Das Kind im Menschen. Der Realismus

Von Mario Betti, November 2016

Wer sich intensiv mit den Gesetzen des Lebenslaufs beschäftigt, wird Goethe sofort beipflichten, wenn er liest, was er zum Thema psychologische Beobachtungen einmal schrieb: »Jedem Alter des Menschen antwortet eine gewisse Philosophie«.

Goethe fuhr fort: »Das Kind erscheint als Realist; denn es findet sich so überzeugt von dem Dasein der Birnen und Äpfeln als von dem seinigen … Der Jüngling … wird zum Idealisten … Dagegen ein Skeptiker zu werden hat der Mann alle Ursache … Der Greis jedoch wird sich immer zum Mystizismus bekennen …« Der Mensch der Lebensmitte, welcher aufgrund schmerzlicher Erfahrungen den Jugendidealismus vielleicht endgültig in die Ecke geschoben hat, schaut gewiss voll Skepsis auf den weiteren Verlauf des Lebens. Er befindet sich in der gefühlten Mitte zwischen der »Mystik« des Gott ergebenen, beschaulichen, stark in Erinnerungen lebenden Greises und dem frischen Realismus des zukunftsorientierten Kindes, für das alles neu, alles spannend und alles wahr ist. Ja, seine Erfahrungen in der Welt der Sinne, um es etwas philosophischer auszudrücken, und das, was sich in ihm abspielt als Vorstellungen, Gefühle, Phantasien, Träume sind Teil eines Ganzen. Das Kind käme nie auf den Gedanken, dass seine inneren Bilder – wie ein zünftiger Materialist behaupten würde – keine echte Wirklichkeit sind. Es käme aber auch nicht dazu, sich vorzustellen – wie ein einseitiger Spiritualist –, dass der Welt um ihn herum keine volle Realität entspricht. Es hat ein »holistisches« Weltbild. To holon heißt ja im Griechischen das Ganze.

Alles in der Welt ist für das Kind wirklich und alles gehört zu ihm: die summende Biene, der singende Vogel und der hohe Baum. Erst im Laufe der Jahre trennt sich sein Erleben vom Ganzen, in dem es eingebettet ist, und spaltet sich in eine Welt draußen und eine Welt drinnen, die es später als Junge oder Mädchen sorgfältig vor dem Zugriff der Erwachsenen hütet. Es entsteht dann jener Dualismus, der in der Pubertät sensiblen Naturen tiefe Schmerzen verursachen kann.

Eine vorurteilslose Haltung der Welt gegenüber

Was hat dieses alles nun mit der Weltanschauung des Realismus zu tun?

Sehr viel, weil der Realismus tatsächlich eine bestimmte Verfassung unseres Bewusstseins erfordert, ähnlich der des Kindes in seiner offenen, vorurteilslosen Haltung Gott und der Welt gegenüber. Eine Einstellung, welche jedoch die ursprüngliche Naivität verlassen und den Skeptizismus des einseitig-kritischen Verstandes überwunden hat. Der Realismus ist eine Weltanschauung des Gleichgewichts – vergleichbar dem Herbst in seiner Mitte zwischen Sommer und Winter. »Sommerlich« könnte man beispielsweise die Weltanschauungen nennen, die mit der sonnenbeschienenen Sinnesfülle unserer Welt und ihrer Erforschung zu tun haben: Phänomenalismus, Sensualismus, Materialismus, Mathematismus und so weiter. Und »winterlich«, da sie ja vornehmlich im Innenraum der Seele ihr Licht entfachen, sind der Psychismus, der Pneumatismus, der Spiritualismus und die anderen – bis zum Realismus, der eine Waage-Stellung unter den verschiedenen Weltansichten einnimmt. Kosmologisch-spirituell gesehen haben diese zwölf Wahrheitsaspekte mit den Bildern des Tierkreises am Himmel zu tun: Phänomenalismus-Jungfrau, Sensualismus-Löwe, Materialismus-Krebs, Mathematismus-Zwillinge, Rationalismus-Stier, Idealis­mus-Widder, Psychismus-Fische, Pneumatismus-Wassermann, Spiritualismus-Steinbock, Mona- dismus-Schütze, Dynamismus-Skorpion und Realismus-Waage. Und es ist der Realismus, der uns nach und nach ermöglicht, erkenntnismäßig Zugang zum Ganzen von Welt und Mensch zu finden.

Philosophiegeschichtlich spricht man von Aristoteles als einem Realisten in Ergänzung zum Idealisten Platon, obwohl sich beide über die Realität der Ideenwelt einig sind. Nur ihre Blickrichtung, ihr Interesse sind anders fokussiert. Nicht umsonst zeigt Raffael in seiner »Schule von Athen« (Bild) Platon mit der Hand nach oben weisend und Aristoteles mit der nach vorne ausgestreckten Hand.

Aristoteles wird auch als ein »Holist« betrachtet, weil er mit seinen beiden Grundbegriffen »Idee« und »Stoff« eine zulängliche Erklärung der Welt als Ganzes gegeben hat. Nach ihm ist die konkrete Wirklichkeit vor uns eine Synthese dieser beiden Elemente. In der Rose vor mir sehe ich die schaffende Idee der Rose in der betreffenden Stofflichkeit wirkend und in der Eiche die Idee der Eiche. Und so weiter.

Man kann diese beiden Begriffe in gewissem Sinne auch auf die Welt des künstlerischen Schaffens anwenden: Ein Plastiker, um einen Kerzenleuchter aus dem ungeformten Ton zu gestalten, braucht eine Idee: die Idee des Kerzenleuchters, und einen Stoff, der gleichsam die Verwirklichung der Idee ermöglicht: den Ton in der Grube. Dann entsteht, aus der Verbindung von Idee und Stoff das gewünschte Objekt.

Es gibt nur eine Wirklichkeit

Das, was beispielsweise Spiritualismus und Materialismus trennt, wird im Realismus nach und nach aufgehoben: Beide Seiten gehören in Wirklichkeit zusammen. Geist/Idee und Materie/Stoff sind die Substanz, aus der die Welt besteht, und der Mensch vermag sie in ihrer Einheit deshalb zu erkennen, weil er selber aus Geist und Stoff besteht.

Das ist die Kernbotschaft des schwer fassbaren Realismus. Schwer fassbar, weil es schwer fällt, in unserer dualistisch geprägten Kultur der Subjekt-Objekt-Spaltung, der Diesseits-Jenseits-Trennung, von einer Wirklichkeit zu sprechen, die gleichermaßen Geist wie Materie umfasst.

Dennoch, wenn wir beispielsweise ein Naturerlebnis haben, bei dem wir mit allen Fasern unserer Seele mitschwingen, bei dem wir eine große Einheit von Mensch und Kosmos erleben, betreten wir bereits den Boden des Realismus. Mit ihm haben wir eine Weltansicht, die bereits in der Kindheit keimhaft veranlagt ist und welche darauf wartet, durch stete Gedankenarbeit als eine immer tiefere Erkenntnis dessen aufzublühen, »was die Welt im Innersten zusammenhält«.

Zum Autor: Mario Betti war Waldorflehrer, danach Dozent an der Alanus-Hochschule in Alfter und am Stuttgarter Lehrerseminar. Er ist Autor einiger Bücher, zum Beispiel: Platonismus-Aristotelismus und die Zukunft der Anthroposophie, Stuttgart 2003

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