Höflichkeit wird zu Herzenstakt

Von Jean-Claude Lin, Juni 2017

Es ist erstaunlich, ja zuweilen erschütternd, welch weitreichende Folgen eine unscheinbare, alltägliche Handlung manchmal haben kann.

Foto:© MMchen / photocase.de

Nicht weit von Danzig entfernt lebte ein wohlhabender Rabbi, Nachfahre einer berühmten Dynastie von Chassidim. Bekleidet mit einem schwarzen Maßanzug, einen Zylinder auf dem Kopf, ein silbernes Spazierstöckchen in der Hand, pflegte der Rabbi seinen täglichen Morgenspaziergang zu unternehmen, begleitet von seinem hochgewachsenen, gutaussehenden Schwiegersohn.

Während seines morgendlichen Bummels grüßte der Rabbi alle Männer, Frauen und Kinder, die ihm unterwegs begegneten, mit einem warmen Lächeln und einem herzlichen »Guten Morgen!« Im Lauf der Jahre machte der Rabbi auf diese Weise mit vielen seiner Landsleute Bekanntschaft. Er grüßte sie immer mit ihren ordnungsgemäßen Titeln und Namen.

Am Stadtrand in den Feldern tauschte er den Morgengruß mit Herrn Müller, einem polnischen Volksdeutschen. »Guten Morgen, Herr Müller!«, beeilte sich der Rabbi, den Mann zu begrüßen, der auf dem Feld arbeitete. »Guten Morgen, Herr Rabbiner!«, erwiderte dann dieser mit einem gutmütigen Lächeln.

Dann brach der Krieg aus. Die Spaziergänge des Rabbi fanden ein jähes Ende. Herr Müller legte eine SS-Uniform an und verschwand aus den Feldern. Das Schicksal des Rabbi war das vieler polnischer Juden. Er verlor seine Familie in den Todeslagern von Treblinka und wurde nach langem Leidensweg nach Auschwitz deportiert.

Eines Tages, während einer Selektion in Auschwitz, stand der Rabbi in einer Reihe mit Hunderten anderer Juden, den Augenblick erwartend, da ihr Schicksal besiegelt werden würde, zum Leben oder zum Tode. In der gestreiften Lageruniform, Haare und Bart geschoren, die Augen fiebernd vor Hunger und Krankheit, sah der Rabbi aus wie ein wandelndes Skelett. »Rechts! links, links, links!«, näherte sich die Stimme. Plötzlich fühlte der Rabbi das dringende Bedürfnis, das Gesicht des Mannes mit den schneeweißen Handschuhen, dem Stöckchen und der stählernen Stimme zu sehen, der da Herrgott spielte und über Leben und Tod entschied. Er hob seine Augen und hörte sich sagen: »Guten Morgen, Herr Müller!« »Guten Morgen, Herr Rabbiner!«, erklang eine menschliche Stimme unter der mit dem Totenkopf verzierten SS-Mütze. »Was machen Sie denn hier?« Ein mattes Lächeln huschte über das Gesicht des Rabbi. Da wies der kleine Stock nach rechts – zum Leben.

Am nächsten Tag wurde der Rabbi in ein anderes Lager verlegt. Der Rabbi, heute in den Achtzigern, erklärte mir mit seiner sanften Stimme: »Dies ist die Macht eines Guten-Morgen-Grußes. Der Mensch soll immer seinen Mitmenschen grüßen.«

(Aus: Träume vom Überleben. Chassidische Geschichten aus dem 20. Jahrhundert von Yaffa Eliach, Herder Spektrum 1997)

Auf seinen Morgenspaziergängen grüßt der Rabbi alle Menschen, denen er begegnet, zunächst nur mit einem »Guten Morgen!«, aber dann, so sie ihm nach und nach bekannt werden, in aller Form mit »Titeln und Namen«. Er ist ohne Zweifel ein höflicher Mensch, aber man spürt gleich: Er ist es mit Neigung.

Die Höflichkeit, die er ausübt, strahlt Freude aus, Freude an der Achtung vor dem Anderen. Durch die Ereignisse, die den Rabbi nach Auschwitz führen, ist die Freude dem lebendigen Tod gewichen, der Rabbi hört sich – der er einmal war – sagen: »Guten Morgen, Herr Müller!« Wie eine zweite Natur ist ihm die geübte Herzenshöflichkeit geblieben, und für einen Moment erlangt auch derjenige, der früher auf dem Feld arbeitete, seine menschliche Würde wieder: »Was machen Sie denn hier?«, ist die absurde, hilflose, unreflektierte Frage des an seiner »Unschuld« wieder erwachenden Herrn Müller.

In die konventionellen Formen der Höflichkeit wachsen wir hinein. Sie können uns sehr wohl nur äußerlich berühren. Ihre gedankenlose Beherrschung entkräftet sie. Die leeren, steifen Formen einer Gesellschaft provozieren mit der Zeit ihre Missachtung.

Aber da, wo der freie Mensch sie bewusst ergreift, weil er die Gemeinschaft, in der bestimmte Umgangsformen gepflegt werden, achtet, weil er auf die Ursprungsgesten hinter einer Höflichkeitsform blicken kann und sie neu hervorbringt, da schafft er an seiner höheren, zweiten Natur. Das Herz vermittelt zwischen oben und unten, zwischen den Intuitionen des Geistes und den Gegebenheiten des Leibes und allem Gewordenen, Konventionellen im Gesellschaftsleben des Menschen. Im Herzenstakt lebt die aus freier Einsicht und freiem Willen neu bestimmte Achtung vor dem Anderen: die Höflichkeit.

Daher wird der als freier Geist sich entwickelnde Mensch immer mehr bei sich herbeiführen wollen, was die kleinen, alltäglichen Handlungen des Lebens anderen gegenüber so bemerkenswert, ja zuweilen beglückend macht: die Höflichkeit, die zu Herzenstakt wird.

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