Die »Bunte Schule«. Integrationsarbeit mit Kindern in der Dortmunder Nordstadt

Von Guida de Freitas, Mai 2014

Die Dortmunder Nordstadt stand in der jüngeren Vergangenheit zusammen mit anderen Vierteln in westdeutschen Großstädten wiederholt im Fokus der bundesweiten Öffentlichkeit. Anlass war der massive Zuzug von Sinti und Roma aus Rumänien und Bulgarien. Seit Anfang 2014 gilt auch für Arbeitnehmer aus Rumänien und Bulgarien ein freier Zugang zum Arbeitsmarkt, daher wird mit einem weiteren massiven Zuzug gerechnet. Das Besondere an dieser neuen Zuwanderungswelle ist der hohe Anteil an Analphabeten und Menschen, die für den Arbeitsmarkt nicht qualifiziert sind.

Die waldorfpädagogische Initiative »Bunte Schule Dortmund« versucht im Herzen der Nordstadt, den Kindern der neuen wie auch der schon länger etablierten Zuwanderer Unterstützung auf kognitiver, künstlerischer, handwerklicher und spielerischer Ebene zu geben. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter bieten an einem Tag in der Woche einen künstlerisch gestalteten Kindertreff und an drei Tagen eine Hausaufgabenhilfe an. Da in den Elternhäusern die deutsche Sprache oft gar nicht beherrscht wird und die Kinder selber große Defizite in der deutschen Sprache haben, ist dies eine notwendige Hilfestellung für eine erfolgreiche Schullaufbahn.

Spielen nach Regeln verbindet

Dienstags nach der Hausaufgabenhilfe gehen Kinder und Betreuer gemeinsam zum nahegelegenen Spielplatz. Dort wird erst einmal sauber gemacht und leere Bierflaschen, Zigarettenkippen und Unrat aufgelesen. Aus dem Container der Bunten Schule werden Eimer, Bälle, Reifen, Springseile und Murmeln geholt. Schnell gesellen sich zum gemeinsamen Spiel weitere Kinder dazu und machen begeistert mit. An manchen Tagen sind fünfzig und mehr Kinder dabei. Die Mütter setzen sich mit den Kleinkindern an den Rand, plaudern miteinander und manchmal binden sie einen Pullover zum Ball und machen es den Kindern nach. Schnell verschwinden die sprachlichen und kulturellen Barrieren, vieles geht mit einem Lächeln und einer netten Geste. Dass die (Spiel-)Regeln erst den sicheren Rahmen dafür schaffen, ist nur eine der neuen Erfahrungen, die die Kinder hier machen. Mittwochs nach der Hausaufgabenhilfe waschen die Kinder, die ihre Hausaufgaben schon fertig haben, die Malbretter von der Vorwoche ab, füllen die Wassergläser auf, bereiten die Tische vor und warten ungeduldig und mit leuchtenden Augen auf die gelben, blauen und roten Farbtöpfchen. Es ist mucksmäuschenstill, die Kinder lassen sich vom Lauf der Farben mitnehmen. Die Anspannung von Schule, Hausaufgaben, enger und lauter Wohnung fällt von ihnen ab.

Ein Garten für alle

Der »Bunte Garten Nord« entstand Anfang des Jahres 2013 an der Düppelstraße mitten im sozialen Brennpunkt: Drogenkonsum, Prostitution und Hehlerei gehören hier zum Alltag auf der Straße. Der »Bunte Garten Nord« ist ein niedrigschwelliges Angebot an Kinder aller Nationalitäten im Quartier. Jeden Dienstag und Donnerstag wird im Anschluss an die Hausaufgabenhilfe gemeinsam im Garten gearbeitet. Auf einer frei zugänglichen Brachfläche am Rande des Spielplatzes wurden Mutterboden angedeckt und Hochbeete angelegt. Der Boden wurde von den Kindern verteilt, geharkt, es wurden Blumen und Gemüse gesät und gepflanzt. Die Kinder gießen die Pflanzen längst auch an den Tagen, an denen dort kein gemeinsames betreutes Arbeiten stattfindet, es ist für sie ein Ort, den es zu schützen gilt. Inzwischen konnten sie mitten im sozialen Brennpunkt ihr angebautes Gemüse selber ernten. Entgegen vieler Sorgen wurde der »Bunte Garten« bisher weder mutwillig verschmutzt noch zerstört, sondern blüht und gedeiht. Bei der gemeinsamen Arbeit im Garten erleben die Kinder einen achtsamen Umgang mit Pflanzen, Regenwürmern, Ameisen, Käfern und dem Wasser. Wegen der unterschiedlichen Herkunft ist eine Verständigung über eine gemeinsame Sprache meist gar nicht möglich. Doch das begeisterte gemeinsame Tun überwindet alle Sprachbarrieren. Ein Ort ist entstanden, an dem alle sich auf Augenhöhe begegnen und er­leben, dass das Sprechen unterschiedlicher Sprachen kein Hindernis für eine lebendige Gemeinschaft ist und Deutsch am besten beim gemeinsamen Arbeiten gelernt wird.

Auch Migranten grenzen sich ab

Die praktische Arbeit mit den Kindern im Quartier hat gezeigt, dass die Situation noch weit herausfordernder ist als erwartet! Das Spektrum der Sprachen und Sprachbarrieren ist wesentlich größer als öffentlich wahrgenommen, allein die neu hinzugezogenen Sinti und Roma kommen nicht nur aus Rumänien und Bulgarien, sondern auch aus Spanien und Frankreich, dazu kommen Bewohner mit türkischer, russischer, polnischer, arabischer und tamilischer Muttersprache. Schon die Kinder mit Migrationshintergrund bilden keine homogene Gruppe, sondern grenzen sich untereinander ab, neben der Sprachbarriere herrschen kulturelle Prägungen, die die Abwertung anderer mit sich bringen können. Der Prozess, das Vertrauen von Kindern und Eltern zu gewinnen, dauert und erfordert hohe soziale, sprachliche und interkulturelle Kompetenzen. Haben die bulgarischen und rumänischen Kinder nun endlich zu uns Vertrauen gefasst und nutzen die Angebote, reagieren die »etablierten Migranten« darauf teilweise mit offener Ablehnung. Manche kommen nicht wieder. Sie wieder zurückzugewinnen, ist eine Aufgabe, der wir uns immer wieder zu stellen versuchen. Die Situation ist daher stets im Fluss. Die Kinder der Sinti und Roma gehen oftmals gar nicht in die Schule und benötigen deshalb besonders dringend eine Förderung. Hier ist ein waches Verhalten gefordert, das den Kindern aus allen Herkunftsländern mit hoher Empathie begegnet. Unsere Bemühungen bewegen sich dabei auf dem schmalen Grat zwischen vorurteilsfreiem Herangehen und klarem, aber freilassendem Einfordern von Respekt und Verständnis dem anderen gegenüber. Manchmal erleben wir, wie bei den Kindern Barrieren verschwinden, Brücken sichtbar werden und sie sich gegenseitig beim Erlernen der deutschen Sprache helfen.

Zur Autorin: Guida de Freitas ist Dipl. Sozialpädagogin und Waldorferzieherin, Kind portugiesischer Eltern und der Nordstadt.