Eine westfälische Kindheit

Von Maja Rehbein, Februar 2011

Der Autor Heinrich von der Haar beschreibt die Ich-Findung eines Bauernjungen im Nachkriegs-Westfalen unter schwersten Bedingungen: Kinderarbeit auf Hof und Feld, Zwang und Prügel des Vaters, übertriebene katholische Frömmigkeit. 

Der Protagonist Heini ist vier, als der Roman einsetzt. Der Hof der Familie mit elf Kindern ist in Gefahr; Rosenkranz beten und Kirchgang werden wichtiger als das Gebot der Liebe.

Als Jugendlicher wird er von einem Vertreter der christlichen Arbeiterjugend missbraucht. Sein Pfarrer glaubt ihm zunächst nicht, hilft jedoch bei der Aufnahme ins Kolleg. Der Missbrauch wird totgeschwiegen. Diese Problematik wurde Anfang 2010 hochaktuell durch den Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, der im Dienste der Wahrheit die Büchse der Pandora öffnete.

Heinrichs Schulleiter schreibt in seiner Empfehlung: »Mit fünfzehn steht er stabil wie ein Baum für sich, der keinen Pfahl braucht.« 

Wunderbar wird die bäuerliche Umwelt im Lauf der Jahreszeiten geschildert. Die Langsamkeit, die intensive Betrachtung der Dinge erinnert an Stifter. Von dem Buch geht trotz aller erschütternden inneren Dramatik eine große Ruhe aus. Die 67 Kapitel in bildhaftem, glasklarem Stil sind geschickt verflochten und mit trockenem Humor gewürzt.

Heini erlebt die Verführungen der fünfziger Jahre, von Lakritze über Nietenhosen bis zum schicken Wagen und Alkohol. Er findet das Mädchen Isolde, das ihn liebt. Sich vom Vater in Liebe zu trennen, ist nicht möglich. Mit seinem ohnmächtigen Willen, endlich fortzukommen, brennt am Schluss das Haus; der Vater weist ihm die Tür, und es brennt sein Himmel: er fühlt sich aus der Kirche getrieben. 

In der Ich-Form verfasst, hat das Buch autobiographische Anklänge, ist aber keinesfalls als Autobiographie zu verstehen. Heinrich von der Haar ist 1948 geboren, wuchs mit zehn Geschwistern auf einem Bauernhof auf, absolvierte das bischöfliche Kolleg in Münster und studierte Soziologie und Philosophie. Sein Roman, gleichzeitig ein Zeitdokument, gewann bei romansuche.de den 1. Preis. Ein Folgeband Der Idealist ist in Vorbereitung. 

Heinrich von der Haar: Mein Himmel brennt. Die Geschichte einer Kindheit im Münsterland. Roman, geb., 457 S., € 26,50. KaMeRu Verlag Zürich 2010.