Inneres Gleichgewicht wird zu Fortschritt

Von Nana Göbel, März 2017

Das gewöhnliche Leben ist ein Leben in Gegensätzen.

Foto: © .marqs/photocase.de

Wir wachen am Morgen auf und sind fortan den Tag über – eigeninitiativ oder von außen angeregt – aktiv im Gebrauch der Organe, die uns für Sinneswahrnehmung und Denken zur Verfügung stehen und uns so Welterfahrung ermöglichen. Wir gebrauchen unseren Willen, im Versuch, in der Welt unseren individuellen Beitrag zu leisten. Wir erleben in unserem Gemüt die seelischen Bewegungen unserer Mitmenschen und sind empfindend an der von uns vorgefundenen Welt der Natur und der Menschen beteiligt. Dies geschieht während des Tages. Dann schlafen wir irgendwann ein und wissen nichts mehr von uns. Diesen Gegensatz von Tag und Nacht, das Wunder unseres Überlebens, durchlaufen wir siebenmal in einer Woche.

Größer als dieser Gegensatz ist derjenige zwischen Geburt und Tod, kleiner derjenige, der sich im Blick auf das empfindende Miterleben der Welt, im Wechsel zwischen Sympathie und Antipathie zeigt. Das atmende Leben in Gegensätzen – leiblich wie seelisch und geistig – macht unser gewöhnliches Alltagsleben aus, macht es interessant und gibt ihm die nötige Lebenskraft. Die Suche nach Gleichgewicht löscht die Gegensätze nicht aus. – Würde sie das tun, wäre der Tod die Folge. Mit der Suche nach Gleichgewicht tritt aber etwas ein, was zunächst als ein Sich-Erheben über den Gegensatz erscheinen könnte, auch wenn es das nicht ist.

Diesen Vorgang nur als ein Pendeln zu beschreiben, wäre zu einfach. Es bricht etwas auf und wir entdecken eine Instanz im Menschen selbst, die vom Leben im Gegensatz nicht berührt ist und die eines sich einstellenden oder erübten Gleichgewichtes nicht bedarf: das Ich, die Individualität, die nicht geteilt werden kann. Individualität ist nicht Gegensatz, es ist das Einzige im Menschen, das nicht im Gegensatz lebt. Die Individualität ist gleichzeitig die Instanz, die an den Gegensätzen, welche in der eigenen Seele erscheinen oder auf dem Boden der eigenen Seele ausgetragen werden, aus sich heraus arbeiten kann. Aus dem Ich schaffen heißt: Gleichgewicht herstellen, ein Gleichgewicht, das in der Kenntnis der Gegensätze in der eigenen Seele und aus dem Vermögen entsteht, diese bewusst zu ergreifen und mit ihnen gerade dort umzugehen, wo sie heilsam und in einem Sinnzusammenhang wirkend eingesetzt werden können. Ein so erübtes Gleichgewicht wird niemals bleibend oder zuständlich; es ist ein labiles Erreichnis, das von der Anwesenheit dieser Ich-Kraft, aus der es entsteht, abhängig ist.

Für die Individualität des Menschen stellt sich Fortschritt, jenes Fortschreiten, das echte Entwicklung eröffnet, dann ein, wenn Gleichgewicht aus der Kraft des Ich den inneren Seelenraum schafft, in dem Entwicklung erst möglich ist. Es ist die innere Ruhe, aus der sich Neues gebiert.

So wird selbsterübte seelische und geistige Entwicklung zum Fortschritt, der auf dem Gleichgewicht aufbaut.

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