Individuelle Begegnung im Zentrum der Gemeinschaftsbildung

Von Karl-Martin Dietz, September 2017

Gemeinschaftsbildung aus der Individualität heraus fordert ein bewusstes Interesse am Anderen, Verständnis und wechselseitiges Vertrauen. Wie können diese Voraussetzungen geschaffen werden?

Foto: © Charlotte Fischer

Einige Lehrer und Eltern an einer Waldorfschule setzten sich zusammen, um sich gegenseitig mitzuteilen, warum sie an dieser Schule arbeiten oder warum sie ihr Kind in diese Schule schicken. Einer sagte: »Ich möchte die Pädagogik Rudolf Steiners verwirklichen.« Ein anderer: »Ich möchte, dass die Kinder lebenstüchtig werden.« Es folgten weitere: »Ich möchte die Kinder zu freien Menschen erziehen.« – »Ich möchte ihnen den Stress der Zivilisation ersparen.« – »Ich will mit meiner Arbeit die Kreativität der jungen Menschen fördern.« Und ein Kollege sagte, als er an der Reihe war: »Wie Sie wissen, bin ich hierhergekommen, weil ich einen Job gesucht habe« – lauter unterschiedliche Antworten.

Das Gemeinsame entdecken

Statt lange zu diskutieren, bis ein sogenannter »Konsens« erzielt ist, wurden die einzelnen Voten weiter befragt: »Wie meinen Sie das?« – »Was steht im Hintergrund Ihrer Äußerung?« Nach und nach trat hinter all den verschiedenen Motiven ein gemeinsames Anliegen zutage. Es stellte sich heraus: »Die Pädagogik Steiners verwirklichen« und »Kinder lebenstüchtig machen« formulierten dasselbe Anliegen. »Zu freien Menschen erziehen« und »den Stress der Zivilisation ersparen« entsprangen demselben Motiv. »Kreativität fördern« war in allen anderen Voten auch enthalten. Derjenige, der gesagt hatte (was alle wussten): »Ich habe hier einen Job gesucht«, wurde gefragt, wie er denn diesen Job inzwischen erlebe. Er antwortete sinngemäß: »Ich hatte mich natürlich erkundigt, was Waldorfschule ist. Im Laufe der Zeit aber habe ich gemerkt, dass sie nicht in erster Linie eine Sammlung sympathischer Maßnahmen ist (Epochenunterricht, kein Sitzenbleiben, viel Kunst …). Ich hatte heute in unserer Runde ein Schlüsselerlebnis.« – Was er bisher freundlich

toleriert hatte, war nun zu seiner eigenen Sache geworden. Jeder war von seiner persönlichen Sicht ausgegangen, aber alle entdeckten nach und nach einen gemeinsamen Horizont. Sie fühlten sich durch dieses Erlebnis in ihrem Einsatz für die Schule bestätigt und gestärkt. – Man erlebte, was es bedeutet, wenn man sich für die Gedanken der Anderen vorbehaltlos interessiert und sie nicht einfach an den eigenen Ansichten misst. Was von den Einzelnen als Behauptung vorgebracht worden war, verwandelte sich in eine weiterführende Frage.

Es erwuchs allmählich eine gemeinschaftliche Kraft, durch die man die Positionen und Eigenheiten der Anderen verstand und annahm. Das Gemeinsame bildete sich aus dem erweiterten Horizont der Einzelnen. Es war weit mehr als eine »Schnittmenge« der einzelnen Vorstellungen. Manche sprachen sogar von wesentlichen Impulsen, die sie hier mitnahmen. Von Anfang an entscheidend war es, alles distanzierende Gruppendenken (»Eltern«, »Lehrer« usw.) zu vermeiden. Eine erste Anforderung dialogischer Zusammenarbeit besteht darin, den anderen Menschen als Individualität wahrzunehmen und nicht als »Vertreter« einer Gruppierung. Eine zweite Anforderung: sich für ihn zu interessieren mit dem Willen, ihn aus ihm selbst heraus zu verstehen. Das erweitert zugleich den eigenen Horizont. Wenn ich mein Augenmerk nur auf Bekanntes richte – wie sollte ich dann Neues kennenlernen?

Dimensionen der individuellen Begegnung

Um zu verstehen, was bei einer solchen Begegnung vor sich geht, können vier Dimensionen der individuellen Begegnung unterschieden werden.

Interesse

Wenn niemand Interesse am anderen Menschen aufbringt, kann eine nennenswerte Begegnung nicht stattfinden. Ob ich mich für den anderen Menschen interessiere oder nicht, ist jedoch mein eigener Willensentschluss. – Warum habe ich mich eigentlich bisher für einen anderen Menschen interessiert? Vielleicht weil er mir sympathisch war oder weil ich hoffte, Nutzen aus seiner Mitarbeit zu ziehen? Stehen Gefallen oder Nutzen im Vordergrund, so richtet sich mein Interesse nicht auf den anderen Menschen, sondern in Wirklichkeit auf mich selbst. – Ich kann mich aber auch innerlich umwenden, den anderen um seiner selbst willen wahrnehmen wollen und so die Abwehrfront eigenen Desinteresses durchbrechen. Dazu bedarf es innerer Anstrengungen, denn die Abwehr ist fest gefügt durch Denkmodelle, vergangene Erfahrungen, emotionale Blockierung und vorgeprägte Willensrichtungen. Alles dies muss ich als Störfaktoren der Begegnung erst einmal bei mir selbst bemerken! Interesse am anderen Menschen auf­zubringen, ist umso schwieriger (aber auch umso lohnender), je weniger sympathisch er mir ist.

Ein erster Schritt dazu könnte sein, dass ich mich dafür interessiere, wie er oder sie denkt, fühlt und handelt. Diese Frage lohnt gerade dann, wenn ich seine Äußerungen für fragwürdig halte. Statt meine eigene, »richtige« Ansicht zur Geltung zu bringen, kann ich fragen: Habe ich ihn überhaupt richtig verstanden? Oder höre ich etwas heraus, das er gar nicht meint? Höre ich vielleicht etwas, das ich ihm von mir aus entgegentrage, möglicherweise aufgrund von Vorurteilen? Höre ich nur mein eigenes Echo und gar nicht den anderen? Kann ich überhaupt richtig zuhören? Die Notwendigkeit einer Kultur des Interesses tritt hier deutlich vor Augen. Sie wirkt der vorherrschenden Gleichgültigkeit und ihren verheerenden Folgen entgegen – im Extremfall in Form von Angst, Verachtung, Mobbing oder Hass.

Wenn ich dem Anderen nicht unvoreingenommen gegenübertreten kann, nimmt das Gespräch unter Umständen neurotische Züge an. Der Hörende ordnet dann jeden Satz des Sprechenden in sein eigenes Vorstellungssystem ein, ohne auf den Kontext zu achten. Der Hörende hört, was er hören will, ohne Rücksicht darauf, was der Andere gemeint haben könnte. Wie viele Missverständnisse entstehen daraus, dass das Denken, Fühlen und Handeln des Anderen nicht wirklich ernst genommen, sondern mit den eigenen Vorstellungen vermischt wird!

Verstehen

Eine nächste Dimension der Begegnung ist damit schon im Blick: Ich richte mein Interesse nicht nur wie von außen auf den Anderen, sondern versuche, mich in ihn hineinzuversetzen und mit seinen Augen die Welt zu sehen. Diese Blickwendung ist grundlegend für das soziale Leben. Der Andere fühlt sich ernst genommen, und ich werde auf bisher übersehene Aspekte des Geschehens aufmerksam. Sie regen meine Selbsterkenntnis an. Im Unterschied zur ersten Dimension der Begegnung, dem Interesse, geht es beim Verstehen nicht nur um die Frage, was der Andere denkt, sondern auch darum, warum er dies tut. Es geht darum, den anderen Menschen aus dessen eigener Perspektive heraus zu verstehen.

Vertrauen

Gewöhnlich bestimmen wir das Wesen des Anderen aus seiner Vergangenheit (Wie ist er aufgewachsen? Was hat er gelernt?). Seine Zukunft bleibt dabei ausgeblendet. Statt den Anderen nur in seiner Gewordenheit verstehen zu wollen, könnte ich aber außerdem fragen, ob nicht auch Absichten oder Befürchtungen in seinen gegenwärtigen Zustand hinein­ragen. Prägen vielleicht – bewusst oder weniger bewusst – bestimmte Intentionen für die Zukunft sein gegenwärtiges Verhalten mit, eine innere Unruhe oder eine kritische Grundhaltung? – Sehe ich in der fetten schwarzen Raupe auf dem Brennesselblatt nichts als diese Raupe, so stellt sich für mich die Situation ganz anders dar, als wenn ich in ihr den künftigen Schmetterling, das Pfauenauge, erblicke!

Gelingt es, den Anderen als »werdenden Menschen« zu verstehen? Wie können wir uns gegenseitig in unserer Entwicklung unterstützen? Wir können zum Beispiel die Stärken des Anderen fördern, statt nur auf seine Schwächen zu achten. Wir wecken damit zugleich den Entwicklungswillen des Anderen. Natürlich kann jeder sich nur selbst auf seinen Weg machen. Wir können uns aber gegenseitig anregen; zum Beispiel dadurch, dass wir versuchen, gemeinsame Fragestellungen hervorzubringen, statt uns immer nur mit Behauptungen gegenseitig in Schach zu halten. Dadurch entsteht zugleich wechselseitiges Vertrauen.

Menschenwürde

Je mehr ich lerne, die Welt mit den Augen des Anderen zu sehen, und im Anderen den werdenden Menschen, umso umfassender erschließt sich mir die menschliche Individualität. Sie zeigt sich erst recht, wenn ich jeden Einzelnen als Träger seiner Originalität entdecke. Individuelle Begegnung mündet nicht in definierbare Ergebnisse, sondern eher in Geheimnisse: in die Herausforderung des Individuellen, in das Geheimnis des werdenden Menschen oder in das Rätsel der Schicksals-Begegnung. Interesse, Verstehen wollen, Vertrauen und Würdigen des Anderen sind dann nicht nur aufeinander folgende Schritte in der Begegnung von Mensch zu Mensch, sondern sie kommen auch gemeinsam, wie ein Akkord, zum Klingen und werden damit zur Grundlage alles Gemeinschaftlichen.

Abgleiten in das Gegenteil

Individuelle Begegnung erfordert eine hohe Qualität der Selbstführung. Sie kann sonst unvermerkt in ihr Gegenteil abgleiten. Der Weg vom Ich zum Wir geht über das Du. Wie aber sähe ein Wir ohne Du aus? – Man nennt ein solches Verhältnis totalitär. Hier steht nicht das Individuum im Mittelpunkt, sondern das Kollektiv (die Gruppe), hier will ich nicht den Anderen verstehen, sondern ihm meinen Stempel aufdrücken; ich will die Entwicklung des Menschen nicht fördern, sondern in vorgegebene Richtungen kanalisieren. Und ich achte nicht den Anderen als eigenständiges geistiges Wesen, sondern versuche, ihn für meine Zwecke zu instrumentalisieren. – »Die Partei hat immer recht« und »Du bist nichts, das Volk ist alles« – diese Sätze symbolisieren die totalitären Erscheinungsformen des »Wir ohne Du« im 20. Jahrhundert. Vieles spricht dafür, dass ähnliche Entgleisungen auch heute jederzeit wieder passieren können. Trägt nicht manches, was als »Corporate Identity« oder als »Personalentwicklung« eingesetzt wird, solche Züge?

Ich kann aber auch nach der anderen Seite abgleiten, zum Ich ohne Du, in die Subjektivität. Ich beziehe dann alles auf mich selbst, lege der Welt meine eigenen Maßstäbe zugrunde; fördere nicht die Fähigkeiten des Anderen, sondern lege den Finger auf dessen Begrenzungen und Mängel. Statt die anderen Menschen als geistige Wesen zu achten, fordere ich von meiner Umgebung, dass sie Verständnis für mein Handeln aufbringt.

So entsteht die verbreitete Kultur eines wechselseitigen Desinteresses, der Lieblosigkeit oder gar des Zynismus als eine Gegenbewegung zur individuellen Begegnung. Wie weit individuelle Begegnung im Gleichgewicht zwischen den beiden Abwegen gelingt – das liegt vollständig an mir und dir. Worum es dabei geht, sei zuletzt noch zusammengefasst und veranschaulicht (siehe Grafik).

Der Text ist eine gekürzte und bearbeitete Fassung des Eröffnungsvortrags der Bundeselternratstagung am 17. Februar 2017 in Überlingen.

Zum Autor: Dr. Karl-Martin Dietz begründete 1978 zusammen mit Dr. Thomas Kracht das Friedrich von Hardenberg Institut für Kulturwissenschaften in Heidelberg. www.hardenberginstitut.de

Literatur: K.-M. Dietz: Dialogische Schulführung an Waldorfschulen. Spiritueller Individualismus als Sozialprinzip, Heidelberg 2006; ders.: Jeder Mensch ein Unternehmer, Karlsruhe 2008

Kommentare

Für diesen Artikel wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar hinzufügen


* Diese Felder müssen ausgefüllt werden.