Rasse kann vieles bedeuten

Von Hans-Jürgen Bader, November 2016

Das Problem »Rassismus«, – ein Thema, das angeblich mit der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik zu tun hat – beschäftigt nun seit 20 Jahren die Gemüter.

Dem unbefangenen Zeitgenossen mag das merkwürdig vorkommen, der Kenner der Materie schüttelt verständnislos den Kopf. Immerhin ist die Debatte in Deutschland seit der »Stuttgarter Erklärung« des Bundes der Freien Waldorfschulen von 2007 abgeklungen.

Zuvor hatte es jahrelange Auseinandersetzungen darüber gegeben, seit im Jahr 2000 die Magazin-Sendung »Report« des ZDF damit an die Öffentlichkeit getreten war. 1995 war diese Frage latent geworden, nachdem das Bundesverfassungsgericht auf Betreiben von Klägern, die sich als Anthroposophen bezeichneten, das Kruzifix aus den bayerischen Klassenzimmern verbannt hatte, weil das die Freiheit der Religionsausübung derjenigen beeinträchtige, die das für ihre Kinder nicht wollten. Die dadurch entstandene Aufmerksamkeit auf die »merkwürdigen« Anthroposophen brachte auch den Rassismus-Vorwurf aufs Tapet, der dazu führte, dass beinahe zwei Vortragsreihen Rudolf Steiners durch die Bundeszentrale für jugendgefährdende Schriften im Jahr 2006 indiziert worden wären. Die Indizierung konnte zwar verhindert werden, aber Waldorfschulen und der Bund der Freien Waldorfschulen hatten sich mit einer Vielzahl von Darstellungen und auch Büchern (»Überwindung des Rassismus durch die Waldorfpädagogik«, »Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit« u.a.) gegen den in der Öffentlichkeit entstandenen Vorwurf des Rassismus zu wehren. Das Thema schien damit vorerst in Deutschland erledigt zu sein.

Inzwischen hatte es sich auch in der englischsprachigen Welt durch einige Protagonisten breit gemacht, insbesondere durch die seit 2000 erfolgten Veröffentlichungen Peter Staudenmaiers, Prof. für Geschichte an der Marquette University Milwaukee (USA). So war es unvermeidlich, dagegen etwas zu tun. Robert Rose, Dozent für Waldorfpädagogik an der Canterbury Christ Church University in Kent hat sich dieser Aufgabe durch ein umfangreiches Werk unterzogen, das inzwischen auch in deutscher Übersetzung vorliegt.

Es handelt sich um ein eindrucksvolles, durch seine Tiefgründigkeit und wissenschaftliche Nüchternheit in jeder Weise überzeugendes Werk, das in Zukunft – auch in Deutschland – niemand wird übergehen können, der Anspruch auf Gehör bei der Beschäftigung mit diesen Fragen erhebt. Das ist nicht nur für solche Machwerke von Bedeutung, wie Helmut Zanders »Anthroposophie in Deutschland« (2007), das einen Höhepunkt an Miss- und Unverständnis der Anthroposophie darstellte und schon 2009 eine Entgegnung durch Ravaglis »Zanders Erzählungen« erfahren hatte, sondern auch für manche Befürworter der Anthroposophie in Deutschland, die in der Vergangenheit glaubten, Steiner in die Nähe des Rassismus stellen zu müssen. Dazu zählt vor allem das »Frankfurter Memorandum« von R. Brüll und J. Heisterkamp (Info 3), das sich nicht enthalten konnte, Steiner einige diskriminierende und rassistische Äußerungen zuzuschreiben. Rose zeigt, dass davon keine Rede sein kann und setzt sich indirekt auch von der »Stuttgarter Erklärung« des Bundes der Freien Waldorfschulen von 2007 ab, die von Äußerungen Steiners gesprochen hatte, die »als diskriminierend empfunden werden können«; wozu man allerdings wissen muss, dass diese seinerzeit vorwiegend aus politischen Gründen zustande gekommen ist.

Rose untersucht, was unter dem Begriff »Rassismus« zu verstehen ist und stellt die außerordentliche Vielfalt der Bedeutungen dar, die heute und früher damit verbunden worden sind. Vor allem zeigt er, dass die meisten der fraglichen Äußerungen Steiners sich auf weit zurückliegende Zeiträume beziehen, in denen »Rassen« noch eine evolutionsgeschichtliche und damit eine ganz andere Bedeutung hatten, wie Steiner auch selbst oft ausgeführt hat. Das hat natürlich zur Folge, dass diese Begrifflichkeit auf heutige Verhältnisse nicht anwendbar ist und damit ihre vermeintliche Sprengkraft verliert. Das aber sehen Staudenmaier und die ihm folgenden Kritiker nicht oder wollen es nicht sehen.

Bei Steiner hat das Wort »Rasse« vier unterschiedliche Bedeutungen: einmal bezieht es sich auf vorsintflutliche ausgestorbene Vorformen des Menschen, dann auf Zivilisationen oder Kulturen, die sich in der Zeit nach der Sintflut gebildet haben und schließlich auf künftige moralische Gemeinschaften. Die heute übliche Verwendung des Wortes »Rasse« im biologischen Sinne findet sich bei ihm nur selten.

Eine der Hauptquellen für Staudenmaiers Unterstellungen ist Steiners Aufsatzreihe »Aus der Akasha-Chronik«, die ausschließlich von vorsintflutlichen Zeiten (bis zum Ende der atlantischen Zeit) handelt. Trotzdem stellt Staudenmaier hier eine »bis ins Detail beeindruckende Ähnlichkeit zu Hitlers Theorien« fest und schließt daraus, dass »Konzentrationslager, Sklavenarbeit und die Ermordung von Juden eine Praxis darstellen, deren Schlüssel vielleicht in den Theorien R. Steiners gefunden werden kann«.

Eine solch massive Feststellung, die natürlich wegen der Aufmerksamkeit, die sie verschafft, getroffen wird, ist nur möglich, wenn man – eine heute beliebte Methode – Zitate aus dem Zusammenhang reißt, in dem sie stehen, also eine »Dekontextualisierung« vornimmt. Und Staudenmaier übersieht auch geflissentlich Steiners Warnungen gegen die Verwendung des Wortes »Rasse«, obwohl diese in demselben Werk »Aus der Akasha-Chronik« stehen, aus dem er seine Zitatbruchstücke bezieht. Stattdessen verwendet er unreflektiert das Wort »Rasse« so, wie es heute verstanden wird. Die heutige Bedeutung des Wortes wird also in Steiners Verwendung des Ausdrucks hineinprojiziert. Das führt unweigerlich zu schwerwiegenden Missverständnissen. Dieser logische Fehler der Bedeutungsverschiebung lässt all seine Argumentationen ins Leere laufen und stellt seine Wissenschaftlichkeit in Frage. In derselben Weise verfährt er, wie Rose nachweist, auch mit anderen Begriffen, die durch die Nazi-Vergangenheit belastet sind, vor allem mit dem Wort »Arier« bzw. der »weißen Rasse«. Die »weiße Rasse« bezeichnete Steiner als die »zukünftige, die am Geiste schaffende Rasse«. Auch hier muss man berücksichtigen, dass Steiner nicht von der Gegenwart sprach, sondern von einer urfernen Vergangenheit, als eine vorsintflutliche »weiße Rasse« den Übergang in die Zeit nach der Sintflut einleitete, indem sie sich mit anderen vermischte und aufhörte, zu existieren. Und »arisch« bedeutete bei Steiner nicht »weiß, blond, blauäugig, europäisch«, sondern den gesamten nachatlantischen Zeitraum einschließlich der kommenden 6. und 7. Kulturepoche.

Dies sind nur Beispiele der ausführlichen Diskussion von Rose, die es in dieser tiefgehenden Weise bisher nicht gegeben hat und die deshalb von grundlegender Bedeutung ist.

Rose hat seinem Werk einen Anhang beigefügt, in dem er auf Entgegnungen Staudenmaiers eingeht, die dieser nach der englischen Erstveröffentlichung seiner »Antwort auf die Kritiker der Anthroposophie und Waldorfpädagogik« verfasst hatte. Die Entgegnungen Staudenmaiers sind wiederum dadurch gekennzeichnet, dass er es strikt vermeidet, auf die unterschiedlichen Bedeutungsinhalte des Wortes »Rasse« bei Steiner einzugehen, obwohl er durch Rose eindringlich und vielfach darauf hingewiesen wurde, dass ebendarin der entscheidende Grund seiner Missverständnisse liegt. Das lässt kaum einen anderen Schluss zu, als dass hier bewusste Ignoranz vorliegt, die womöglich damit zusammenhängt, dass die gesamten Veröffentlichungen Staudenmaiers zu diesem Thema seit dem Jahre 2000 – insgesamt neun Werke – obsolet würden, ebenso wie die einiger weiterer Kritiker aus den USA, die sich im Wesentlichen ohne eigene Nachprüfung auf Staudenmaiers Thesen stützen.

Robert Rose: Evolution, Rasse und die Suche nach einer globalen Ethik. Eine Antwort auf die Kritiker der Anthroposophie und Waldorfpädagogik, brosch., 252 S., EUR 29,– BWV Berliner Wissenschaftsverlag, Berlin 2016