Mitleid wird zu Freiheit

Von Jean-Claude Lin, Mai 2017

Mitleid ruft unterschiedliche Urteile hervor. Schopenhauer gilt es als »Quelle aller und jeder ehemaligen und zukünftigen moralischen Handlung«, Nietzsche als »verächtlich und einer starken, furchtbaren Seele unwürdig«.

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Und Lessing pries: »Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch.« Aber: »Wer einmal, versuchsweise, den Anlässen zum Mitleiden im praktischen Leben eine Zeitlang absichtlich nachgeht und sich alles Elend, dessen er in seiner Umgebung habhaft werden kann, immer vor die Seele stellt«, gibt Nietzsche unerbittlich zu denken, »wird unvermeidlich krank und melancholisch.«

Eine alte russische Erzählung kann uns tiefer in die Sphäre des Mitleids Einblick gewähren als dies eine diskursive Er­örterung vermöchte. Da wird von einem blinden, verkrüppelten, ganz und gar auf die Pflege der Angehörigen angewiesenen Jungen Ilja erzählt. Eines Tages, als wieder die Erntezeit gekommen war, zog alles aufs Feld hinaus. Wie immer versorgte die Mutter den leidenden Sohn, gab ihm zu essen und zu trinken; dann eilte auch sie zur Arbeit.

Ilja lag ganz friedlich da. Nach einiger Zeit schien es ihm, als ob er vom Hof her Schritte hörte. Die Tür wurde aufgemacht, und jemand trat ein, mühsam nach Atem ringend, und blieb einen Augenblick stehen. Dann schleppten sich die Schritte an Iljas Bett heran.

Ilja fragte: »Gott zum Gruß, wer bist du?«

»Gottes Dank«, erwiderte eine tiefe, aber leise Stimme, »ich bin ein müder Wanderer.«

»Sei willkommen, Wanderer«, sagte Ilja. »Es ist mir leid, dass ich nichts für dich tun kann; aber ich kann gar nicht aufstehen. Raste immerhin ein wenig!«

Der Fremde sprach mit zitternder Stimme: »Ich kann jetzt nicht rasten. Der Morgen ist kühl, und ich bin schlecht bekleidet. Mich fröstelt. Wärme mich, Ilja!«

Der Jüngling fühlte Erbarmen: »Nimm die Decke von meinem Bett«, sagte er freundlich, »und hülle dich ein!« – »Ich darf sie nicht nehmen, Ilja, du musst sie mir geben«. – »Aber ich kann ja die Arme kaum heben!«, sagte Ilja.

»Wenn du mir die Decke gibst, wirst du sie heben können. Tu’s nur immer!«

Ungläubig machte Ilja eine schwache Bewegung. Doch siehe, er spürte ein wenig Kraft in Armen und Händen. Er konnte die Decke heraufziehen und dem Fremden reichen, der nach ihr griff. Dann schienen die Arme Iljas ganz erlahmt zu sein und sanken herab.

Da ertönte wieder die Stimme: »Ich bin so hungrig, Ilja. Willst du mir nicht etwas zu essen geben?« – »Ich kann ja nicht aus dem Bett heraus, guter Fremder. Aber in der Ecke steht ein Schrank, dort hat die Mutter immer etwas Brot bereit. Geh nur, und nimm dir davon!« – »Ich darf mir nicht selber Brot nehmen, du musst es mir reichen, Ilja!« – »Ach, ich habe mein Bett doch noch niemals verlassen«, seufzte der Jüngling. – »Verlass es nur jetzt«, sagte der Fremde. »Deine Beine werden dich tragen, wenn du mir Brot holst.«

Wieder gehorchte Ilja, und unter unsäglicher Mühe tastete er sich zum Bett heraus und kroch zum Schrank, den er lange nicht öffnen konnte. Aber es wurde ihm doch so viel Kraft gegeben, dass er das Brot langen und es dem Fremden reichen konnte. Dann schienen ihm fast die Sinne zu schwinden, und er sank auf sein Bett zurück.

»Gottes Dank«, sagte der Fremde wieder. Er aß bedächtig, und abermals wurde es still.

Ein drittes Mal wandte sich der Unbekannte an den Jüngling.

»Ich habe Durst, Ilja. Willst du mir nicht zu trinken geben?« – »Frisches Wasser ist nur draußen im Brunnen auf dem Hof, dort, wohin ich niemals gelangen kann. Sei doch so gut, lieber Gast, geh selbst hin und schöpf’ dir welches!« »Ich darf mir nicht selber Wasser schöpfen, du musst es mir bringen, Ilja!«

Jetzt wurde der Jüngling ganz traurig. »O, ich kann ja nicht einmal sehen, wo der Brunnen ist!«, rief er. »Meine Augen sind blind«. – »Gott wird dich leiten, wenn du Wasser suchst. Du wirst es finden.«

Noch einmal verließ Ilja sein Bett. Mit zitternden Händen ertastete er ein Gefäß, machte mit aller Anstrengung die Tür auf – er war wie betäubt von der frischen Luft, und doch schien es ihm selig, sie zu atmen. Und wirklich, es gelang ihm, den Brunnen zu finden und das Wasser zu schöpfen.

Dann schleppte er sich wieder langsam zu seinem Gast zurück. Seine Hand konnte das schwere Gefäß schier nicht mehr halten, und sein Hemd war feucht vor lauter Anstrengung.

»Gottes Dank!«, sagte der Gast, nahm das Gefäß entgegen und trank. Er hatte den Jüngling an der Hand gefasst. »Nun trink auch, Ilja«, sprach er, und seine Stimme klang plötzlich hell wie Erz.

Ilja trank. Und siehe, da knackte und krachte es in allen seinen Gliedern, sie reckten und streckten sich, und eine gewaltige Kraft fuhr in sie hinein. Er hatte aber gar nicht Zeit, darüber nachzudenken, denn der Fremde spritzte ihm jetzt von dem Wasser über beide Augen. Es war zugleich wie ein Blitz und wie ein Sonnenaufgang. Als aber Ilja seine sehend gewordenen Augen auftat, war der Fremde verschwunden. –

Ilja ist anfangs blind und ganz auf das Hören angewiesen. Durch sein feines Ohr hört er den himmlischen Wanderer. In dessen insistierender Stimme erklingt die höhere, hellere Kraft des Denkens.

Das Mitleid fühlende Herz verbindet sich hellhörend mit dem Himmelsgesandten und macht ihn frei. Da wird uns ein Weg angedeutet: Mitleid wird zu Freiheit.

Literatur: Jean-Claude Lin (Hrsg.), Die Tugenden im Jahreslauf. Wandlungskräfte der Seele, Stuttgart 2005

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