Paternalistische Beleidigung

Von Christian Boettger, Januar 2017

Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Im ersten berichtet Eric Hurner von seinen persönlichen Erlebnissen und Erfahrungen beim Aufbau der Waldorfschulen in Südafrika.

Er ist 1952 im heutigen Lumbumbashi als Sohn von Schweizer Emigranten geboren und in Südafrika aufgewachsen. Seine Mutter unterrichtete seit 1963 an der Waldorfschule in Kapstadt, wo er auch zur Schule ging.

Als er dann 1982 an der Michael Mount Waldorfschule in Johannesburg zu unterrichten begann, erlebte er mit, wie sich seine Schule und die in den Townships gegründeten Schulen durch die Aufnahme schwarzer Familien und den Kolleginnen aus allen Bevölkerungsschichten von innen heraus veränderten. Hurner legt ein persönliches und glaubhaftes Zeugnis ab, wie Waldorfschulen ihre integrative und menschlich kulturfördernde Arbeit aus den Bedürfnissen vor Ort und nicht aufgrund abstrakter Theorien entwickeln.

Im zweiten Teil behandelt er die Frage des kulturellen Rassismus, die Rolle der Anthroposophie und der Lehre Rudolf Steiners über Rassen. Auch auf diesen Seiten arbeitet er aus der persönlichen, aber reflektierten Lebenserfahrung heraus, was in starkem Kontrast zum Ausgangspunkt und Motivation des Büchleins steht. Dieser Ausgangspunkt war das Buch von Ansgar Martins über Hans Büchenbacher und eine der Aussagen, die Martins in einem seiner Vorträge machte: die Anthroposophie sei keine »eliminatorische«, sondern eine »paternalistische Weltanschauung«, in der man davon ausgehe, »dass die verschiedenen Kulturen einander bereichern sollen, wobei natürlich die weiße Rasse an oberster Stelle steht«.

Diese Aussage bezeichnet Hurner als »Beleidigung der schwarzen Waldorfschulbewegung«, die ihrerseits von der paternalistischen Ideologie eines deutschen Intellektuellen zeuge. Denn die schwarze Waldorfschulbewegung sei wesentlich von seinen Kolleginnen und Kollegen mit anderen Hautfarben aufgebaut worden.

Auch die Anerkennung im Land hätten diese nichtweißen Kolleginnen und Kollegen aus eigenem Antrieb und tiefgegründeten persönlichen Überzeugungen heraus vorangetrieben. Alle weiteren Argumentationen und Erfahrungsberichte sollte man bei Interesse direkt dem kleinen Büchlein entnehmen, das sehr leicht lesbar, flüssig und anschaulich geschrieben ist.

Eric Hurner: Kultureller Rassismus, Anthroposophie und die Integration der südafrikanischen Waldorfschulen, 67 S., EUR 15,- brosch., Lohengrin-Verlag, Tetenhusen 2016