Jedes Kind ein Schauplatz der Welt. Zum Lernbegriff der Waldorfpädagogik

Von Peter Loebell, September 2017

Es ist wie im Märchen: Wenn Erstklässler in der Pause aus dem Schulhaus stürmen und am Wegrand einen Baumstamm liegen sehen, scheint er sie zum Balancieren aufzurufen, und die Schaukel auf dem Spielplatz zieht die Kinder magisch an. Dass die Welt uns anspricht, erleben wir auch als Erwachsene.

Foto: © Charlotte Fischer / lottefischer.de

Unsere Erfahrung zeigt, dass uns die Welt nicht als eine Summe gleichgültiger Erscheinungen gegenübersteht. Der Philosoph Lambert Wiesing meint deswegen, dass wir keine »Welt-Zugänge« schaffen können, weil wir immer schon Teile der Welt sind. Indem ich wahrnehme, stehe ich der Welt nicht gegenüber, vielmehr bin ich immer schon in sie verstrickt. Steiner spricht in ähnlicher Weise davon, dass der Mensch durch Leib, Seele und Geist in die Welt »verwoben« sei. Die Schule bildet einen wesentlichen Teil der Lebenswelten von Schülerinnen und Schülern. Darin hat jede Erscheinung ihre Bedeutung, und diese ist abhängig von den Erwartungen und früheren Erfahrungen der Kinder. Wer einen Waldorfkindergarten besucht hat, wird die Farben und Formen des Klassenraumes, den Jahreszeitentisch und das Mobiliar als vertraut, vielleicht sogar als heimatlich erleben. Für andere Schüler ist die neue Umgebung womöglich fremd und irritierend. Haltung und Bewegung der Lehrkraft, ihre Stimme, die Wortwahl und Intonation verbinden sich mit den Unterrichtsinhalten zu einem Gesamteindruck, den die Kinder innerlich erleben und durch eine äußere Beschreibung nur unzureichend wiedergeben können. Im Sinne Wiesings ist es daher folgerichtig, dass der Mensch niemals Zuschauer der Welt sein kann. Auch Steiner weist in seinen Vorträgen zur »Allgemeinen Menschenkunde« darauf hin, dass der Mensch nicht bloß Zuschauer, sondern Schauplatz der Welt sei.

Lernen im Schlaf

Für das schulische Lernen ergeben sich daraus weitreichende Folgerungen: Wenn der lernende Mensch immer schon an der Welt Anteil hat, ist neben Seele und Geist immer auch die gesamte Leiblichkeit beteiligt. So gibt es zum Beispiel Erwachsene, die mit einer Beschleunigung des Herzschlages oder mit stockendem Atem reagieren, wenn sie nach der Lösung einer mathematischen Aufgabe gefragt werden. Viele können über Schlüsselerlebnisse aus ihrer Schulzeit berichten, an die sich ihre Mitschüler gar nicht erinnern. Und dass jeder Heranwachsende seine Fähigkeiten in der Schule auf ganz persönliche Weise ausbildet, erscheint selbstverständlich. Lernen ist ein höchst individueller Vorgang, durch den fortwährend die Teilhabe an der Welt erweitert, verändert und ausgestaltet wird. In der Schule müssen die Lehrer und Lehrerinnen daher vor allem ergründen, welche Bedeutung ein Erlebnis für das einzelne Kind hat. Ein wesentliches Ziel ist es, die eigenständigen Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit der jungen Menschen zu fördern. Dafür ist die Methode des sogenannten pädagogischen »Dreischritts« von Bedeutung.

Zum Beispiel soll durch ein naturwissenschaftliches Experiment oder die anschauliche Schilderung eines historischen Ereignisses zunächst die Wahrnehmung der Lernenden angeregt werden. Wenn etwa ein schwerer Stein mit Hilfe der Hebelkraft bewegt wird, können sich die Schüler an die Spielgeräte aus ihrer früheren Kindheit erinnern. Im Klassenraum kann die Wirkung des zweiarmigen Hebels am Beispiel einer Balkenwaage genauer demonstriert werden. Durch das Einfügen der Vorgänge in eine räumliche und zeitliche Ordnung wird grundsätzlich der ganze Mensch mit Leib, Seele und Geist angesprochen; die sogenannte »Embodiment«-Forschung zeigt, dass sich die Beobachter schon beim bloßen Zusehen mit den im Physischen wirkenden Kräften und Gesetzen verbinden; dabei erfahren sie die Wirkung der Hebelkräfte unbewusst an ihrem eigenen Leib.

Im nächsten Schritt sind die beobachteten Tatsachen zu charakterisieren. Die Lernenden erinnern sich an die Vorgänge, heben nun aber das Wesentliche hervor, bewerten und beurteilen den Stellenwert verschiedener Einzelheiten für den Gesamtzusammenhang. Damit soll das Fühlen angeregt werden; die Wahrnehmungen und Urteile, die so gebildet wurden, wirken während des Schlafens fort.

Am folgenden Tag – hier zeigt sich der Sinn des Epochenunterrichts – entstehen die Gegenstände der ursprünglich wachen Wahrnehmung als (zunächst) unbewusste Bilder. Wird daraufhin eine Betrachtung über die am Vortag dargestellten Vorgänge mit dem Ziel der Begriffsbildung angestellt, so soll in dieser Nachbereitung das Gesetzmäßige der Vorgänge in das Bewusstsein gehoben werden: Wie kommt es, dass die Verschiebung eines Gewichts an der Balkenwaage nach außen durch seine Verringerung ausgeglichen werden kann? Welche Zusammenhänge sind hier zu entdecken? Der Lehrer hat dabei nicht die Aufgabe, Kontrollfragen zu stellen, deren Antworten bereits bekannt sind. Ziel des Erkenntnisprozesses ist, die Gesetzmäßigkeit oder den Begriff, die dem beobachteten Sachverhalt zugehören, zu erfassen. Der Begriff taucht für das Denken auf, nachdem im Schlaf die strukturbildenden Kräfte im Gehirn tätig waren. Auf diese Weise vollzieht der Schüler seinen Erkenntnisschritt zwischen der individuellen Vorstellung und dem Begreifen des überpersönlichen Weltgeschehens während der Nacht.

Der Begriff kann dadurch mehr enthalten als das, was sich zunächst für die Beobachtung ergab. Im besten Falle kann im Schüler das Gefühl der Evidenz aufsteigen, die Gewissheit, eine Wahrheit zu erfahren. Dieses Gefühl kann der Lehrer nicht vermitteln, aber er kann die Voraussetzungen dafür schaffen.

Die denkende, fühlende und handelnde Aneignung von Welt

Am pädagogischen Dreischritt wird deutlich, dass das Verwobensein des Menschen in die Welt in seinem Denken, Fühlen und Handeln (Wollen) auf dreifach differenzierte Art erscheint. Die Polarität von Denken und Wollen bildet eine wesentliche Grundlage der »Allgemeinen Menschenkunde« Steiners. Das bewusste Vorstellen, so Steiner, erzeugt Abbilder der Wirklichkeit. Den Gegenpol zu dieser Art der Teilhabe an der Welt bildet der menschliche Wille. Im Wollen kann der Mensch die Lebendigkeit des eigenen Leibes unmittelbar erfahren, während ihm gleichzeitig das Gegenstandsbewusstsein schwindet. Steiner argumentiert daher, man könne beim Kind nicht unmittelbar bewirken, dass es seinen Willen gebrauche. Dies sei nur möglich, wenn man den ganzen Menschen so erziehe, dass er seelische und leibliche Lebensgewohnheiten ausbilde. In der Methodik bestehe die Aufgabe darin, »dass wir immer den ganzen Menschen in Anspruch nehmen« (Steiner). Diesen Gedanken führt er weiter, indem er dazu auffordert, dass das Erziehen und Unterrichten selbst zu einer Kunst werden müsse.

Zwischen den polaren, scheinbar unvereinbaren Gebärden des Denkens und Willens steht als dritte Qualität das Fühlen des Menschen. Das Gefühl kann durch seine Nähe zum Willen die Tendenz zur Tat anregen. Insbesondere in der Zeit vom siebten bis 14. Lebensjahr bildet das Fühlen nach Steiner die wesentliche Grundlage für das menschliche Lernen, wobei den künstlerischen Betätigungen eine besondere Bedeutung zukommt. Beim Lernen geht es aber nicht nur darum, Fähigkeiten und Kenntnisse zu erweitern, sondern auch um die Verantwortung des Menschen für die Welt, in der er lebt. Wenn der Mensch »Schauplatz der Welt« ist, hat dies zur Folge, dass diese nicht ohne den Menschen existieren könnte; die menschliche Erkenntnis hätte eine fundamentale Bedeutung für das Weltgeschehen. In seiner »Philosophie der Freiheit« hat Steiner den Gedanken entwickelt, dass Wahrnehmung und Begriff eines Gegenstandes als zwei Seiten der einen Welt anzusehen seien. Der Wahrnehmende, der im Erkenntnisakt den Begriff eines Dinges erfasse, füge die beiden Seiten der Welt, die zunächst getrennt erscheinen, zur objektiven Einheit zusammen. Dabei erfährt der erkennende Mensch, »dass sein Streben nicht einen Prozess hervorruft, der neben dem Weltgeschehen einherläuft, sondern einen solchen, der dieses Weltgeschehen erst zur Ganzheit vollendet« (Kallert).

Die Auffassung, dass die Erkenntnisbemühung des Menschen notwendig für die Entwicklung der Welt sei, hat Rainer Maria Rilke in seiner neunten Duineser Elegie in lyrischen Worten charakterisiert. Rilke geht von der Frage aus, warum wir »Menschliches müssen« und antwortet: »Weil uns scheinbar alles das Hiesige braucht«. Möglicherweise habe der Mensch die Aufgabe, die einfachen Dinge der Welt zu bemerken und ihren Wert zu erkennen:

»Und diese, vom Hingang / lebenden Dinge verstehen, daß du sie rühmst; vergänglich, / traun sie ein Rettendes uns, den Vergänglichsten, zu. / Wollen, wir sollen sie ganz im unsichtbarn Herzen verwandeln

in – o unendlich – in uns! Wer wir am Ende auch seien.«

Rilkes Gedicht mündet in die Frage:

»Erde, ist es nicht dies, was du willst: unsichtbar / in uns erstehn? – Ist es dein Traum nicht, / einmal unsichtbar zu sein?«

Und schließlich formuliert er ein Bekenntnis:

»Erde, du liebe, ich will. […]

Namenlos bin ich zu dir entschlossen, von weit her.«

Jeder ist unverzichtbar und einzigartig

Es entspricht diesem Bekenntnis, wenn die Waldorfpäda­gogik davon ausgeht, dass die jungen Menschen mit einem individuellen Impuls und einem Lebenswillen in die Welt eintreten, deren Problemlagen sie bewältigen wollen. Wenn die Schule sie darauf vorbereiten soll, vom Leben zu lernen, besteht der Lernerfolg nicht in erster Linie darin, fertiges Wissen zu reproduzieren, sondern Herausforderungen zu erkennen und zu ergreifen.

Daher verzichtet der Lehrer auf Kontrollfragen und zeigt stattdessen sein Interesse an den eigenständigen Erkenntnisbemühungen der Schüler. Die tatsächlichen Lernprozesse können sehr unterschiedlich, individuell verlaufen. Deshalb wird in der Waldorfschule neben einer sorgfältigen fachlichen Ausbildung der größte Wert auf eine langfristige zuverlässige Lehrer-Schüler-Beziehung gelegt. Sie soll es ermöglichen, den Schüler einfühlsam zu beurteilen und individuell zu fördern.

Durch die hier skizzierten Elemente realisiert die Waldorfpädagogik in der täglichen Unterrichtspraxis ein Lernverständnis, durch das das heranwachsende Kind in seiner Teilhabe an der Welt ernst genommen wird: In der Schule kann es erleben, dass jeder Mensch ein einzigartiger und unverzichtbarer Teil der Welt ist.

Zum Autor: Dr. Peter Loebell ist Professor für Lernpsychologie und Schulentwicklung an der Freien Hochschule Stuttgart.

Literatur: B. Kallert: Die Erkenntnistheorie Rudolf Steiners, Stuttgart 1960; R. M. Rilke: Duineser Elegien. Die Sonette an Orpheus, Frankfurt/M. 1974; R. Steiner: Die Philosophie der Freiheit (GA 4), Dornach 1978; ders.: Theosophie (GA 9), Dornach 1987; ders.: Erziehungskunst. Methodisch-Didaktisches (GA 294), Dornach 1990; ders.: Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen (GA 192), Dornach 1991; ders.: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik (GA 293), Dornach 1992; L. Wiesing: Das Mich der Wahrnehmung, Frankfurt/M. 2015

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