Eurythmie unter der Lupe

Von Pirjo Partanen-Dill, April 2017

Die Autoren stellen sich der Aufgabe, die Praxis der Eurythmiepädagogik phänomenologisch zu untersuchen und das Ergebnis einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen.

Dieser zweite Band ist an alle Interessenten gerichtet und gibt jedem Pädagogen wie auch Eltern eine Möglichkeit, vielseitige Einblicke in die verschiedensten Eurythmieunterrichte aller Altersstufen zu erhalten. Dreizehn erfahrene Eurythmiepädagogen öffnen ihre Türen für einen Besuch in ihrem Schulalltag. Die vier Waldorf- bzw. Eurythmiepädagogikdozenten Axel Föller-Mancini (Alanus Hochschule Alfter), Matthias Jeuken (Freie Hochschule Stuttgart), Helga Daniel (Hogeschool Leiden NL) und Ulrike Langescheid (Alanus Hochschule Alfter), liefern grundlegende Beiträge zur Eurythmiepädagogik.

Im ersten Teil finden sich sorgfältige Beschreibungen der Unterrichte und deren Auswertungen. Ausgewählte Eurythmielehrer werden von anderen erfahrenen Kollegen hospitiert. Die Unterrichtsbesuche sind nicht für dafür besonders vorbereitete Stunden geplant, sondern finden im ganz normalen Alltag – nicht in den »Sternstunden« – statt. Der Leser bekommt ein konkretes Bild von der jeweiligen Unterrichtstunde, obwohl die Beschreibungen mit recht knappen Worten erfolgen. Sie sind aus fachlicher Kompetenz auf das Wesentliche beschränkt.

Es handelt sich um den Versuch, eine Methode zu etablieren, die ganz praxisnah und ohne Idealisierung Erfahrungsergebnisse weitergibt. Die Erläuterungen der Methode und der Aufgabenstellung sind jedem Leser zugänglich und nachvollziehbar. Der individuelle Charakter jeden Unterrichts wird bewusst hervorgehoben. So werden keine standardisierten und vorher festgelegten Aufgaben und Fragen bearbeitet, sondern der Unterrichtende zeigt seine momentan wichtigen Motive. Dadurch bekommt die Studie in lebensnaher Art eine unvergleichliche Aktualität und Authentizität. Also es ist keine idealisierte Theorie über den Sinn und Zweck der Eurythmie in den Schulen, sondern eine anschauliche Darstellung im jeweiligen Zusammenhang. In der Unterrichtsbesprechung sind direkte Zitate des Lehrers beigefügt. Die kurze Darstellung der Lehrerpersönlichkeit mit Foto und ihrer persönlichen Arbeitsnotiz zum Unterrichtsinhalt unterstützen den praktisch-individuellen Charakter der Forschungsmethode. Ohne zu theoretisieren zeigen schon die Beispiele deutlich - auch im Spiegel moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse z.B. in der Neurophysiologie - wie wirksam und bedeutungsvoll die Eurythmie heute ist.

Spannend für jeden Pädagogen und für alle Fachbereiche wertvoll sind die Beiträge der vier Waldorf- bzw. Eurythmiepädagogikdozenten im zweiten Teil des Bandes. Die Reihenfolge dieser Beiträge ist geschickt und sinnvoll angeordnet. Das Anliegen wird immer konkreter und zugleich umfassender dargestellt. Allerdings muss ein Leser, der in dem wissenschaftlichen Vokabular nicht bewandert ist, stellenweise wohl einige Worte nachschlagen. Für Eltern bietet dieser zweite Teil wesentliche Antworten auf die Fragen über die pädagogische Eurythmie. So kann er den Eurythmisten als Vorbereitung für die Elternabende dienen.

Axel Föller-Mancini erweitert und vertieft die Ergebnisse der Interviews in seiner Sekundär-Analyse. Sein Forschungsgegenstand »Ästhetische Erfahrung« kann im Leser u.a. auch die Frage nach der Motivation des Schülers erwecken. Matthias Jeuken stellt die Zusammenhänge der Seelenkräfte Denken, Fühlen und Wollen umfangreich und mit der Berücksichtigung der heutigen neurobiologischen Forschung und im Zusammenhang mit der Eurythmiepädagogik vor. Helga Daniel beschreibt sorgfältig einzelne Übungen vom Kindergartenalter bis in die oberste Klassenstufe. Ihr Anliegen ist es, aufzuzeigen wie man die Eigenständigkeit des Schülers zur Entfaltung bringen kann. Ulrike Langescheid bewegt schließlich die bitter notwendigen Fragen der sozialen Kompetenz und der Beziehungsfähigkeit des Menschen. Sie verdeutlicht mit ganz konkreten Übungen die Erziehungs-Möglichkeiten der Eurythmie für das Leben.

Hundert Jahre nach ihrer Entstehung ist ein immer bewussterer Umgang mit der Eurythmie eine der Lebensbedingungen für ihr Fortbestehen. Dafür bildet diese Forschungsreihe einen unentbehrlichen Anfang und leistet einen zeitgemäßen Beitrag für die Waldorfpädagogik. Für Eurythmisten kann das Buch auch zur Fortbildung dienen, mit teilweise direkten Anregungen zum Unterricht. Möglicherweise entdeckt man durch die sehr unterschiedlichen Beiträge noch deutlicher den eigenen Weg als Pädagoge. Ich wünsche mir, dass es seinen Weg in die Eurythmie-Fachkonferenzen findet und zum offenen Austausch ermuntert.

Gisela Beck, Axel Föller-Mancini (Hrsg.): Beiträge zur Eurythmiepädagogik, Bd. 2, Unterrichtsverläufe beobachten und reflektieren, brosch., 180 S., EUR 19,–, edition waldorf 2016