Diskretion wird zu Meditationskraft

Von Ernst-Michael Kranich, Januar 2017

Ein deutscher Philosoph sagte einmal, das Kind lerne sprechen, im Lauf des Lebens lerne der Mensch aber das Schweigen. Gemeint ist die besonnene Kraft der Zurückhaltung.

Im gewöhnlichen Sprechen, das dem natürlichen Mit­teilungsdrang entspringt, wirkt manche allzu persönliche Seeleneigenschaft. Man redet, ohne es zu bemerken, mehr als man wirklich zu sagen hat.

Das Bedeutsame sind einzelne Perlen unter der Fülle des Beliebigen. Wenn man dies bemerkt, kann das eine Wende im Leben bewirken.

Schweigen ist nicht Verstummen. Mit dem Schweigen beginnt die Verantwortung für das, was man sagt. – Hier vollzieht sich eine Verwandlung, in der die Seelenkräfte, die bisher mit der Sprache verbunden waren, aus dem Sprechen herausgesondert werden. So kommt die Sprache in den Zusammenhang mit höheren Kräften. Es entsteht das Bewusstsein, dass man reif werden muss, um über eine Sache sprechen zu können. Man erlebt, dass es ein Sprechen gibt, das seine Worte aus innerer Hinwendung zu dem Wesenhaften nimmt. Das Aussprechen einer geistigen Wahrheit entspringt immer der Läuterung der Sprache und langem Schweigen. So wirkt im Schweigen eine doppelte Diskretion. Man bedenkt die Wirkungen dessen, was man anderen über Menschen und Lebenstatsachen mitteilt. Man weiß auch, dass man nicht unangemessen oder oberflächlich über etwas Bedeutsames Aussagen machen sollte. Beides widerspricht den Bedingungen einer inneren Entwicklung.

Was unreif ausgesprochen wird, kann eine Schwächung bedeuten. Was sich in der Abgeschiedenheit des inneren Lebens entwickeln, klären und vertiefen sollte, wird zu früh nach außen getragen. Dies unterbricht das Reifen in den verborgenen Regionen des inneren Menschen; bisweilen erstirbt es sogar in der Veräußerlichung des Redens. Hier gilt, was Rudolf Steiner über den Erkenntnissucher schreibt: »Geräuschlos und unvermerkt von der äußeren Welt vollzieht sich das Betreten des ›Erkenntnispfades‹ … Die Verwandlung geht lediglich mit der inneren Seite der Seele vor sich … « (Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, 1. Kapitel). Was er hier an Verwandlung zu erringen strebt, geht zunächst nur ihn und seine Beziehung zu den verborgenen Dimensionen der Welt an. Hier darf sich nichts an selbstsüchtigen Kräften einmischen, auch wenn sie noch so subtil sind, wie im Aussprechen des persönlich Erlebten.

In der mantrischen Meditation erübt der Mensch im Laufe von Monaten und Jahren ein inneres Sprechen. In der frühen Kindheit hat er im Sprechenlernen in den Organen seines noch zarten Leibes – im Gehirn, den späteren Artikulationsorganen und in der Lunge – die äußere Sprachorganisation gebildet. Sprache hatte hier eine schöpferisch wirkende Kraft. Beim äußeren Sprechen wirkt diese Kraft dann weitgehend unbewusst in den physischen Organen.

Im inneren Sprechen werden sie in der Hingabe des Meditierenden an die spirituelle Kraft des Mantrams aus den Organen herausgelöst. Sie leben dann als übersinnliche Kräfte in der Meditation auf. In ihnen erwacht der innere Mensch, das wahre Selbst, und vernimmt allmählich die innere Sprache, das verborgene Wort, in den Wesen der Welt. Dieser Weg hat seinen Beginn im Zurückhalten des Sprechens und in der Verantwortung gegenüber der Wahrheit, das heißt dort, wo der Mensch die Diskretion übt.

Aus der Diskretion gewinnt der Mensch die Kraft, die er in der Meditation betätigt.

Anmerkung: Der Beitrag entstammt J.-C. Lin (Hrsg.): Die Monatstugenden, Stuttgart 2016

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