Erzieherische Illusionen

Von Friedhelm Garbe, März 2012

Erziehen können wir nur uns selbst. Werden dann nicht die Lehrer überflüssig? Nein, meint Friedhelm Garbe, Klassenlehrer aus Jena und in der Lehrerbildung tätig, denn die Kinder brauchen Menschen, die ihnen vorleben, was es heißt, sich selbst zu erziehen.

Eigentlich kann nichts schiefgehen. Die Aufgabe des Lehrers ist begrenzt und deutlich umrissen. Auch wenn 30 Zappelgeister vor ihm sitzen, hat er nur einen Einzigen zu erziehen: sich selbst. Wer jemals von der Einsicht berührt worden ist, dass es gar nicht möglich ist, einen anderen zu erziehen, dem hat sich das Tor zu einer völlig neuen pädagogischen Haltung geöffnet.

Sicher, wir können Anpassung und Unterwürfigkeit erzwingen, können Druck ausüben und ein Klima der Angst erzeugen. Aber wer Gefolgsleute an der Leine führt, erzieht nicht, sondern dressiert. Er schafft Abhängigkeit. Erziehung ist das Gegenteil: Sie lässt frei und begleitet durch eigenes Vorbild. Sie ermöglicht und fördert die Entwicklung eines autonomen Wesens zu Mündigkeit und Selbstständigkeit.

Das heißt nicht, Kinder sich selbst zu überlassen! Selbsterziehung beschreibt lediglich eine spirituelle Tatsache: Dass der Impuls zur Entwicklung immer im Menschen selbst begründet ist und niemals von außen kommen kann. – Aber es ist paradox: Das sich selbst erziehende Kind ist zugleich auf den anderen Menschen angewiesen. Denn ein Kind, das unter Wölfen lebt, geht, isst und heult wie ein Wolf. Um sich aufzurichten, braucht es Menschen, das aufrechte Vorbild. Und dennoch ist es das Kind selbst, das sich erhebt. Da helfen weder Krücken noch Fäden. Das Entscheidende kann das Kind nur selbst vollziehen. Dieser Widerspruch ist das Kennzeichen menschlicher Entwicklung. Und wenn uns etwas gelungen scheint in der Erziehung, dann ist es eigent­lich immer etwas, das das Kind aus sich selbst hervorgebracht hat – im Angesicht des Du.

Erziehung ist keine Spareinlage

Es mag heute wichtiger erscheinen, dass Banken Gewinne erzielen, als dass sich ein Kind selbst erzieht. Für manchen sind die Unterschiede zwischen Kapital und Kind auch gar nicht mehr so groß: Es werden Werte angelegt, damit sie später Gewinn bringen. Da wird der Lehrer unversehens zum Banker, der Spareinlagen in die Köpfe der Schüler legt. »Je vollständiger er die Behälter füllt, ein desto besserer Lehrer ist er. Je williger die Behälter es zulassen, dass sie gefüllt werden, um so bessere Schüler sind sie«, bemerkte der brasilianische Pädagoge Paulo Freire, als noch niemand von Finanzkrise sprach.

Nun erleben wir gerade atemberaubend, dass selbst bei Banken eine solche Denkweise zum Untergang führt. Und da manchem Zeitgenossen sein Bankkonto näher zu stehen scheint als sein Kind, wird diese Krise in der Öffentlichkeit ernster genommen, als die bereits seit Jahrzehnten andauernde Sinn-Krise vieler Kinder und Jugendlicher. Zappelnde Kinder kann man eben ruhig stellen – mit Zuckerbrot und Peitsche, notfalls auch mit Ritalin. Wenn aber die Börsenkurse hyperaktiv werden, gibt es kein Medikament. Das erschreckt viele. Die Ursache beider Symptome ist die gleiche: Wir denken falsch. Die Wirklichkeit ist anders. Geld arbeitet nicht und vermehrt sich auch nicht. Und ein Kind ist kein Sparkonto; es lässt sich nicht von außen befüllen. Erziehen heißt nicht, leere Fässer zu füllen, sondern eine Flamme zu entzünden, sagte Heraklit. Die Flamme verdankt und entzündet sich am Anderen, am Vorbild. Aber sie brennt selbstständig, sie speist sich aus sich selbst. Der Genius des Menschen ist von außen unantastbar. Dieser Raum ist ein Allerheiligstes, zu dem jeder nur bei sich selbst Zutritt hat.

Arbeiten im Umraum

Vor etwa 1000 Jahren entstanden im Hochland von Äthiopien zahlreiche Felsenkirchen. Sie gehören zu den größten von Menschenhand geschaffenen monolithischen Skulpturen und stellen uns vor einige Rätsel. Allein in dem kleinen Ort Lalibela wurden innerhalb weniger Jahrzehnte elf solcher christlicher Kirchen gebaut. Dafür wurden jedoch nicht Steine herbeigeschleppt, um sie himmelwärts zu türmen. Im Gegenteil, die Menschen gingen davon aus, dass alles schon vorhanden ist: Die Erde ist bereits heilig, denn Christus hat sie betreten. Aber dieses Heilige ist noch verborgen. Es ist verhüllt und muss erst freigelegt werden. Der Baumeister hat also nur Hüllen abzutragen. Von oben in die Tiefe dringend legt er frei, räumt Hindernisse weg. Er schafft einen Umraum, Durchbrüche für das Licht – bis das Verborgene erscheint: ein Heiligtum. Kein Hammerschlag, kein Meißel hatte jemals berührt, was entstanden ist. Sonst wäre vernichtet worden, was es hervorzuholen und zu schützen galt. Wenn so gelernt wird, dass auch der Pädagoge nur an diesem Umraum gestaltet, bleibt das Allerheiligste unangetastet: die Individualität des Kindes. Sie allein ist es, die erziehen kann. Sie allein kann wollen. Aber sie ist darauf angewiesen, dass sie bemerkt und wahrgenommen wird. Denn sie ist verborgen, hinter der Maske eines vielleicht noch ungemütlichen Leibes, eines ungeschickten Verhaltens. Je freier die Umgebung wird, desto deutlicher kann sie zur Geltung kommen.

Hier ist unsere Aufmerksamkeit, ein sich hingebendes Interesse gefordert. Das ist eine der Erziehungsaufgaben für den Pädagogen – an sich selbst. Das Kind jedoch erziehen wir nun nicht mehr, sondern wir lernen, es zu lieben. Das ist etwas anderes. Es ist die Voraussetzung, dass ein Kind sich entwickeln, sich erziehen kann.

Alles entscheidet sich am Menschen

Wir sollten deshalb auch nicht so oft fragen, ob ein Erstklässler Flöten lernt und Märchen hört, sondern wie das geschieht. Wir sollten nicht fragen, ob in Epochen unterrichtet und Eurythmie gelehrt wird, sondern wie das geschieht. Auf den konkreten Menschen kommt es an! Wer hier seinen edlen Drang, erziehen zu wollen, in die falsche Richtung lenkt, verfällt einer Illusion. Vergebens müht er sich, das Unmögliche zu leisten: andere zu erziehen. Und das Kind vermisst schmerzlich sein Vorbild, an dem es sich erheben kann. Es wäre doppelt fatal. Was zählt, sind nicht Konzepte und Lehrpläne, sondern das, was sich zwischen Lehrer und Schüler tatsächlich ereignet. Rudolf Steiner verdanken wir, dass er diesen Zusammenhang als Erster auf den Punkt gebracht hat: »Jede Erziehung ist Selbster­ziehung, und wir sind eigentlich als Lehrer und Erzieher nur die Umgebung des sich selbst erziehenden Kindes.«

Literatur: Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Hamburg 1973. Rudolf Steiner: Die pädagogische Praxis (GA 306), Vortrag vom 20. April 1923, Dornach 1989.

Link: www.waldorf-fernstudium.de.