Die Welt von morgen. Eine Familie auf den Spuren des Klimawandels

Von Jana Steingäßer, Juli 2017

Seriöse Zahlen und fundierte wissenschaftliche Prognosen zum Klimawandel gibt es viele. Welche Lebensrealitäten und Zukunftsperspektiven sich hinter diesen abstrakten Darstellungen verbergen, bleibt für Laien aber oft unbeantwortet. Welche Folgen hat der Klimawandel für die Zukunft unserer Kinder und wo liegen unsere eigenen Handlungsoptionen?

Paula und Mio umrunden einen kleinen See oberhalb der kleinen ostgrönländischen Siedlung Sermiligaaq. Im Hintergrund treiben Eisberge durch den Fjord. Sie haben sich aus dem Karale-Gletscher gelöst, der seit zwanzig Jahren deutlich an Masse verliert. Foto: © Jens Steingäßer

Im südlichen Namibia erkunden wir nahe Keetmanshoop einen Köcherbaumwald zu Fuß. In Südafrikas Norden schrumpft die Population dieser Riesenaloe wegen steigender Hitze und andauernder Trockenheit. Foto: © Jens Steingäßer

Mit diesen Fragen im Gepäck begaben wir uns mit unseren vier Kindern Paula, Mio, Hannah und Frieda (damals zwölf, sechs, fünf und zwei Jahre alt) auf eine Weltreise – von Grönland bis nach Australien auf den Spuren des Klimawandels.

Zuerst war das Ei

Ende Dezember 2011, in der Mitte Deutschlands. Ausgesprochen milde und sonnige Wochen liegen hinter uns. Mein Mann Jens und ich genießen ein Sonnenbad auf der Gartenliege. Was ich in diesem Moment noch nicht weiß: Dieser Dezember wird als einer der mildesten seit Beginn der Wetteraufzeichnung in die Geschichte eingehen. Diese Tatsache wird mir helfen, die folgenden Ereignisse in unserem Hühnerstall zu verstehen. »Emma hat ihre ersten Eier gelegt!« – unsere Tochter Hannah kommt aufgeregt aus dem rot getünchten Holzhäuschen heraus. »Vier Stück!« Ich folge Hannah in den Stall – und tatsächlich: Da sitzt der fedrige Winzling und brütet. Unsere Zwerghennen sind Saisonleger und werden ohne künstliche Licht- oder Wärmequelle gehalten. Im Dezember legen sie in der Regel keine Eier – und gluckig werden sie schon gar nicht. Was also ist in Emma gefahren? »Verrücktes Huhn!«, entfährt es mir. »Es ist doch Winter!« Doch dann recherchiere ich und erfahre, dass immer häufiger Tiere von den Auswirkungen des Klimawandels in ihrem Verhalten beeinflusst werden. Fein aufeinander abgestimmte Systeme und Abläufe geraten aus den Fugen. Die Ankunft der Zugvögel verschiebt sich. Der Kuckuck versäumt die erste Brut seiner Kollegen, die immer früher im Jahr Eier legen, und verpasst so die Zieheltern für seinen Nachwuchs. Klimawandel? In unserem Garten? Das Thema lässt unsere Familie nicht mehr los.

Große Pläne

In uns setzt sich eine Idee fest, die sich zu einem umfangreichen Projekt auswächst. Jens ist Fotograf und Fotojournalist. Ich habe Ethnologie studiert und arbeite seit einigen Jahren freiberuflich als Autorin und Journalistin. Unsere älteste Tochter Paula, zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt, weihen wir in unsere Idee ein, den Spuren des Klimawandels zu folgen. Wir möchten Geschichten sammeln von Menschen, Tieren, Pflanzen, ganzen Ökosystemen oder auch Wirtschaftszweigen, die sich nicht in einer fernen Zukunft, sondern schon heute mit den Auswirkungen von Klimawandel arrangieren müssen.

Unsere Hoffnung ist, das unbeliebte Thema einem breiten Publikum zugänglich zu machen und auch diejenigen Menschen zu sensibilisieren, die sich des Themas mit all seinen Konsequenzen bisher nicht annehmen wollten. Für unsere Kinder bietet sich dabei die Gelegenheit, mit eigenen Augen zu sehen und zu erleben, wie schön der Planet ist, auf dem wir leben, und warum wir uns dafür engagieren, eine möglichst große biologische und kulturelle Vielfalt zu erhalten.

Auf nach Ostgrönland

Unsere erste Reise führt uns nach Ostgrönland – im Winter. Die Arktis gilt als Hotspot des Klimawandels. Nirgendwo sonst lassen sich die Auswirkungen schon jetzt so gut visuell dokumentieren wie dort. Trotzdem ist Jens erst einmal skeptisch. Ganz banale Elternfragen stehen unbeantwortet auf unserer Liste: Gibt es Windeln vor Ort?

Wie können wir unsere Kinder vor den strengen Wintertemperaturen schützen? Wie transportieren wir sie warm und sicher in die kleinen Siedlungen am Inlandeis – ohne Straßennetz? Ich beschließe, Menschen zu kontaktieren, die dort leben. Robert Peroni, ein ehemaliger Extremsportler, Expeditionsleiter und Bergsteiger aus Südtirol wird mein erster Kontakt. Er lebt seit drei Jahrzehnten in Ostgrönland. Seine kleine Expeditionslodge »Utiili Aapalartoq« wird unser Ausgangspunkt. Und Robert versichert uns: »Es gibt kein besseres Reiseland mit kleinen Kindern als Ostgrönland!« Keine drei Monate später stehen wir am Check-In der Iceland-Air des Frankfurter Flughafens.

Wenn wir etwas aus unseren Reisen gelernt haben, dann ist es dies: Nicht mehr die Frage zu stellen, ob etwas möglich ist, sondern wie wir es möglich machen. Die meisten unserer Befürchtungen stellen sich schon gleich nach unserer Ankunft in der ostgrönländischen Siedlung Tasiilaq als unbegründet heraus. Mio packt seinen Ball aus und schon sind unsere Kinder von einer Traube einheimischer Kinder umgeben. Weder sprechen unsere Kinder Ostgrönländisch oder Dänisch, noch ihre neuen Inuit-Freunde Deutsch oder Englisch. Kommunikationsprobleme gibt es zwischen ihnen trotzdem nicht. Paula, Mio, Hannah und Frieda verbringen die Tage von morgens bis abends mit ihren neuen Freundinnen im Schnee. Sie beobachten die Jäger, wenn sie mit Beute im Fjord eintreffen, lernen das Eisangeln, füttern halb verhungerte Schlittenhunde, bestaunen Wale zwischen den Eisbergen, besuchen die kleine Schule in der Siedlung. Unsere Kinder werden zu Türöffnern in eine Welt, die vielen zeitgleich vor Ort anwesenden Journalisten verschlossen bleibt.

Wasser kommt in Grönland nicht aus dem Wasserhahn, sondern es ist die Aufgabe der Kinder, Nachschub am beheizten Silo in der Dorfmitte zu holen. Auch unsere Kinder ziehen mehrfach täglich leere Kanister an Seilen durch den Schnee, um unsere Vorräte aufzufüllen. Die Toilette ist ein Blecheimer und die Gemeinschaftsduschen im »servicehus« sind jedes Mal, wenn wir sie nutzen wollen, geschlossen (einmal fanden darin Wahlen statt). Zum Ostergottesdienst in der kleinen Siedlung Tiniteqilaaq ziehen wir die Kinder auf Expeditionsschlitten durch den Schnee – und stehen dann vor verschlossenen Türen: Das Wetter ist so gut, dass die Pfarrerin beschlossen hat, erst einmal jagen zu gehen.

Dass es hier nur zwei Sorten Gemüse im Supermarkt gibt (und das auch nur solange der Vorrat reicht und bis die Versorgungsschiffe wieder durchs Packeis kommen), dass wir uns auf acht Quadratmeter Innenraum in unserer Hütte zusammendrängen, dass der Höhepunkt des Tages das Beobachten der Jäger beim Zerlegen der Tagesbeute wird, stört unsere Kinder nicht. Auf unseren Reisen erleben wir immer wieder, dass sie sich für aus Erwachsenensicht ganz banale Dinge begeistern können. Ob eine Kiesgrube in Finnland, eine Felskuppe voller Krebse an der südafrikanischen Küste oder eine verlassene Bärenhöhle in Schwedens dichten Wäldern – ihre Fantasie ist so angeregt, dass sie über Tage hinweg in ihre Kinderwelt eintauchen.

Spätestens nach unserer Ankunft in dieser kleinen ostgrönländischen Siedlung stehen wir vor der Frage, wie wir die drastischen Auswirkungen des Klimawandels mit unseren Kindern thematisieren. Kommen die Jäger ohne Beute heim, dann gehen die Hunde leer aus, und auch viele ihrer neuen Freunde gehen mit knurrendem Magen ins Bett. Manche der Hunde verhungern vor unseren Augen an den Ketten. Warum gehen nicht alle Familien auf Jagd? Warum kommen viele ohne Beute zurück? Die Meereisbedeckung geht immer weiter zurück. Dann können die Männer nicht mit ihren Hundegespannen zur Jagd rausfahren. Nur wer ein Boot hat, kommt in den Fjord hinaus. Die dunkle Meeresoberfläche absorbiert vermehrt Sonnenwärme, was wiederum die Eisschmelze beschleunigt. Was die Wissenschaft als Eis-Albedo-Rückkopplung bezeichnet, bekommt vor den Augen unserer Kinder existenzielle Relevanz mit Auswirkungen auf alltägliche Lebensbedingungen.

Keine einfache Lösung

Die Auseinandersetzung mit der Vielfalt der Akteure weltweit und mit ihren Interpretationen des Klimawandels stellt unsere Vorstellungen an manchen Stellen ordentlich auf den Kopf. In den Sommerlagern samischer Rentierhirten im schwedischen Lappland wird uns klar, dass der Klimawandel in Verbindung mit anderen Faktoren wahrgenommen werden muss, weil er oft als Verstärker bereits bestehender Probleme wirkt. Unsere samischen Gesprächspartner lassen uns sehr anschaulich erleben, wie steigende Instabilität und Unvorhersehbarkeit des Wetters, das Verschieben von Vegetationsgrenzen oder das Auftauen von Permafrostböden sich auswirken, wenn Herden nicht mehr in andere Landstriche ausweichen können, da diese von Bergbauprojekten, Wasserkraftanlagen, Nationalstraßen, Bahngleisen oder großen Städten eingenommen sind. Die Herausforderungen, denen sich Sami in Schweden durch den Klimawandel stellen müssen, können nicht getrennt betrachtet werden von Bergbau, Wasserkraft oder Siedlungsdruck. Wenn ihre Herden die Sommerlager verlassen und in die Winterweidegebiete ziehen, bleiben ihnen mittlerweile nur noch schmale Korridore in der von Menschen umgestalteten Landschaft. Seit zehn Jahren sind die Seen auf diesen Migrationsrouten nicht mehr mit einer tragenden Eisschicht überzogen. Die Folge: Ganze Herden brechen auf diesen natürlichen Migrationsrouten ein und ertrinken.

Von der Krise zum konkreten Handeln

Nicht alle Erlebnisse und Erkenntnisse, die wir als Familie machen, sind für uns leicht zu verarbeiten. Der Verlust biologischer Vielfalt, die Dezimierung von Arten, die rücksichtslose Zerstörung von Lebensräumen – nach zwei Jahren stürzen uns diese Tatsachen in eine echte Krise.

Besonders Paula leidet unter einer Hoffnungslosigkeit, der sie nur schwer entkommt. Für uns bedeutet das, den Fokus zu verschieben – weg von den bestehenden Problemen und hin zu der Frage, wo unsere Handlungsoptionen liegen.

So gesehen bietet die Auseinandersetzung mit einem Thema wie Klimawandel auch eine Chance, die großen Herausforderungen unserer Zeit zu bündeln und anzugehen: Wie verhindern wir ein beispielloses Artensterben? Welche Möglichkeiten gibt es, die steigende Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen? Wie lässt sich eine Wirtschaftsweise etablieren, die nicht auf grenzenlosem Wachstum über Leichen hinweg aufbaut? Für Paula wird es wichtig, Vorbilder auch außerhalb der Familie zu finden, an denen sie sich für ihr eigenes Leben orientieren kann. In Australien treffen wir Shani Graham, die gemeinsam mit allen Nachbarn ihre »Hulbert Street« in ein Musterbeispiel nachhaltigen Lebens verwandelte und jetzt Menschen in ganz Australien berät, wie sie ihren ökologischen Fußabdruck verringern können. In Island lernen wir einen Piloten kennen, der seine Fluggesellschaft verkaufte und sich jetzt der Frage annimmt, wie arktische Nationen nachhaltig dem wachsenden wirtschaftlichen und geopolitischen Interesse an ihrer Region und deren Bodenschätzen begegnen können. Paula stellt ihre drängendsten Fragen an den Philosophen und Autor Jostein Gaarder, der ihr Mut macht, sich zu engagieren.

Überraschend konsequent

Unsere Kinder sind fasziniert von der Vielfalt und Schönheit unserer Erde. Wir erahnen, dass sich hier ein Schatz zu formen beginnt, der sie ihr Leben lang begleiten kann. Mio staunt über die Tiere und Pflanzen Südafrikas und kann sein Glück kaum fassen, als er in der Kalahari einer Löwin zum Greifen nah kommt. Hannah weint hemmungslos, als wir Ostgrönland verlassen und schmiedet Umzugspläne für die ganze Familie – in die Arktis. Paula entdeckt in Lappland beim Paddeln ihre Skandinavien-Liebe und Frieda erinnert sich zu Hause daran, »wie cool« das Schwimmen mit Pinguinen ist, wie man die Spuren von Skorpionen liest und dass die Alpenüberquerung zu Fuß für sie der schönste Teil der Weltreise war. Jedes Kind entwickelt seine eigene Vorstellung davon, was die schönsten Erlebnisse, die beeindruckendsten Ziele und die größten Herausforderungen waren. Genauso landen wir alle bei ganz unterschiedlichen Ideen, wie wir den Nachhaltigkeitsgedanken in unseren Alltag integrieren können: vom müllfreien Haushalt über eine vegane Ernährung, alternative Mobilitätsformen, nachbarschaftliche Solidarität, bis hin zu der Frage, wie wir uns auch in globalen Zusammenhängen politisch engagieren können. Eines gilt für uns alle sechs gleichermaßen: Bei jeder Rückkehr sehen wir unsere Heimat, den Odenwald, mit neuen Augen. Unsere Sinne sind geschärft. Aber nicht allein das ist der Grund, warum unser neues umweltjournalistisches Groß-Projekt zum Thema »Wasser« in Europa stattfinden wird. Ausschlaggebend dafür ist auch das Veto unserer Tochter Paula. Als wir die Option in den Raum stellen, den Umgang mit der Ressource Wasser am Beispiel des amerikanischen Doppelkontinents zu bearbeiten, rechnet sie kurz nach. »Das sind mindestens 36 Langstreckenflüge. Was für eine Umweltschweinerei. Da mache ich nicht mit!« Mit einer so erfolgreichen Wirkung unseres Projektes hatten nicht einmal Jens und ich gerechnet.

Jana und Jens Steingäßer stehen für Vorträge, Präsentationen der Multimedia-Reportage, Workshops und Diskussionsrunden in Schulen zur Verfügung, sowohl im Rahmen des Unterrichts als für die gesamte Schulgemeinschaft.

Kontakt: info(at)reiselabor.de; zudem stellt die Deutsche Klimastiftung interessierten Schulen ihre Wanderausstellungen »Gradwanderung« und »Klimaflucht« zur Verfügung; www.deutsche-klimastiftung.de 

Literatur: J. u. J. Steingäßer: Die Welt von morgen – Eine Familie auf den Spuren des Klimawandels, 220 S., ca. 200 Abb., National Geographic Verlag, Hamburg 2016

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