf ab, welche gesunden Kräfte in und um den Menschen herum für mehr Lebensqualität – auch trotz Krankheit oder Behinderung – gefördert werden können. Auch in Grenzsituationen, in denen zum Beispiel die schwere Erkrankung eines Kindes die Kohärenz und den sicheren Ort einer ganzen Familie überrollte, konnte das Kräfteverhältnis von krankheitsbedeutsamen und gesundheitsbedeutsamen Momenten durch äußere Hilfe verändert werden. Gelassenheit im Sinne einer Rückkehr zu einem sicheren Ort war zwar noch nicht möglich, aber immerhin eine Orientierung, die es der Familie ermöglichte, sich aus der Erstarrung zu lösen.

Der Klinikclown Regenbogen berichtete mir davon: »Wenn ich in meinem Clowns-Dress mit roter Nase auf die Intensivstation komme und sehe da ein Kind völlig teilnahmslos im Bett liegen, in sich zurückgezogen, die Eltern stehen daneben, starren reglos wie ihr Kind ins Leere, wirken wie erfroren, sind völlig ratlos und verzweifelt, dann weiß ich nie, wie die Begegnung ausgehen wird. Ob es mir glücken wird, einen Kontakt herzustellen ... Aber immer wieder passiert ein kleines Wunder. Dann huscht ein Lächeln über das Gesicht des Kindes und ich weiß, es hat mich wahrgenommen. Und ebenso weiß das Kind sich von mir wahrgenommen. Manchmal ist es nur ein Lächeln, das ich innerlich spüre. Aber auch darüber ist zwischen uns eine Beziehung hergestellt. Wenn ich dann zur Gitarre greife und singe, geht das Lächeln weiter und auch die Eltern des Kindes lassen sich schon mal ermutigen, mitzusingen. Und dann ist manches auf einmal ganz anders, wie verwandelt. Spätestens in dem Augenblick, in dem Vater oder Mutter mitsingen. Beim Abschied sage ich dem Kind, wann ich wiederkommen werde.« Das Lächeln ist die Erkennungsmelodie für das unausgesprochene Wissen: Wir begegnen uns, sind nicht allein.

Hauptbegriff im Salutogenese-Modell ist das Kohärenz­­gefühl. Das Kohärenzgefühl kann als Fortentwicklung des kindlichen Urvertrauens in das Jugend- und Erwachsenenalter hinein verstanden werden und schließt lebensbe­jahende Zuversicht und Hoffnung ein. Diese lassen mir mein Dasein in dieser Welt als sinnvoll erscheinen. Das ist zugleich auch die Grundlage einer gesundheitsbedeutsamen Gelassenheit. Urvertrauen und Kohärenzgefühl speisen sich aus inneren und äußeren Ressourcen. Die wichtigsten sind verinnerlichte oder noch bestehende Begegnungserfahrungen unter der Erkennungsmelodie der Lächeldialoge. Diese vermitteln: Du bist mir wichtig, Du bist nicht alleingelassen.

Lächeln beheimatet

Die ersten Lächelbegegnungen ermöglichen sehr wahrscheinlich in allen Kulturen die ersten schöpferisch-kommunikativen Eigen-Darstellungsweisen des Kindes: »Schau her, das bin ich!« Auf dieses Lächeln freuen sich die Eltern eines jeden Kindes, sofern deren eigene Lächelbereitschaft nicht durch situative Belastungen überlagert ist oder die Eltern selbst Lächeldialoge nicht ausreichend erfahren haben. Üblicherweise fesselt aber das Kind mit seinen spontanen Lächelansprachen die ganze Familie – »Einschaltquote« hundert Prozent! Der Affektforscher Rainer Krause weist darauf hin, dass mit jedem Lächeln das Wissen wächst, dass das entstehende Selbst die Quelle der mütterlichen Freude ist. Das Kind weiß nun, dass es für die anderen ein wertvolles Geschenk ist, das nicht vergessen wird. Ein Kind gedeiht besser und reagiert weniger angstvoll, wenn es nur häufig genug die wahrnehmenden Lächeldialoge erlebt hat. Es zeigt in diesem Ur-Vertrauen eine implizite basale Gelassenheit: Ich bin nicht allein!

Urvertrauen im Möglichkeitsraum

Schon früh zeigt sich hier eine dritte Polarität: die von Einssein in Geborgenheit und Unterscheidbarkeit im Eigen-Rhythmus des Kindes. Dieser Eigenrhythmus kann als Vorläufer des identitätsbildenden Eigen-Sinns verstanden werden. Das Kind bestimmt die Dauer und Intensität der Blickkontakte.

Denn es muss alle neuen Eindrücke erst verarbeiten. In diesem Geschehen bleibt die Darstellung des Kindes als seine eigene erkennbar. Das Kind spürt sich als bedeutsam und zugleich auch in seiner eigenen – unterscheidbaren – Darstellungsweise wohlwollend wahrgenommen und anerkannt. Das vermittelt ihm in seinem Eigen-Sinn Sicherheit und Gelassenheit.

Diese produktive Polarität entfaltet sich kontinuierlich auch später in spielerisch-schöpferischen Intermediär- oder Möglichkeitsräumen. Erstmalig sind diese Möglichkeitsräume von dem englischen Kinderarzt Donald Winnicott (1975) beschrieben worden. »Angesiedelt« zwischen Innen- und Außenwahrnehmung sind die Möglichkeitsräume nicht vermessbar, nur erlebbar. Gemeint sind Freiräume für die dialogisch-schöpferische Entfaltung und das Zusammenspiel, das heißt die Intersubjektivität, in jedem Lebensalter. Im frühen Lebensalter entwickelt sich das Urvertrauen in den Grundformen der Möglichkeitsräume. Sie sind frei von Zwang und Bewertungen. Im Vordergrund steht nicht die Ergebnis-, sondern die Prozessorientierung. Es geht nicht um den Sieg, das »Ausschalten« des Mitspielers, sondern um die Begegnung mit diesem. Das muss ein gelegent­liches miteinander Raufen und Zicken nicht ausschließen. Entfalten kann sich ein kreativer Eigen-Sinn bei wertschätzender Wahrnehmung in dialogischer Kooperativität bei Begegnungen unter der Erkennungsmelodie der frühen Lächeldialoge.

Aus den frühen Intermediärräumen heraus können daher das Urvertrauen und im Weiteren das Kohärenzgefühl als wesentliche Grundlage der Gelassenheit gefördert werden. Gegensätzlich zum gesunden, das heißt salutogenen Spielen in Möglichkeitsräumen sind nach Winnicott nicht Arbeit oder Anstrengung, sondern Zwang.

Eigen-Sinn ermöglicht Gelassenheit

Eigen-Sinn im Kontext eines starken Kohärenzgefühles ermöglicht Gelassenheit gegenüber den »Das macht man so!«-Gespenstern. Wenn das, was in den frühen Lächel-Spielen bereits angelegt ist – die wohlwollende Wahrnehmung in Gemeinsamkeit und Unterscheidbarkeit –, dem Kind ermöglicht, seinen Eigensinn, das heißt, den eigenen Sinn zu entfalten, dann sind spätere Auseinander-Setzungen nicht so bedrohlich. Auf diese Weise ist späterhin ein Zurückpendeln zur Gelassenheit leichter möglich, als wenn erst ein Konflikt mit aller Heftigkeit eine vorgängige vereinnahmende Zwangsharmonie aufbricht.

Etabliert sich in der Adoleszenz die Fähigkeit, Gemeinsamkeit und Unterscheidbarkeit zusammenzubringen, kann sich eine sichere Identität entfalten. Identität ist die Antwort auf die Frage »Wer bin ich?« Im Zusammenhang mit einem starken Kohärenzgefühl ist eine sichere Identität das Fundament von Gelassenheit.

Zum Autor: Dr. med. Eckhard Schiffer ist Facharzt für Nervenheilkunde, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie i.R.; er ist Schirmherr des gemeinnützigen Vereins »Sadaf – Zukunft für Kinder in Afghanistan«, eines Kindergartens in Kabul. www.eckhard-schiffer.de

Literatur: S. Bråten: Intersubjektive Partizipation: Bewegungen des virtuellen Anderen bei Säuglingen und Erwachsenen. In: Psyche – Z Psychoanal 65 (9-10), S. 832-861, 2011 | R. Krause: Affektpsychologische Überlegungen zur menschlichen Destruktivität. In: Psyche– Z Psychoanal, 55 (9-10) S. 934-960, 2001 | T. Meyer & M. Noll-Hussong: Die Rolle der Stressachsen in der Entstehung und Proliferation einer Krebserkrankung, Psychother./Psychosom./Med. Psychol. 9/10, 64 S. 341-344, 2014 | W. Milch: Kleinkindforschung und psychosomatische Störungen. In: Psychotherapeut 45 (1) S.18-24, 2000 | E. Schiffer: Wie Gesundheit entsteht. Salutogenese: Schatzsuche statt Fehlerfahndung, Weinheim und Basel 2013 | E. Schiffer: Reise zur Gelassenheit. Den sicheren Ort in sich entdecken, Aachen 2014 | D. W. Winnicott: Vom Spiel zur Kreativität, Stuttgart 1975

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