Kleine Unternehmensberatung für Waldorfschulen

Von Wolfgang Debus, September 2012

Das Buch von Valentin Wember ist eine hilfreiche Anregung und ein wichtiger Diskussionsbeitrag für Menschen, die ernsthaft an einer Entwicklung von Gemeinschaft interessiert sind.

Es ist zwar aus dem Erfahrungsbereich der Waldorfschulen geschöpft und als Plädoyer für die zeitgemäße Veränderung und Neugestaltung der Selbstverwaltung dieser Schulen geschrieben, die darin enthaltene Kritik und auch die konstruktiven Vorschläge sind aber keineswegs auf Waldorfschulen begrenzt.

Wer erlebt, wie mühsam und zäh sich in Betrieben, in der großen und kleinen Politik, in allem Zusammenwirken menschlicher Gemeinschaften, auch in Familien, angemessene Formen für Gespräche, Verabredungen und Entscheidungen einrichten lassen, kann sich ein solches Buch nur als Pflichtlektüre für alle wünschen. Aber: Ein Willensimpuls kann nicht durch Verordnung entstehen. Es steht zwar viel geschrieben in diesem Buch von der Verpflichtung zur Mitbestimmung in den Verfassungen von Betrieben, auch an staatlichen Regelschulen. Aber der Schritt vom Plan zur Gestaltung ist mühsam.

Die Kernfrage von Wembers Ausführungen scheint mir zu sein: Wie kommt es zu Willensimpulsen? Wember hat die Antwort bereit: Folgt Rudolf Steiners Anregung, die »Philosophie der Freiheit« zu studieren, alles Weitere wird sich ergeben. Doch Steiner beließ es nicht bei der Theorie. In vielen Vorträgen hat er die Gedanken eines seiner zentralsten Werke für unsere alltägliche Arbeit aufbereitet. Im Vorbereitungskurs für die Lehrer gab er kurz vor dem Start des Schulbetriebes genauere Hinweise und Anregungen für den Unterricht.

Wembers Ausführungen zur Gewichtung fachlicher Kompetenz und der Kompetenz aus Interesse und Engagement sind erfrischend. Weitere Denkanstöße ergeben die Erwägungen zu einmütigen Beschlüssen, Mehrheitsbeschlüssen und Entscheidungen durch Fachgremien. Immer wieder in den Mittelpunkt rückt Wember die Verwässerung von Verantwortung, die entsteht, wenn diese auf mehrere Schultern verteilt wird.

Selbst bei bestem Willen zum verantwortungsvollen Zusammenspiel wird ein Orchester nicht ohne die Übersicht eines menschlich und fachlich kompetenten Dirigenten, nicht ohne geübte gegenseitige Wahrnehmung zu bestmöglichen Leistungen kommen. Selten wird sich heute noch ein Betrieb, eine Fußball-Mannschaft, eine Seilschaft oder eine Schiffscrew nach altem hierarchischem Muster zum Erfolg führen lassen oder dieses Ziel allein aus der eigenen Erfahrung und den eigenen Kräften erreichen. Ohne inzwischen bewährte Methoden aus der modernen Unternehmensberatung wird sich der Erfolg kaum einstellen.

Valentin Wember: Wille zur Verantwortung. Eine neue Organisationsführung durch Lehrer, Eltern und Schüler an Waldorfschulen, EUR 16,90, Stratos-Verlag, Stuttgart 2012