Selbstlosigkeit wird zu Katharsis

Von Lorenzo Ravagli, April 2017

Der Mensch hat sich auf dem Weg zur Entfaltung seiner Persönlichkeit von seinem ursprünglichen Sein entfernt. Von einem an die Welt hingegebenen Bewusstsein ohne Abgrenzung ging er aus, erwachte zu sich selbst und verlor damit die Einheit des Anfangs.

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Inzwischen ist das Selbstbewusstsein so dominant geworden, dass nur meditative Tiefenschürfung jenen Bewusstseinszustand freilegen kann, der ihn wieder mit dem Kosmos und der kreatürlichen Welt verbindet.

John Steinbeck beschreibt die Kosten der übersteigerten Abgrenzung. Menschliche Eigenschaften wie Güte, Großzügigkeit, Offenheit, Ehrlichkeit, Verständnis und Empathie gelten in unserer Gesellschaft als Symptome des Versagens. Negativ besetzte Charakterzüge wie Gerissenheit, Geltungsbedürfnis, Gewinnsucht und Egoismus hingegen als Merkmale des Erfolgs. Gleichzeitig lobt man die ersteren, begehrt aber auch die Erträge der letzteren. Was zeigt sich an diesem Widerspruch?

Positiv besetzte Eigenschaften wie Güte, Großzügigkeit, Offenheit, Ehrlichkeit, Verständnis und Empathie erzeugen Bewunderung. Aber Bewunderung allein reicht nicht, sie müssten aktiv angestrebt werden. Das fällt schwer, weil solche Eigenschaften sich erst nach und nach im Inneren zeigen und im äußeren Leben wenig einbringen. Egoistische Fähigkeiten wie Gerissenheit, Geltungsbedürfnis, Gewinnsucht hingegen, führen zu einem unmittelbar greifbaren Ertrag. Aber dieser Ertrag ist oberflächlich und flüchtig. Wirkliche Befriedigung verschafft er nicht, sondern erzeugt eine innere Leere, die eine Sucht nach mehr Ertrag zur Folge hat. In den Abgrund dieser Leere werden selbst positive Qualitäten der Seele wie Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung hineingezogen und nehmen eine von Egoismus bestimmte Form an. Selbstbestimmung wird zu einer hohlen Formel, die innere Unfreiheit kaschiert. Selbstverwirklichung wird als Macht über andere und Lustgewinn missverstanden. »Wer sein eigen Selbst nicht zu bemeistern weiß, bemeistert gar zu gern des andern Selbst«, heißt es im Faust.

In dieser sich steigernden Selbstbezogenheit wird das Gegenbild der Selbstlosigkeit erlebbar. Der Mensch empfindet zwar Sehnsucht danach, er selbst zu sein; er verwechselt aber dieses Selbst mit etwas, das sich seiner bemächtigt. Die Mächte, die das menschliche Selbst überwältigen, müssen entmachtet werden. Das fühlt sich wie Ohnmacht an, führt aber in Wahrheit zur wahren Selbstverwirklichung durch Selbstlosigkeit.

Sich in Selbstlosigkeit zu üben, bedarf des Mutes zur Leere. Nicht die Begierde, die sich mir aufdrängt, soll mich erfüllen, sondern ihre Abwesenheit. Nicht Gerissenheit, Geltungsbedürfnis und Gewinnsucht, durch die ich mich auf Kosten anderer erhöhe, vielmehr muss ich mich um anderer willen erniedrigen, wenn ich selbstlos sein will. Güte, Großzügigkeit, Offenheit, Ehrlichkeit setzen den Verzicht auf Erniedrigung anderer voraus: Durch Güte und Großzügigkeit lerne ich geben und schenken – das Gegenteil von Besitzgier, durch Offenheit überwinde ich Vorurteile, durch die ich mich in mir selbst abschließe, durch Ehrlichkeit, vor allem gegenüber mir selbst, befreie ich mich vom Selbstbetrug und höre auf, andere zu betrügen. Verständnis und Empathie führen mich über mich selbst hinaus, im Erkennen und im Fühlen, schließlich im Wollen und Handeln, denn die Empathie lehrt mich, was andere bedürfen. Die Entwicklung dieser Eigenschaften führt zur Entgrenzung – über die Grenzen meiner Selbstbezogenheit hinaus – und zur Erhebung: Sie sind der sprichwörtliche Schopf, an dem wir uns aus dem Sumpf herausziehen können.

Wer sich empathisch dem Kleinen und Kleinsten zuwendet, legt jede Eitelkeit ab. An die Stelle der Eitelkeit, der Selbstbespiegelung im Anderen, tritt die Bescheidenheit. Bescheiden ist, wer sich dem Wesentlichen zuwendet und darin seinen Grund findet, dem, was man mit Geld nicht kaufen, was man nicht an sich raffen kann, weil es kein äußeres Gut ist. Der Verzicht ist aber in Wahrheit Gewinn, denn wir erwerben durch ihn etwas, das unverlierbar ist, das wir stets von Neuem in uns erzeugen können. 

Wer auf Befriedigung verzichtet, schwächt sich nicht, sondern stärkt sich. Wer Besitz anhäuft, macht sich ärmer. Wer von der Bewunderung der anderen lebt, stirbt an Selbstverachtung.

All dies wird uns nicht geschenkt, sondern von uns erworben. Die Erwerbstätigkeit, der wir nachgehen, wenn wir die genannten Eigenschaften ausbilden, heißt Selbsterziehung. Sie ist die einzige Form von Gewinnerzielung, die nicht auf Kosten anderer erfolgt, sondern auch für andere ein Gewinn ist. Die Griechen, Aristoteles zum Beispiel, nannten diese Form »Katharsis«, Reinigung oder Läuterung. Aber auch christliche Autoren sprachen von ihr. Wunderbar bringt den Sinn der Katharsis die Fußwaschung zum Ausdruck. Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden. Nur wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Frei ist nicht, wer andere beherrscht, sondern wer sich selbst beherrscht.

Es hilft nichts, wenn wir uns über die Schlechtigkeit der Welt beklagen, wir müssen sie verbessern. Wie sollen wir sie aber verbessern, wenn wir selbst das Schlechte in ihr sind und das Schlechte in ihr vermehren?

Das Schlechte in anderen zu erkennen und selbst besser zu sein, sind verschiedene Dinge. Den Splitter im Auge des Anderen zu sehen ist leicht, den Balken im eigenen zu erkennen schwer. Selbsterziehung setzt daher Selbsterkenntnis voraus. Wenn wir uns selbst erkennen, erkennen wir die Welt, sind wir doch Teil von ihr. Und wenn wir uns selbst erziehen, erziehen wir die Welt.

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