Diesseitig bin ich gar nicht fassbar

Von Griet Hellinckx, November 2012

Künstler machen sich oft mehr Gedanken über den Tod. Da es sich bei ihnen um sehr individuelle und manchmal auch richtig extravagante Erdenbürger handelt, sind ihre Aussagen über den Tod und somit auch über das Leben oft überraschend.

In dem Buch »In einem anderen Raum« von Peter Andreas wurden kurze Textfragmente mit Schwarz-Weiß-Fotos von den Gräbern der jeweiligen Autoren, Dichter, Maler und Bildhauer zusammengebracht. Adolf Loos stellt zum Beispiel fest, dass Selbstmord eine Blasphemie auf den Tod sei. Sein Grab ist ein schlichter Quader auf dem Zentralfriedhof in Wien. Käthe Kollwitz schrieb im Jahre 1917 in ihr Tagebuch: »Da ich lebe, nicht statt der Kinder gehen durfte – das hätte ich gern getan –, will ich mich zu Ende leben.« Auf dem Grabstein ist ihr Name der letzte von fünf Menschen, die an der Stelle beerdigt wurden. In einer Notiz zu einem Traum von 1914 heißt es bei Paul Klee: »Ich finde mein Haus; leer, ausgetrunken den Wein, abgegraben den Strom, entwendet mein Nacktes, gelöscht die Grabschrift. Weiß in Weiß.«

Auf seinem realen Grabstein in Bern sind jedoch noch heute die folgenden bekannten Worte zu lesen: »Diesseitig bin ich gar nicht fassbar, denn ich wohne grad so gut bei den Toten wie bei den Ungeborenen, etwas näher dem Herzen der Schöpfung als üblich und noch lange nicht nah genug.« Dies sind kurze, prägnante Aussagen, die einen Perspektivwechsel anregen und für den Leser und Betrachter etwas Tieferes aufleuchten lassen können. Der Titel des Bildbandes ist einer Aussage von Hans Poelzig beim Hinscheiden von Ringelnatz entnommen: »Was ist mir der Tod? Ich mache eine Tür auf und bin in einem anderen Raum.« An einem trüben Abend kann man sich mit diesem Buch in der Hand mal wehmütig, mal sehnsuchtsvoll und gelegentlich schmunzelnd auf der Schwelle zu eben diesem anderen Raum aufhalten.

Ein Genuss der besonderen Art, der sicher nicht jedem zu empfehlen ist. Aber für diejenigen, die gerne über die Vergänglichkeit des Lebens nachsinnen oder sich gelegentlich auf Friedhöfen aufhalten – und davon soll es, wie Günter Kunert in seinem Anfangsessay schreibt, einige geben –, ist es ein gelungenes Buch.

Peter Andreas: In einem anderen Raum. Auferstehen! Auferstehen! – An den Gräbern großer Künstler, 220 S., 154 Abb., geb., EUR 28,–, Johannes M. Mayer Verlag, Stuttgart 2012