Pfad am Abgrund

Von Lorenzo Ravagli, September 2011

Ein ganzes Jahrzehnt (1902–1912) war Rudolf Steiner der führende Kopf der theosophischen Bewegung in Deutschland. Für manche ist die Wendung zur Theosophie bis heute ein Rätsel. Für Steiner selbst war sie konsequent.

Rudolf Steiner – Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft? Das erscheint auf den ersten Blick absurd. Hatte doch dieser individualistische Anarchist 1897 noch über die Theosophen geschrieben: »Sie sehen mit Achselzucken auf die ganze europäische Wissenschaft … und verehren die morgenländische Art des Wahrheitssuchens als die einzige … Es ist billig, Phrasen aus einer immerhin tiefsinnigen Literatur aufzunehmen und mit ihnen die ganze abendländische Erkenntnisarbeit wertlos zu erklären. Welche Tiefe, welche Innerlichkeit in der angeblich dem oberflächlichen Verstande … angehörigen Wissenschaft des Abendlandes steckt, davon haben die Theosophen keine Ahnung.« Steiner, der in seiner »Philosophie der Freiheit« geschrieben hatte: »Die Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen; die Gesellschaft ein gesetzmäßig handelndes; ein freies Wesen kann er nur selbst aus sich machen«, – er sollte nun Funktionär einer Gesellschaft werden, die die ganze europäische Wissenschaft verachtete?

Aber Steiner schrieb 1902 auch an einen führenden Theosophen, die Theosophische Gesellschaft sei nichts mehr als ein »Rahmen«, in den ein »völlig neues Bild« eingesetzt werden und die über die Gründerpersönlichkeiten Blavatsky und Besant »hinausschreiten« müsse. Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz vorstellen, als den auf die abendländische Wissenschaft eingeschworenen Philosophen Steiner und die orientalisierende, mystelnde Bruderschaft, deren Leitung er in Deutschland übernahm.

Natürlich gibt es – wie immer – eine andere Seite. Diese andere Seite sollte man berücksichtigen, bevor man Steiner wie zum Beispiel Helmut Zander dies tut, Charakterlosigkeit oder Schlimmeres vorwirft. Denn sein Verständnis der abend­ländischen Wissenschaft unterschied sich doch sehr vom damals herrschenden. Immer schon hatte er betont, dieses abendländische Wissenschaftsverständnis sei er­weiterungsbedürftig. Der willkürlich auf die Sinneswahrnehmung eingeschränkte Begriff der Erfahrung bedürfe eben einer Revision, wie der objektivistische Begriff der Erkenntnis, der Wirklichkeit unter Ausschluss des erkennenden Subjektes definiere. Schließlich müsse die Verab­- solutierung mechanistischer und positivistischer Positionen über­wunden werden, damit die Wirklichkeit des Lebendigen, des See­lischen und Geistigen erkannt werden könne.

Und um diese Wirklichkeit ging es in der »Theosophie«. In den Prinzipien der Theosophischen Gesellschaft war von der Entwicklung schlummernder Erkenntniskräfte des Menschen die Rede und von der Erforschung verborgener Kräfte der Natur. In ihnen war auch die Rede von einer Erweiterung des abendländischen Horizontes, einer gerechteren Würdigung des Beitrages, den die nichteuropäischen Völker zur geistigen und kulturellen Entwicklung der Menschheit geleistet hatten. Und bei näherem Hinsehen: Ging es Blavatsky in ihrer »Entschleierten Isis« nicht gerade darum, nachzuweisen, dass eine Erkenntnis der verborgenen Kräfte der Natur mit dem modernen Wissenschaftsverständnis vereinbar sei? Ging es nicht um die Erweiterung des Wissenschaftsbegriffs? Insoweit stand Blavatsky mit ihrer Theo­- sophischen Gesellschaft in der Tradition der abendlän­dischen Esoterik, die seit der Renaissance auf diese Erweiterung der Wissenschaft und der Wirklichkeitsauf­fassung gepocht hatte. Auch Steiner stand mit seinem Anliegen an die Wissenschaften in der Tradition der Esoterik, selbst bevor er sich einer genuin esoterischen Strömung auch äußerlich zuwandte.

Aber hätte Steiner sein Anliegen nicht auch im Rahmen der akademischen Wissenschaften vorbringen können? Warum musste er sich den Theosophen zuwenden? Nun, er hatte es versucht. Er hatte es seit seinem 23. Lebensjahr versucht, seit der Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes. Er hatte es mit »Wahrheit und Wissenschaft« und seinen anderen philosophischen Werken versucht, aber die traurige Wahrheit war: Niemanden interessierte es. Daher seine Frage: »Muss man verstummen«? Die Theosophen waren eine Gemeinschaft von Menschen, die hören wollten. Sie empfanden die Grenzen und Mängel der »abendlän­dischen Wissenschaft«, deswegen wandten sie sich ja auch der morgenländischen Weisheit zu: Sie fanden in ihr etwas, was aus der abendländischen Weisheit, auch aus der Verkündigung der Offenbarungsreligionen, verschwunden war. Ein beiderseitiges Bedürfnis traf also zusammen: ein Bedürfnis zu hören und ein Bedürfnis zu sprechen. Diese schlichte Tatsache machte Steiner in seinem 42. Lebensjahr zum Generalsekretär der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland.

Aber nun musste Steiner ausgerechnet diesen Theosophen die Achtung vor der abendländischen Erkenntnisarbeit beibringen. Und hier verfuhr er genau nach jenen Grundsätzen, die er in der »Philosophie der Freiheit« erörtert hatte: »Die moralische Phantasie muß, um ihre Vorstellung zu verwirklichen, in ein bestimmtes Gebiet von Wahrnehmungen eingreifen. Die Handlung des Menschen schafft keine Wahrnehmungen, sondern prägt die Wahrnehmungen, die bereits vorhanden sind, um, erteilt ihnen eine neue Gestalt. Um ein bestimmtes Wahrnehmungsobjekt oder eine Summe von solchen, einer moralischen Vorstellung gemäß, umbilden zu können, muß man den gesetzmäßigen Inhalt (die bisherige Wirkungsweise, die man neu gestalten oder der man eine neue Richtung geben will) dieses Wahrnehmungs­bildes begriffen haben. Man muß ferner den Modus finden, nach dem sich diese Gesetzmäßigkeit in eine neue verwandeln läßt. Dieser Teil der moralischen Wirksamkeit beruht auf Kenntnis der Erscheinungswelt, mit der man es zu tun hat ...« das heißt, auf »moralischer Technik«. »Die Theo­sophen« waren nun das Gebiet der Wahrnehmungen, das Steiner umgestalten wollte. Sollte ihm dies gelingen, bedurfte er einer ausreichenden Kenntnis des gesetzmäßigen Inhaltes dieses Wahrnehmungsgebietes, seiner bisherigen Wirkungsweise – mit anderen Worten – er musste Theosoph werden, durch und durch, um die Theosophen über Blavatsky und Besant hinauszuführen. Das war ein Pfad am Abgrund. Andere wären gestürzt. Steiner führte in das Land jenseits des Abgrunds.

Der Autor betreibt einen Blog zur Esoterikforschung


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