Spiritualität und Pädagogik

Von Griet Hellinckx, November 2015

Seit 1987 trifft sich zweimal jährlich ein Kreis von Erziehungswissenschaftlern und Pädagogen, die an staatlichen Hochschulen und Einrichtungen der Waldorflehrerausbildung tätig sind oder waren. Nun liegt ein Buch vor, das Einblick in die Diskussionsbeiträge der Kolloquien der Jahre 2012 und 2013 gewährt.

Den Beiträgen liegt keine einheitliche Definition dessen zugrunde, was Spiritualität ist. In jedem Text leuchtet mehr oder weniger eine eigene Haltung und Begriffsbildung auf, so dass man als Leser herausgefordert wird, sich in verschiedene Perspektiven und Denkarten hineinzufinden. Manche Aufsätze sind in einem wissenschaftlich-akademischen Stil verfasst. Bei anderen handelt es sich um ausgearbeitete Gesprächsbeiträge. Einige leben von konkreten Beispielen. Es gibt eine Vielzahl von Hinweisen auf wissenschaftliche Studien, Unterrichtsinhalte oder persönliche Erfahrungen im Umgang mit Kindern.

Die Herangehensweise, die in diesem Buch gewählt wird, unterscheidet sich deutlich von den gängigen bildungspolitischen Betrachtungsweisen, bei denen mit Kompetenzen und messbaren Standards hantiert und argumentiert wird. In einem Beitrag von Jost Schieren wird die zentrale Bedeutung der spirituellen Dimension in der Waldorfpädagogik herausgearbeitet. Diese basiert nicht auf Inhalten oder rituellen Gepflogenheiten, sondern auf zwei wesentlichen Aspekten, die Steiner in der Anthroposophie ausgearbeitet hat: der Qualität des Denkens, in dem »ein dynamischer Übergang und Austausch zwischen Individuellem und Universellem« stattfindet und der Bedeutung, die dem Ich bzw. der Individualität zugemessen wird.

Ein ganz anderer Ansatz, der von einem »heiligen« Anliegen inspiriert ist, findet sich in dem Text »Spiritualität ist Aufmerksamkeit« von Fulbert Steffensky aus dem Jahr 2001. Da dieser Text Gegenstand des Gesprächs bei einem der Kolloquien war, wurde er ebenfalls veröffentlicht. Für Steffensky liegt der Sinn von Spiritualität darin, die Welt interpretieren zu können und Gewissen zu haben. Nicht nur hier, aber besonders hier, fehlt meines Erachtens eine Autorennotiz, die den Leser über den biographischen und beruflichen Hintergrund des Verfassers informiert. Die Aussagen lassen sich leichter einordnen und nachvollziehen, wenn man weiß, dass es sich um einen Theologen handelt, der 13 Jahre in dem Benediktinerkloster Maria Laach lebte, anschließend vom katholischen zum lutherischen Bekenntnis konvertierte, Dorothee Sölle heiratete und viele Jahre als Professor für Religionspädagogik tätig war.

Obwohl das Buch das Ergebnis von vier Kolloquien ist, stehen die meisten Texte für sich. Es bleibt dem Leser weitgehend überlassen, sie mit einander ins Gespräch zu bringen bzw. sie mit den eigenen Erfahrungen und Annahmen zu vergleichen. Es erweist sich als hilfreich, zum Beispiel folgende drei Aspekte oder Phasen beim Lesen im Blick zu behalten: die Grundhaltung und die Bedingungen, die eine spirituelle Erfahrung ermöglichen oder erschweren, das spirituelle Erlebnis selbst und den Umgang mit solchen Erfahrungen, sowohl seitens der Kinder als auch der Erwachsenen.

Es gibt einige wenige Aufsätze, in denen Darstellungen eines anderen Autors erwähnt oder kommentiert werden. Im vorletzten Kapitel bemüht sich Harm Paschen um eine metatheoretische Einordnung der Beiträge. Er weist darauf hin, dass allen eine pädagogische Intention zugrunde liegt: Die Autoren hoffen mit ihren Betrachtungen, Erziehung und Bildung zu verbessern und zu vertiefen. Dieser Intention liegen eindeutig pädagogische Annahmen zugrunde und somit hat man es mit einer normativen Pädagogikauffassung zu tun. Dies ist seiner Meinung nach grundsätzlich kein Problem. Es entsteht jedoch für ihn als Erziehungswissenschaftler die Frage, wie die Anregungen und Überlegungen erziehungswissenschaftlich von den jeweiligen Verfassern abgesichert werden. Obwohl es sicher wichtig ist, sich über die Relevanz dieser Frage im Klaren zu sein, nehme ich an, dass die meisten Leser, die zu diesem Buch greifen, die Intention der Autoren teilen und sich somit vor allem für die Berichte, Gedankenanstöße und Betrachtungen interessieren werden. Keine leichte Kost, aber nahrhaft.

Peter Loebell und Peter Buck (Hrsg.): Spiritualität in Lebensbereichen der Pädagogik – Diskussionsbeiträge zur Bedeutung spiritueller Erfahrungen in den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen, brosch., 330 S., EUR 39,90, Verlag Barbara Budrich, Leverkusen 2015