Spiritualität – nicht auch in der Waldorfschule?

Von Johannes Kiersch, Februar 2017

Fritz Bohnsack gehört zu den wenigen unter den deutschen Erziehungswissenschaftlern, die sich seit langer Zeit Sorgen darüber machen, dass die Zwänge technokratischer Lenkungssysteme im Bildungswesen den Grundtrieb allen wirklichen Lernens aus den Schulen verdrängt haben: das Suchen nach Sinn im Weltgeschehen.

Jetzt macht er darauf aufmerksam, wie dieses Suchen im ganz gewöhnlichen Alltag aufwachen und gepflegt werden kann. Das Buch bietet detaillierte Informationen über zahlreiche einschlägige Studien und verschafft Pädagogen, Therapeuten und engagierten Eltern einen hilfreichen Überblick über den Stand der Diskussion.

Das erste Kapitel widmet sich der verzwickten Lage der Religionspädagogik. Seit längerer Zeit schon finden die traditionellen Angebote der Kirchen und ihrer Theologen immer weniger Zuspruch. Gerade von jungen Leuten werden sie oft entschieden abgelehnt. Das individuelle Suchen nach Sinn aber nimmt gegenwärtig eher zu. Was der Verfasser darüber berichtet, dürfte besonders für Lehrerinnen und Lehrer des Religionsunterrichts hilfreich sein. Ein besonderes Kapitel beschreibt, welche Rolle dem inzwischen weit verbreiteten Ideal der »Achtsamkeit« zukommt und welche Denk- und Praxismöglichkeiten besonders die Übungswege des Buddhismus eröffnen.

Für eine Theorie der »Kunst« des Erziehens im Sinne der Waldorfpädagogik erscheint mir besonders aufschlussreich, was der Verfasser über die Inszenierung von »Lernumwelten« schreibt, die das Fragen und Lernen der Kinder nicht steuern, sondern anregen: eine »indirekte Erziehung« auf dem Wege der »Gestaltung von Erziehungswelten« (nach Heinz-Elmar Tenorth). Über der gesamten Darstellung liegt eine aus der Weisheit des Alters genährte Stimmung milder Resignation. Die Erleuchtungserlebnisse der Mystiker, die besonders das Buddhismus-Kapitel immer wieder berührt, sind nur für wenige erreichbar. Bescheidenheit ist angesagt. Auch in den kleinen Entdeckungen der Achtsamkeit im Alltag liegt spiritueller Tiefgang. Das Christus-Bild der kirchlichen Tradition ist »theologistisch überhöht« und damit nicht mehr diskutabel. Der edle und ethisch vorbildliche Mensch Jesus genügt. An solchen symptomatischen Einschränkungen zeigt sich, dass ein moderner Geisteswissenschaftler, auch wenn er es inzwischen wieder wagen darf, von Spiritualität zu reden, dem reduktionistischen Weltbild des naturwissenschaftlichen Mainstreams der Gegenwart verpflichtet bleibt. Die Entschiedenheit, mit der Waldorflehrer als Anthroposophen vom »Geist« reden, darf man da nicht erwarten.

So bewundere ich die Fülle wichtigster Informationen, die das Buch über ein höchst aktuelles Thema bereitstellt. Zugleich frage ich mich, warum die Ansätze zur Sinnvertiefung im pädagogischen Alltag, zu einer »indirekten« Erziehung durch Herstellung herausfordernder Lern-Umwelten, die im Raum der Waldorfpädagogik mit Händen zu greifen sind, keine Erwähnung finden, obwohl der Verfasser seit Jahrzehnten zu den wagemutigen Pionieren eines Gesprächs zwischen der Erziehungswissenschaft und der Päda­gogik Rudolf Steiners gehört.

Was haben wir da versäumt? Was ist der Grund dafür, dass selbst ein Freund der Waldorf-Praxis es strikt vermeiden muss, anthroposophische Spiritualität ebenso unbefangen ins Auge zu fassen wie die tiefsinnige Geistigkeit eines John Dewey oder Martin Buber, eines Karl Jaspers oder Martin Heidegger? Offenbar haben wir es mit einem gravierenden Behandlungshindernis zu tun, dessen Beschaffenheit bisher weder die akademische Forschung noch die Waldorflehrerschaft hinreichend geklärt hat. Auch diese – traurige – Einsicht kann man dem hilfreichen Buch entnehmen.

Fritz Bohnsack: Sinnvertiefung im Alltag. Zugänge zu einer lebensnahen Spiritualität, Paperback, 182 S., EUR 22,90, Budrich, Berlin 2016