Reise zum Weltinteresse

Von Alain Denjean, Juli 2017

In einer Zeit, in der das politische Leben von Themen wie Grenze und Abgrenzung, Verteidigung und Schutz beherrscht wird, erstaunt das Ergebnis einer aktuellen Umfrage nicht, nach der für junge Menschen im Augenblick oberste Priorität nicht Freiheit, Reichtum oder Wohlstand haben, sondern die Sicherheit hat.

Foto: © Marie Maerz / photocase.de

Das Erleben des Anders-Seins der Anderen und der Welt führt das kleine Kind ungefähr im dritten Lebensjahr zum ersten Ich-Erlebnis. Die vorherige Empathie des Kleinkinds nimmt nach und nach ab. Der Heranwachsende erlebt sich immer mehr in der Polarität von Sympathie (Zuwendung) und Antipathie (Distanzierung) und die neue Errungenschaft der Empathie ist schwer zu erlangen. Verschiedene Phasen und Facetten des gelingenden oder misslingenden Strebens nach Weltinteresse und Empathie lassen sich unterscheiden. Zunächst stößt man auf eine doppelte Spirale des Anders-Seins:

Das Fremd-Sein

Das Fremd-Sein entwickelt sich leicht und oft unbemerkt aus dem Anders-Sein, wenn man aus seiner Anschauungswelt heraus etwas nicht unmittelbar nachvollziehen kann. In der Comic-Serie Asterix leben die Gallier durch einen Wall aus Holzpfählen von den Römern getrennt. Jede Gruppe hat ihre eigene Identität und jedes Mal, wenn die Gallier eine Handlung der Römer nicht verstehen, heißt es: »Die spinnen, die Römer!« Das ist das Erleben des Fremd-Seins. Durch das Fremde wird die eigene Identität attackiert. Es ist mehr als das Anders-Sein.

Erleben der Distanz

Wenn ich Distanz zwischen mir und dem Fremden erlebe, entsteht die Frage nach dem Verhältnis zwischen uns. Distanz kann zu der Empfindung eines Verlustes der eigenen Identität führen, so dass man kämpfen muss, um seine Alltagsidentität zu bewahren.

Das Verlangen nach Identität wird zum Schutz vor Änderungen, die man nicht wünscht.

Vorsicht

In der Vorsicht taucht das Vorbeugende auf. Das Fremde und Gefährliche ist noch nicht vorhanden, aber es wird schon dagegen gehandelt. Szene auf dem Campingplatz:

Die Zelte stehen recht nah aneinander. Rechts ein altes nierderländisches Ehepaar; sie lesen in ihren Klappsesseln am Campingtisch. Links eine französische Familie mit Kindern. Die Kinder spielen »Boules«. Friedliche Stimmung.

Plötzlich wirft ein Kind seine Holzkugel zu weit, so dass sie unter dem Tisch der Niederländer zum Stillstand kommt. Der alte Mann hebt die Kugel auf, lächelt das Kind an und sagt auf Französisch: »Ich werfe sie langsam zu dir; mal sehen, ob sie direkt vor deinen Füßen stehen bleibt, beweg dich nicht!« Aber es kommt nicht dazu. Die Mutter läuft zum alten Mann und sagt freundlich, aber mit kühler Stimme: »Geben Sie lieber mir die Boule. Jeder an seinem Platz, die Kinder spielen hier und Sie lesen dort.«

Eine Beziehung zwischen beiden Gruppen ist nicht erwünscht. Wer weiß, was noch passieren könnte. Wir kennen diese Leute nicht! Eine bisher nicht sichtbare und nicht geahnte Grenze tritt in Erscheinung.

Angst

In einer nordfranzösischen Strafanstalt für Jugendliche wurde von der Leitung beschlossen, mit einer Gruppe von jungen Kleinkriminellen einen zweitägigen Ausflug zu machen. Die von zahlreichem Personal begleitete Gruppe sollte die Stadt Marseille besichtigen, dort übernachten und vor der Rückreise im Mittelmeer baden. Aber die Jugendlichen wollten von der Reise nichts wissen. Sie lehnten die Initiative geschlossen und entschieden ab. In einem Gespräch zeigte sich, dass die jungen Straftäter aus dem Norden große Angst hatten, in die Hauptstadt der französischen Mafia zu reisen. Sie fürchteten, überfallen zu werden.

Abwehr

Prominente müssen sich fortwährend vor der Neugierde der Paparazzi wehren. Aber braucht nicht heute jeder von uns seine Privatsphäre? Früher hat im Dorf jeder alles über jeden gewusst. Heute braucht jede im Ich zentrierte Persönlichkeit ihren Eigenraum. Dieser Eigenraum hat viele Außenseiten: Anonymität, Rollläden, getöntes Glas, Passwörter, Augenbinde und Ohrstöpsel. Man möchte gerne Zeiten zurückgezogen und ohne Nachbar verbringen, um das zu denken und zu tun, was man will.

Isolation und Abschottung

Die letzte Stufe auf dieser Spirale des Anders-Sein, führt zum Abbruch der Beziehungen zur Umwelt und den Mitmenschen: Man ist mit sich selbst einsam, nicht im Sinne des Eremiten, der eine starke Beziehung zum Übersinnlichen pflegt, sondern im Sinne des depressiven Menschen, der in sich selber gefangen ist.

All diese Stufen sind uns vertraut und wir werden durch viele Begebenheiten des Alltags mit ihnen konfrontiert. In all diesen Stufen des Anders-Seins ist etwas Berechtigtes und auch Gesundes, wenn es nicht einseitig wird. In einem vom Ich geführten Leben muss aber auch die andere Seite, das Weltinteresse, entwickelt werden, damit das Ich in seinem labilen Gleichgewicht leben kann. Alle Menschen möchten das, aber man muss es lernen. In der Waldorfpädagogik gehen Lehrer und Schüler den Weg des Interesses und der Empathie konsequent durch alle Altersstufen und Fächer hindurch. An einem Fach kann man die Etappen des Wegs exemplarisch beschreiben, weil dieses Fach – der Fremdsprachenunterricht – am engsten mit dem Anders-Sein und dem Fremdartigen zusammenhängt.

Zuwendung statt Fremd-Sein

Die neue Französischlehrerin schaltet in der Klasse einen CD-Spieler ein: sanfte Wellengeräusche, leise Brandung. Sie setzt sich vor die Klasse auf einen Stuhl und fängt an, mit den Armen zu rudern. Sie erzählt dabei auf Französisch, wie der elfjährige Jacques Cartier bei Ebbe am Strand von Saint Malo sich gerne in ein kleines Bootswrack setzte und von großen Reisen um die Welt träumte. Die Schüler sind gebannt. Das ist spannend. Sie wenden sich der Lehrerin zu und verstehen mehr, als sie durch ihren bloßen Verstand beim Lesen des fremden Textes verstanden hätten. – »Was habe ich da erzählt?«, fragt die Lehrerin. Schüler melden sich und wollen zeigen, dass sie alles verstanden haben. Der eine Schüler, der früher laut protestierte, wenn die frühere Lehrerin ein paar Worte auf Französisch sprach, ist einer der eifrigsten geworden. Er hat den Weg zur Zuwendung gefunden. Wortschatz und Grammatik stehen zunächst nicht im Vordergrund: Er kann erleben.

Interesse statt Erleben von Distanz

Diese Lehrerin der Mittelstufe erzählt anschaulich und lebendig, so dass die Schüler Erfolgserlebnisse haben und sogar vergessen, dass in einer Fremdsprache gesprochen wird. Außerdem variiert sie ständig ihren Unterricht. Immer gibt es kleine Spiele, die keine didaktischen Spiele sind. Sie erntet bald das Schönste, was ein Lehrer ernten kann: Immer wieder kommen kleine Gruppen von Schülern am Anfang des Unterrichts und fragen: »Was machen wir heute?« Interesse steckt in der Frage. Die Antwort ist eigentlich nicht wichtig.

Diese Haltung gegenüber einer fremden Sprache wirkt sich, wenn sie zur Gewohnheit wird, positiv auf das soziale Verhalten der Klasse aus. Kommt ein Gast oder gar ein neuer Kamerad, so zeigen die Schüler spontan Interesse und Neugier dem Neuen gegenüber.

Vertrauen statt Vorsicht

Vor öffentlichen Improvisationen hat verständlicherweise jeder eine gewisse Angst. Aber in der kleinen Öffentlichkeit des Klassenverbands wird es nach und nach anders, weil die Schüler spüren, dass sie zwar einer Herausforderung gegenüberstehen, dass aber der Lehrer da ist, um sie vor jeder Blöße zu schützen. In einer sechsten Klasse soll ein Schüler allein vor der Klasse eine gelesene Geschichte mündlich und ohne Notizen zusammenfassen – aber neben ihm sitzt sein Freund mit Notizen, der helfen darf, wenn er ins Stocken gerät. Das beflügelt und jeder versucht, sein Minireferat ohne Hilfe zu schaffen. In der elten Klasse sollen die Schüler in sechs bis acht Zeilen das Porträt eines erfundenen Menschen schreiben: Aussehen, Alter, Herkunft, Beruf, Hobby, Beziehungen … Dann liest einer sein Porträt der Klasse vor und die Klasse hinterfragt alles: »Du hast gesagt, dass er kein Auto hat. Warum nicht?«

Der Schüler muss spontan reagieren und plausible Gründe finden. Alle gegen einen: In der Stimmung des gegenseitigen Vertrauens entstehen so die schönsten und lustigsten Unterrichtseinheiten – in der fremden Sprache.

Lernen statt Angst

In der Waldorfschule wird jeder Schüler öfter am Tag mit einem kleinen Kribbeln konfrontiert, das dadurch entsteht, dass er seine Selbstständigkeit, seinen positiven Ehrgeiz auf die Probe stellen kann; das mögen Schüler, weil sie dadurch spüren, dass sie vorwärts kommen. Hat ein Schüler seine Hausaufgabe einmal nicht gemacht, so kribbelt es in ihm, wenn er sich vornimmt, es vor der Kontrolle zu gestehen. Aber er aktiviert in sich selber die Kraft, es zu sagen. Denn bei diesem oder jenem Lehrer weiß er, wie er reagieren wird.

Der Lehrer wird ihn fragen, ob er kurz aus dem Klassenzimmer gehen will, um nachzubereiten und wenn er zurückkommt genauso befragt zu werden, wie die anderen, nur etwas nachsichtiger. Das diskrete Augenzwinkern des Lehrers, wenn dieser Schüler dann Fragen der Hausaufgabe – allerdings schwitzend – beantwortet, ist eine schöne Botschaft. Lernen statt Angst. Da ist schon der Übergang zur nächsten Windung der Spirale nach oben.

Sich überwinden, statt abwehren

Sich überwinden, sich etwas aneignen, statt Abwehr: Eine Pädagogik, die den Schülern Anlässe bietet, sich in winzigen Schritten immer wieder zu überwinden, rechnet mit der Zukunft des Schülers. Sie wendet sich an das, was in ihm steckt, aber noch nicht Realität geworden wird.

Weltbürgertum statt Abschottung

»Wozu lernen wir in der Schule Fremdsprachen?«, fragt ein Schüler. »Ich habe nicht vor, Deutschland zu verlassen und ich brauche keine Fremdsprachen für den Beruf, den ich erlernen will.«

Bei einer solchen Frage wird der Lehrer aufhorchen und darauf achten, dass dies nicht der Beginn von Isolation und Abschottung ist. Auf der anderen Seite werden Inhalte besprochen, die zu einer ganz anderen Dimension des Menschseins führen. Ein Beispiel für viele andere Situationen: In der elften Klasse lernen die Schüler die Hintergründe der Sprache, indem Wörter in Englisch, Französisch und Deutsch verglichen werden. Man nimmt sich das hochaktuelle Thema »Grenze, Abgrenzung« vor. Es entsteht – zunächst auf Deutsch – eine Liste: Grenze, Rand, Küste, Horizont, Strand, Ufer, Hecke, Zaun, Haut … Dann werden die entsprechenden Wörter in den anderen Sprachen verglichen. Grenze kommt aus dem Westslavischen »greniza«, ist verwandt mit »Grat« und bedeutet »Grenzgebiet«. Das englische »Border« kommt vom Lateinischen und Französischen »bord, bordure« und bedeutet »Rand«. Ein bildhaftes Wort für ein Inselvolk mit Marineerfahrungen. In einem Schiff ist man entweder an Bord oder ins Wasser gefallen. Der Rand, die Küste, ist für ein Inselvolk eine klare Linie. Im Französischen haben wir das Wort »frontière«. Es kommt vom Lateinischen »frons, frontis« – »Stirn« – und bedeutet »Ort, wo man die Stirn bietet«.

Bei einem Volk, das in Europa die meisten Kriege geführt hat, wird sofort der kulturelle Hintergrund sichtbar. »La frontière« ist der Rand, bis wohin man das Land erobert hat, und immer noch verteidigt. Dieses Wort »frontière« müsste man dann auf Deutsch in Bezug auf die Natur mit »Marsch« (Verteidigung gegen das Meer durch Deiche) oder mit Mark (Mark Brandenburg) aus dem indogermanischen »mrog« »Rand, Grenze« übersetzen. Man kann dann mit den Schülern die Geschichte Deutschlands in Bezug auf seine öst­lichen Grenzen anschauen und sich fragen, welche Nuance in dem alten slawischen Wort »Grenze« liegt? War diese öst­liche Grenze nicht immer durchlässig, im Gegensatz zu »Marsch« und »Mark«?

Noch größere Zusammenhänge schließen sich auf, wenn man an die Kolonisierung Nordamerikas gegen die »feindlichen« Indianer denkt. Jahr für Jahr schob sich die Grenze des kolonisierten Gebiets nach Westen. Eine eingreifende Realität für die Siedler. Wie nennt denn die nordamerikanische Bevölkerung diese wandernde Grenze nach Westen auf Englisch? »Border« sagen die Schüler. Nein, diese Art Grenze hat in der amerikanischen Kultur den Namen: »frontier«. Und die »frontier thesis« ist ein wichtiges Element der nordamerikanischen Kulturgeschichte.

Hier wird Weltinteresse und Weltbürgertum entwickelt. Die Kulturwelt ist vernetzt. Alles hängt mit allem zusammen.

Die Spirale des Anders-Seins nach unten entspricht unserem Alltag. Wir stehen in der Gefahr, in den Strudel der Charybdis hineingesogen zu werden, bevor wir es bemerken oder etwas dagegen unternehmen. Die andere Spirale des Anders-Seins führt uns mit jeder Handlung etwas näher zu uns selber, zum werdenden Menschen in uns.

Beide Spiralen sind notwendig und das positive Umgehen mit diesem doppelten Strom nennt man in der Medizin Resilienz.

Zum Autor: Alain Denjean  war Französisch- und Religionslehrer an der Waldorfschule Uhlandshöhe (Stuttgart) und Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart. Er berät die deutschen Waldorfschulen in Sachen Fremdsprachenunterricht.

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