Ich schreibe, also bin ich

Von Maria Breckwoldt, Mai 2016

Hat Descartes sein Berühmtes »cogito ergo sum« – ich denke, also bin ich – ausgesprochen, so ist für Hanns-Josef Ortheil das Schreiben der Angelpunkt seiner Selbstgewissheit: Ich schreibe, also bin ich. Wie und warum er dieser Notwendigkeit, Passion, ja Sucht – wie er selbst sagt – verfallen ist, davon handelt sein neues Buch.

Um sich der Frage zu nähern, versetzt er sich räumlich und gedanklich in seine Kindheit zurück, ja er wird zum Kind von damals. In der Jagdhütte des elterlichen Grundstücks im Westerwald, in der für den Siebenjährigen mit der Schreibschule alles begann, verfolgt er erinnernd und schreibend seinen Weg zur Welt des Wortes. Aus Ortheils biografischen Texten wissen wir, dass seine Mutter nach dem Verlust ihrer ersten vier Söhne verstummt und dass das Kind ihr in dieses Schweigen gefolgt ist. Die Welt ist dem Jungen dadurch rätselhaft, er kann Dinge und Begriffe nicht aufeinander beziehen, zuordnen. Vieles bleibt ihm verschlossen, nur das Klavierspiel öffnet ihm einen Blick aus der Enge. Die Schule wird für ihn zum Albtraum, er gilt als Idiot, wird »gehänselt, beschimpft, verachtet«, selbst als er anfängt zu sprechen. Eine dramatische Notlage. Schon den Schritt vom Schweigen zum Sprechen hat sein Vater mit seiner genialen pädagogischen Intuition, seinem tiefen Vertrauen zu seinem Sohn vorbereiten können, nun führt er auch hier die rettende Wende herbei. Er erfindet für die Sommerferien die »Schreibschule«, macht aus der Jagdhütte einen Ort konzentrierten Lernens.

Es beginnt mit ganz elementaren Übungen: Papier und Stifte werden sorgfältig ausgewählt, vorbereitet. Auf einem langen Tisch zeichnet der Junge auf Pauschpapier Linien, Kreise, Dreiecke, Vierecke. Kann er bis jetzt nur verwackelte Buchstaben schreiben, entstehen nun Kalenderblätter mit kleinen Sätzen. Dialoge werden aufgeschrieben, Lesebuchgeschichten umgestaltet. Eigene Erlebnisse verwandelt er in kleine Geschichten, die – zu seiner Überraschung – wie von selbst entstehen. Es sind »Freiheitssprünge«, die Welt öffnet sich ihm. Schreiben ist keine lästige Pflicht, es ist eine Freude, etwas in ihm Verborgenes wird freigelegt. Seite auf Seite füllt sich, seine Ausdrucksfähigkeit wächst, steigert sich mit unheimlicher Schnelligkeit. Manchen befremdet seine Schreibsucht. Er selbst ist verunsichert. Ist er vielleicht krank? Aber der Vater kann ihn trösten: Es ist sein Talent, das, einmal hervorgelockt, sich Bahn bricht, er solle es nur gut pflegen.

Für den Leser wird das Buch mehr und mehr zu einer Schreibschule, einer Meditation über Sprache, die Kunst des Schreibens als Achtsamkeitsübung: alles beobachten, minutiös erfassen, ehrlich, einfühlsam formulieren und festhalten.  

Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier. Roman einer Passion, geb., 383 S., EUR 21,99. Luchterhand, München 2015