Großmut wird zu Liebe

Von Klaus Dumke, Februar 2017

Großmut ist auf den ersten Blick weniger eine Tugend, eher ein konstitutionelles Format. Nur ein Mensch, der seinem Leib gegenüber souverän ist, kann sich als großmütig erweisen.

Foto: © Pluriversum/photocase.de

Ein solcher Mensch hat nicht nur eine »große Seele«, sondern diese Seele überragt den Leib. Ein solches souveränes Verhältnis zum Leib bestimmt bei großmütig veranlagten Menschen jedoch auch das Verhältnis zu den äußeren Umständen und den Mitmenschen. Wenn Großmut bei Platon eine charakteristische Eigenschaft des Philosophen ist, die ihn zum politischen Herrscher qualifiziert, so tritt sie hier als die Verfassung dessen auf, der nicht nur die kleinen Dinge und Vorgänge des Alltags beherrscht, sondern der als Weiser den großen Blick auf das Ganze hat.

Auch die Liebe hat konstitutionelle Voraussetzungen. Auch sie wirkt leibtranszendierend. Wer auf den Wegen der Liebe, die in ihren Dimensionen unendlich sind, im Leibe steckenbleibt, vermag nicht zu lieben. Der Leib ist es, der begehrt, er möchte das »andere« an sich ziehen, es verzehren und genießen. Auf den Wegen, auf denen die Seele begehrend den Leib verlässt, sich der Welt, den Mitmenschen fühlend und wollend zuwendet, gibt es unendlich viele Stufen und Grade der Leibtranszendenz, des Verzichts, der Hingabe. In ihnen allen mischen sich Begehren und Liebe.

Mit Großmut tritt der Mensch in den Leib ein und beherrscht ihn durch die geistig-seelische Macht. Durch Liebe dagegen verlässt er den Leib, um sich mit der Welt zu vereinigen. Und diese Welt ist immer konkret: Diese Situation, diese Aufgabe, dieser Mitmensch fordern meine Liebe heraus.

Doch – die Wandlung von Großmut zu Liebe ist ein Mysterium. Großmut wandelt sich in Liebe, indem sie durch die Demut geht. Verständlich wird dieser Gang von der Großmut durch die Demut zur Liebe – das größte aller Mysterien – im Blick auf Christi Passion, Kreuzestod und Auferstehung. In ihnen wird dieses Mysterium, das bis dahin im Verborgenen wirkte, sichtbar, für Augen anschaubar.

Die Liebe Christi ist die Liebe, der kein Begehren beigemischt ist.

Im Anschauen des sichtbar gewordenen Mysteriums beginnt der Weg des Menschen, seine Großmut in Liebe zu wandeln – im Durchgang durch Demut und Schicksal. Was, aus Großmut geboren, durch Ohnmacht und Erniedrigung ging, bildet die Ausstrahlungskraft des Ich, das seine Substanz der Welt in Liebe gibt. Nachchristlich sind Großmut und Liebe nicht mehr zu trennen.

Anmerkung: Text gekürzt aus Die 12 Monatstugenden, hrsg. von J.-C. Lin, Stuttgart 1999

Kommentare

Für diesen Artikel wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar hinzufügen


* Diese Felder müssen ausgefüllt werden.