Eine Lanze für das Fach Sozialkunde

Von Jochen Ketels, Oktober 2017

Politik im üblichen Verständnis spielte im Unterricht der Waldorfschulen in den letzten Jahrzehnten keine bedeutsame Rolle. Till Ungefug durchdenkt nun die Beziehung des Oberstufenschülers zur Welt noch einmal von vorn.

Er begründet mit dem heute gewandelten Wissenschaftsverständnis, einer an Hannah Arendt orientierten Politikauffassung und den umfänglich recherchierten Aussagen Steiners zum »Politischen«, warum das Erziehungsziel der Sozialfähigkeit der bewussten und gedanklich durchdrungenen Zuwendung zum aktuellen Zeitgeschehen bedarf. Nicht zuletzt führe das Bedürfnis der heutigen Ober­- stufenschüler, sich den Phänomenen und Fragen der Gegenwart in großer Offenheit zuzuwenden, sie in die modernen Weltverhältnisse – umso mehr, wenn neben der Aufgabe der »Integration« des jungen Menschen in das Bestehende der Gegenpol der »Emanzipation« aus nicht-menschengemäßen Zuständen der Welt ins Auge gefasst wird.

Der Autor denkt »das Politische« als das, was »den Zauber des Zwischenmenschlichen« ausmacht, knüpft es an die Würde des Menschen an, an eine Moralität, die wir an den Schülern als Bedürfnis nach Menschlichkeit wahrnehmen. Wie Rudolf Steiner das Politische schwerpunktmäßig im Jahr der Schulgründung 1919 konkret erlebte und sich dazu äußerte, wird in den ausführlich dokumentierten Zitaten deutlich. Das sozialkundliche Grundlagenwerk wirbt für die bewusste denkende Durchdringung der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Zeitläufte in der Oberstufe. Es ist verfasst in der Gewissheit, dass es in Anbetracht der nach einhundert Jahren fortentwickelten Rahmenbedingungen heute möglich und »an der Zeit« sei, die Hinwendung zur Welt des Zwischenmenschlich-Sozialen in einem Fach »Sozialkunde« zu bündeln, zumal die Tendenzen des Zeitgeistes dem Kernanliegen der Waldorfpädagogik nach verantwortlicher, freier und solidarischer Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse stärker als jemals zuvor entgegenkommen. Die Sozialkunde könne ein Kernfach werden, weil sie geeignet sei, die »Menschwerdung zwischen Ich und Welt« zentral in den Blick zu nehmen.

Der menschenkundlich begründete Gesamtaufbau des Fachs für die Klassen 9 bis 12 weist auf geeignete Ansätze für die jeweilige Klassenstufe hin, der Vorrang des Methodischen vor dem Inhaltlichen wird herausgearbeitet. Die Darstellung wird abgerundet durch konkret erprobte und anregend beschriebene Unterrichtsmethoden und -bausteine im Sinne des Gesamtkonzeptes. Für alle Unterrichtenden, die die Schüler dabei unterstützen wollen, aus ihrem Empfinden heraus die Welt zu durchschauen und voranzubringen, stellt der Band eine Quelle der Besinnung und Inspiration dar.

Till Ungefug: Perspektiven der Sozialkunde. Plädoyer für ein unentdecktes Kernfach der Waldorfpädagogik, brosch., 364 S., EUR 26,– edition waldorf, Kassel 2017