Segeln? Unbezahlbar! Ein Wirtschaftsabenteuer

Von Ben Hadamovsky, Juli 2017

Ben Hadamovsky ist leidenschaftlicher Segler und erprobt einen neuen Einkommensbegriff, denn er bietet seine Arbeit kostenlos an und wartet, was den Mitreisenden der Törn Wert ist.

Kurs Zukunft – Selber steuern macht glücklich. Foto: © Ben Hadamovsky

Essen ist wichtig an Bord – und intensive Gespräche. Foto: © Ben Hadamovsky

Als ich vor zwei Jahren zu meiner nächsten großen Reise nach unserer Familienweltumseglung von 2005 bis 2010 aufbrach, träumte ich von der Umrundung Kap Horns. Aber die Fahrt, die in Flensburg begann, endete bereits in Dänemark. Die Erkenntnis, dass alle Meere vermessen, alle großen Reisen bereits gemacht wurden, und nirgends mehr wirklich unentdeckte Regionen auf dieser Erde zu finden sind, und damit jede Reise bloße Wiederholung sein würde, traf mich recht unsanft.

Einige Zeit dümpelte ich frustriert und planlos in dänischen Gewässern vor mich hin. Freunde kamen zu Besuch, aber auch fremde Menschen fanden ihren Weg zu mir an Bord. Angeregt durch die vielfältigen Besucher, entschloss ich mich dazu, ein wirklich neues Abenteuer zu wagen. Ich widmete mein Weltumseglerboot zu einem sozialen Forschungsschiff um, an Bord dessen wir die unbekannten Gewässer zukünftiger Wirtschaftsformen bereisen würden.

Verschenkte Arbeit

Was geschieht, wenn ich meine Arbeit nicht mehr zu einem vorher festgelegten Preis verkaufe? Das war meine Ausgangsfrage für dieses Experiment. Hintergrund ist die Idee, dass sich die Welt nach unseren Annahmen und Vorstellungen formt. Wenn wir also die Vorstellung als Gesellschaft haben: Arbeit ist die Bedingung für Einkommen, dann erhalten wir bestimmte Ergebnisse. Hinter dieser Annahme steckt die Angst, dass ein Mensch, dem wir erst das Geld geben, danach keine Motivation mehr hat, noch für uns zu arbeiten. Dahinter steht desweiteren die Annahme, Menschen seien per se faul und würden nichts zu einer Gesellschaft beitragen, wenn es nicht den Zwang zum Geldverdienen gäbe. Würden wir also ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen, ginge niemand mehr zur Arbeit und die Gesellschaft versänke im Chaos.

Meine Gegenthese lautete: Einkommen ist die Bedingung für Arbeit. In dem Vertrauen darauf, dass der Mensch als soziales Wesen seinen individuellen Beitrag zur Welt leisten wird, wenn wir ihm die Freiheit in Form von Vertrauen (= Geld) schenken. Da ich nicht daran glaubte, dass mir Menschen einfach so meinen Lebensunterhalt schenken würden, um meine These zu erproben, wählte ich folgenden Umweg: Ich habe meine Arbeit verschenkt, indem ich ihr den Preis genommen, und gleichzeitig die Frage gestellt habe, ob sich die Menschen freiwillig an meiner Lebenssicherung und den Kosten des Projekts beteiligen würden.

Keine Preise – was nun?

Wie sieht nun nach elf Monaten Forschungsreise das Ergebnis aus? Meine schlimmste Befürchtung, dass sich ausschließlich Teilnehmer aus der Fraktion »Geiz ist Geil« und der »Schnäppchenjäger« bei mir an Bord versammeln würden, hat sich nicht bestätigt. Es sind aber deutlich mehr Menschen als ich erwartet hatte mitgefahren, die sich nicht finanziell am Projekt beteiligt haben.

Gleichzeitig ist eine Gruppe von Menschen aufgetreten, mit der ich nicht gerechnet hatte: Menschen, die selber nicht mitreisten, aber das Projekt finanziell unterstützt haben. Diese haben zu knapp einem Viertel der Gesamtsumme an bisher geschenktem Geld beigetragen! Auf die Frage, warum sie sich beteiligen, ohne einen offensichtlichen Gegenwert zu erhalten, kamen Antworten wie diese: »Was für ein verrücktes, mutiges Projekt … Gut, dass mal einer damit anfängt, Arbeit und Einkommen zu trennen. Das möchte ich unterstützen… Die Entkoppelung von Geld und Segeln gefällt mir sehr gut. Dein Experiment ist genial und faszinierend. Die Spannung auszuhalten, nicht zu wissen, wie verläuft der Sommer, sich der Frage zu stellen, ist mein Projekt nur dann gelungen, wenn es sich finanziert, das Ganze gedanklich zu begleiten und mit der Welt zu teilen, das ist mutig. … Zu wissen, dass jemand so etwas umsetzt, ist auch ein Gewinn für mich.«

Insgesamt haben sich bisher 60 Menschen am Projekt beteiligt. Davon waren 42 Menschen auch zu einer der Expeditionen an Bord. Zu einem ausgeglichenen Budget fehlte allerdings noch ein Drittel. – Dennoch nicht schlecht für eine Unternehmens-Neugründung.

Doch gab es auch Bedenkenträger: »Warum gehst du so ein Risiko ein? Warum nicht einfach eine Wanderung machen, wo finanziell nicht so viel auf dem Spiel steht?« Und überraschend viele waren trotz der auf der Homepage veröffentlichten Zahlen nicht in der Lage, für sich daraus einen angemessenen Beitrag abzuleiten. Das kam auch als Vorwurf an mich: »Wenn ich gewusst hätte, wie teuer so eine Schiffsreise eigentlich ist, wäre ich vielleicht nicht mitgefahren. Nun muss ich meinen Beitrag noch mal überdenken…« Und auch das Argument kam immer wieder: »Warum sollte ich für etwas zahlen, wenn ich es auch umsonst bekommen kann?« Andere haben mir dagegen vorgeworfen, dass ich sie mit den Zahlen überhaupt belästige. Wäre es nicht konsequenter gewesen, nicht zu sagen, wie hoch mein Einsatz ist? Geld und Preis bieten offensichtlich Sicherheit und Orientierung in einer unübersichtlichen Welt. Es war auch unbequem zu merken, was alles an diesem Thema dranhängt: Konditionierungen, Schuldgefühle, Frust, Neid, faule Kompromisse, und immer wieder Lebensträume, die um der vermeintlichen Sicherheit willen, die uns das Geld zu bieten scheint, verschoben oder ganz aufgegeben wurden.

Bewegend war jedoch zu erleben, wie die Verunsicherung durch den fehlenden Preis die Menschen aus ihrer Reserve gelockt hat und immer wieder ein überraschender Moment der Freiheit entstand. »Oh, jetzt ist es an mir, zu entscheiden, was du bekommst ...« Plötzlich waren die Menschen nicht mehr nur bei sich und ihrem Vorteil, sondern stellten die Frage nach den Bedürfnissen ihres Gegenübers – eine im heutigen Geschäftsleben immer noch ungewohnte Übung.

Beunruhigend war auch die Erkenntnis, wie stark wir darauf konditioniert sind, jeden als Konkurrenten zu betrachten, von dem es gilt, unseren Vorteil abzutrotzen und wie fremd uns der Gedanke einer auf Brüderlichkeit und gegenseitiger Verantwortung basierenden Wirtschaft (noch) ist. Insofern hat sich die Phoenix mehr und mehr zu einer schwimmenden Mini-Universität entwickelt.

Der philosophische Diskurs entbrannte auf jeder der 15 einwöchigen Reisen. Wo auf den Nachbarbooten im Hafen die Gespräche häufig lautstark in Bierseligkeit versanken, kreisten bei uns an Bord die intensiv und leidenschaftlich geführten Debatten um die Themen Arbeit und Einkommen, Gerechtigkeit, Selbstwert unabhängig von Arbeit, verdrängten Lebensträumen, und Fragen und Sorgen um die Zukunft unserer Gesellschaft und unserer Erde. Egal ob Student oder Staatsanwalt, Journalist oder Wissenschaftler, Kamerafrau oder Headhunter, arm oder reich – wie ein roter Faden waren die Gespräche durchzogen von der alle verbindenden Sehnsucht nach einer anderen, menschlicheren Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Einer Ordnung, in der jeder seinen Impulsen unabhängig von finanziellen Zwängen folgt und das tut, wofür sein Herz wirklich brennt.

Zum Autor: Ben Hadamovsky ist Künstler, Publizist und Weltumsegler. Wer sich noch auf einen der wenigen freien Plätze für 2017 bewerben möchte, findet ihn unter: www.hadamovsky.de

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