Rosenkeim der Freiheit

Von Henning Köhler, Mai 2011

Ein Team um den Sozialpsychologen Adam Galinski von der Northwestern University Chicago konnte nachweisen, dass mit dem subjektiven Machtgefühl die empathischen Fähigkeiten schwinden. Soziale Überlegenheit, selbst wenn sie nur eingebildet ist, mindert das Einfühlungsvermögen.

Wer in einer Gruppe davon ausgeht, die Anderen seien ihm unterstellt oder unterlegen, kann sich merklich schlechter in sie hineinversetzen als der, der auf gleicher Augenhöhe mit ihnen kommuniziert – so die Zeitschrift »Gehirn & Geist«. Darauf hätte auch jeder selbst kommen können. Aber heutzutage muss durch aufwändige wissenschaftliche Untersuchungen belegt werden, dass man im Wasser nass wird, sonst glaubt es keiner.

Viele Autoren beschreiben das Verhältnis zwischen Kindern und Erwachsenen als Machtkampf. Eltern, Erzieher und Lehrer werden aufgefordert, keine Schwäche zu zeigen, um der Gefahr einer »Machtumkehr«, das heißt einer Machtübernahme der Kinder zu entgehen.

Das »natürliche Machtverhältnis« – Kinder als »Unterstellte« der Erwachsenen – müsse gewahrt bleiben, »konsequente Unterordnung« von den Kindern verlangt werden – alles wörtliche Zitate aus aktuellen Bestsellern. Immer heftigere Paukenschläge ertönen aus dem Lager der Propagandisten einer »neuen« Law & Order-Pädagogik. Unbestritten ist aber: Machtautorität geht auf Kosten der Beziehungsqualität. Schon ein trügerisches Gefühl der Überlegenheit trübt das »erkennende Fühlen« (Edmund Husserl). Man muss sich entscheiden.

Die Gleichsetzung von Erziehung mit Herrschaftsausübung ist ein tragisches Missverständnis. Der Erziehungsauftrag ist kein Regierungsauftrag. Die Frage nach dem »Gewaltmonopol« stellt sich auf politischem Felde. Auch darüber werden wir hoffentlich eines Tages hinaus sein. Schleicht sie sich in zwischenmenschliche Beziehungen ein, beginnt ein sozialer Vergiftungsprozess. Das gilt auch für die pädagogische Beziehung. Ich warne vor der Politisierung des pädagogischen Denkens. Kinder sind unsere Schutz­befohlenen, nicht unsere Untergebenen. Das muss man sauber trennen. Sonst bricht babylonische Sprachverwirrung aus.

Mit »scheuer Zurückhaltung« soll man den Kindern begegnen, mahnte Maria Montessori. Rudolf Steiner ging noch weiter: »Ehrfurcht« sei angebracht. Ehrfurcht vor dem im Kinde sich ausfalten wollenden »Rosenkeim der Freiheit«. Kindheitsromantik? Ja, was denn sonst! Ein Schuss Romantik könnte der Debatte wahrlich nicht schaden. – Ich weiß, es muss Regeln geben. Aber auch über Regeln kann man sich mit den Kindern höflich verständigen. Selbst wenn zuweilen ein strenges Wort nötig ist, muss dieses nicht von oben herab gesprochen werden. Auf die Haltung kommt es an. Theodor Litt, Zeitgenosse Steiners und wie er ein Pionier der Heilpädagogik, notierte: »So ist denn das tiefste Ethos des Erziehers, den Willen zur eigenen Durchsetzung auszuschließen.« Dies nur zur Erinnerung daran, wie fortschrittlich manche Experten vor hundert Jahren waren im Vergleich mit dem uninspirierten Zeug, das heute ex cathedra verkündet wird.

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