Monolog über Achtsamkeit

Von Sebastian Jüngel, Juli 2016

Valentin ist 17 und schüchtern. Von seinem Schulfreund Alex wird er eher beiläufig auf ein Mädchen im weißen Kleid, das im Winter barfuss auf dem Berliner Alexanderplatz Flyer verteilt, aufmerksam gemacht.

Sofort verliebt sich Valentin in sie. Als er erfährt, dass Sonja öffentlich aktiv ist, fährt er hin und wird – völlig unerwartet – in ihren Freundeskreis aufgenommen. Dort vertieft sich seine Verehrung in ihr sanftes Wesen und ihr grenzenloses Interesse am anderen Menschen. Gleichzeitig wächst ihre Bekanntheit – und ihre Bewegung »Stimme des Herzens« mündet innerhalb eines Jahres in eine Parteigründung.

Der Autor erzählt aus der Perspektive eines jungen Menschen, der seine Bedürfnisse und hohen Ideale aufgrund mangelnden Selbstvertrauens nur schwer leben kann, immerhin aber in Marlene eine seelenverwandte Freundin findet. Sonja wird von ihm und ihrem Umkreis idealisiert und zu einer Art weiblichem Jesus erhöht; ihre Freundinnen und Freunde sind so sehr von ihrer Besonderheit beeindruckt, dass sie kaum eigenständig aktiv werden. Dabei möchte Sonja, dass alle lernen, ihr Herz sprechen zu lassen. Und das meint: selbst tätig zu werden.

»Sonnenmädchen« ist in weiten Strecken ein schrittweise in die Vertiefung führender philosophischer Monolog über Achtsamkeit, die Wertschätzung des Anderen und das konkrete Umsetzen der Herzenskräfte: Statt unverbindlich am Unvollkommenen zu leiden, gilt es, aus Mitleid zu handeln. Die ungebrochene Erhöhung, das ständige Erschüttertsein über Sonjas einmaliges Wesen und die monothematische Ausrichtung lassen die Geschichte Gefahr laufen, ins Sektiererische zu kippen (was im Roman auch angesprochen wird). Wer die immer wiederkehrenden »Belehrungen« duldsam annimmt, wird durch die Kompromisslosigkeit des Erzählers ins Miterleben dieser Art von Achtsamkeit mit der Intensität eines neolinguistischen Programmierens hineingezogen: »Unser Herz […] kann die ganze Welt umfassen.« »Das liebende Herz fühlt sich für alles verantwortlich.« »Weil es [das Lied] Schönheit ist, ist es Wahrheit.« Wird dieser Appell an die Menschlichkeit ernst genommen, führt der Roman unmittelbar zum Anliegen Sonjas. Und mehr: Wie im Film »Der Himmel über Berlin« von Wim Wenders öffnet »Sonnenmädchen« den Zugang zu einer überrealen Wirklichkeit, die autorenunabhängig »in der Luft« liegt.

Holger Niederhausen: Sonnenmädchen. Roman, brosch., 612 S., EUR 19,90, Books on Demand, Norderstedt 2016