Doppelgänger

Von Griet Hellinckx, September 2014

Im Jahr 1998 erschien im Mayer Verlag die erste Auflage dieses Buches. Der Verlag Freies Geistesleben hat jetzt eine sogenannte Neuauflage herausgebracht. Bedauerlicherweise ist diese fast völlig identisch mit der früheren Ausgabe. Somit fehlen aktuelle Zeitbezüge sowie Hinweise auf die Literatur der vergangenen sechzehn Jahre. Beim Lesen wird jedoch deutlich, dass die Betrachtungen an sich keineswegs veraltet sind, sondern eher noch an Brisanz und Aktualität gewonnen haben.

Der ehemalige Arzt und Drogenberater Olaf Koob beschränkt sich in diesem Buch nicht auf das Thema des Doppelgängers, sondern beschäftigt sich aus verschiedenen Perspektiven mit der Frage nach dem Bösen. Sowohl die Schatten im eigenen Inneren wie äußere Einflüsse und Kräfte, die auf den Menschen einwirken, werden angeschaut und anhand von Darstellungen Rudolf Steiners beleuchtet. Das Thema der Polarität taucht dabei auf verschiedenen Ebenen auf und wird vom Autor ausgelotet. Im Spiel der polaren Kräfte ist der Wille zur Selbsterkenntnis ungemein wichtig. Es ist zum Beispiel hilfreich, sowohl bei sich selbst wie auch bei Anderen das wahre Ich bzw. die Individualität von dem »äußeren Schattenmenschen« unterscheiden zu lernen. Vieles von dem, was uns in der äußeren Welt oder bei anderen Menschen stört, sind Teile unseres Alltags-Ichs, die wir nach außen projizieren und dort kritisieren oder bekämpfen. Die innere Wandlung, so mühsam sie auch manchmal sein mag, ist ein Beitrag nicht nur zur eigenen Klärung, sondern zur Verwandlung der Welt und der Menschheit insgesamt. Die vierzehn Kapitel stehen teilweise für sich und sind womöglich Nachschriften von Vorträgen. Dadurch lässt das Buch eine systematische Ausarbeitung der Thematik vermissen. Rudolf Steiner wird häufig zitiert und obwohl die Herkunft der Textstellen in den Fußnoten angegeben wird, fehlen die für die Thematik relevanten Werke Steiners in der ansonsten ausführlichen Literaturliste.

Die Spannbreite der Themen ist groß. Sie reicht von den physischen Organen als Einfallstore für die Einflüsse von Verstorbenen, über die Schatten der Völker und die Formen der Dämonisierung im 20. Jahrhundert, bis hin zur bedingungslosen Liebe und ihren Voraussetzungen. Diese und viele weitere Aspekte werden meistens anhand von interessanten Fallbeispielen thematisiert. Manche der Ausführungen mögen befremdend anmuten, sie bieten aber auf jeden Fall Anlass und Anregung für die eigene weitere Beobachtungs- und Reflexionstätigkeit. Jedem, der sich fragt, warum es das Böse gibt, kann dieses Buch empfohlen werden.

Olaf Koob: Das Ich und sein Doppelgänger – Zur Psychologie des Schattens, geb., 383 S., EUR 22,–, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2014